Der Killer mit den wachsenden Armen

Seesterne und ihre Verwandten sind gefrässige Räuber. Dass sie am Meeresgrund aufräumen, macht sie einerseits nützlich, andererseits können sie auch grosse Schäden anrichten.

Zahnlos, aber nicht hilflos: Eine Dornenkrone frisst Steinkorallen im für seine Warane berühmten Komodo-Nationalpark, Indonesien. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

Zahnlos, aber nicht hilflos: Eine Dornenkrone frisst Steinkorallen im für seine Warane berühmten Komodo-Nationalpark, Indonesien. Foto: Ullstein Bild, Getty Images

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Sie gelten als harmlos, werden gern als Dekor und als Ornament verwendet. In der Zeichentrickserie «Spongebob Schwammkopf» kommt ein Seestern ­namens Patrick vor, der als ziemlich dämlich dargestellt wird. Das schadet dem Ruf der Tiere. Dazu kommt, dass über das Leben der Seesterne noch lange nicht alles bekannt ist. Die Forschung hat Auftrieb bekommen, seit eine besonders aggressive Art begonnen hat, Korallenriffe zu plündern.

Ihre Fähigkeit, den Meeresgrund zu säubern, ist in diesem Fall nicht willkommen. Seesterne beseitigen Kadaver und Exkremente und sind wichtig für die Wasserqualität. Aber sie sind auch in der Lage, lebende Muscheln zu verzehren. Mit ihren Armen öffnen sie die Muschel ein kleines Stück, dann stülpen sie ihren Magen wie einen umgekehrten Handschuh in ihr Opfer hin­ein und verdauen dieses gleich vor Ort. Ein gewöhnlicher Seestern kann innert 24 Stunden zehn Austern fressen.

Auch Korallen werden zur Beute. Der Stachelseestern (Dornenkrone oder wissenschaftlich Acanthaster planci) hat sich in der Südsee und an der australischen Küste zu einer Landplage entwickelt, wenn man das so sagen darf. Diese Tiere, die einen Durchmesser von bis zu 80 Zentimetern erreichen können, haben 8 bis 21 Arme im Gegensatz zu ihren typischerweise fünfarmigen Verwandten. Alle paar Jahre vermehren sie sich explosionsartig und fressen dann ganze Riffe kahl. Sie selber sind nicht besonders mobil, doch ihre Larven werden von der Meeresströmung leicht verfrachtet. Dornenkronen-Seesterne sind zweigeschlechtlich, die Befruchtung der Eier findet im Wasser statt. Wenn sich grosse Mengen von Tieren versammelt haben, sind die Chancen einer Befruchtung ausserordentlich gut.

Schlecht für Austernzucht

Seesterne und ihre Verwandten (Seeigel, Seegurken) gehören zum uralten Stamm der Stachelhäuter. Die Menschen heute seien wenig an Stachelhäutern interessiert, klagt Coralie Taquet in einem neuen Buch «Les étoiles de mer et leurs cousins». Das komme wohl daher, dass sie weder für die Fischerei wichtig seien noch eine direkte Gefahr für Menschen darstellten. Abgesehen von einigen Austernzüchtern leidet kaum jemand unter den Seesternen. Verletzen kann man sich an den Stachelhäutern nicht, «solange man sie in Ruhe lässt», wie Taquet schreibt.

Seeigel gelten zwar an der Küste als gastronomische Spezialität, die Fangmengen sind aber ganz gering. Die äusserlich wenig attraktiven Seegurken ­dagegen sind in der asiatischen Küche begehrt, ihnen droht bereits die Über­fischung. Ihre Fähigkeit, abgestossene oder verletzte Teile nachwachsen zu ­lassen, interessiert inzwischen die medizinische Forschung. Zum Beispiel könnte man die Biotechnik für die Entwicklung chirurgischer Nahtmaterialien nutzen oder bei der Aufbewahrung von Transplantaten.

Der Massenangriff der Dornenkronen auf die Korallen hat wirtschaftliche Folgen. Tauchferien lassen sich nur verkaufen, solange im Meer etwas zu sehen ist, leere Riffe sind für den Tourismus unattraktiv. Die Erforschung der Stachelhäuter und insbesondere der Dornenkronen ist deshalb intensiviert worden, vor allem in Australien – wobei im Vordergrund meist ihre Bekämpfung steht.

Coralie Taquet und ihr Vater, Co-Autor Marc Taquet, sind skeptisch. «Ist es denkbar und wünschbar, den Killer zu töten?», fragen sie. Sie tendieren zur ­Ansicht ihrer Wissenschaftlerkollegen aus Polynesien, die an einer Konferenz in Tahiti letztes Jahr festgestellt haben: «Je weniger man in die Natur eingreift, desto weniger Fehler macht man.» Das sei allerdings nicht die vorherrschende Meinung, betonen die Taquets. Es seien von den Regierungen grosse Aktionen zur Ausrottung unternommen worden und würden immer noch unternommen. «Keine dieser Operationen hat einen nachhaltigen Erfolg erzielt», stellt Coralie Taquet im Rückblick auf die Massnahmen trocken fest.

Anfänglich wollte man die Seesterne töten, indem man sie zerschnitt. Das war äusserst kontraproduktiv, denn ­Stachelhäuter haben eine erstaunliche Regenerationsfähigkeit: Aus einem Tier wurden zwei. Für die Bekämpfung der Dornenkronen wurden dann verschiedene Gifte eingesetzt. Das war in einem Naturschutzgebiet wie einem Korallenriff schon an sich nicht ideal. Zudem mussten den Tieren mehrere Dosen eingespritzt werden – für die Taucher eine mühselige und nicht ungefährliche Arbeit. Hoffnung setzt man jetzt in die Verwendung von harmlosem Zitronensaft oder Essig, was die Tiere schon nach einmaliger Anwendung töten soll.

Angriff der Impfroboter

Australische Forscher haben auch einen Unterwasserroboter entwickelt, der Injektionen selbstständig durchführen soll. Das würde die Arbeit effizienter und weniger riskant machen. Angesichts der Millionen von Seesternen wäre es dennoch eine Sisyphusaufgabe, aber immerhin besser als die heutige Praktik, die Tiere mit Spiessen einzusammeln. Da man immer nur einen kleinen Teil überhaupt ergreifen kann und die Fruchtbarkeit enorm ist, sind selbst aufwendige Aktionen keine Erfolgsgarantie.

Auch Seesterne haben indessen ihre natürlichen Feinde. Soweit von den erst unzulänglich erforschten Tieren bekannt ist, leben die meisten Seesterne vier bis fünf Jahre. Der Rote Seeigel dagegen kann mehr als hundert Jahre alt werden, und dies erst noch ohne Alterungserscheinungen. Viren, Bakterien, Crevetten und Schnecken können jedoch auch die stacheligsten Stachelhäuter befallen. An der US-Ostküste von Mexiko bis Alaska erkrankten 2013 die Seesterne in katastrophalem Ausmass an einer Viruskrankheit, durch welche sie sich einfach verflüssigten.

Seesterne, Seeigel, Seegurken und noch ein paar andere Vertreter der ­Stachelhäuter stehen eher selten im Mittelpunkt der aktuellen Forschung. Als Bewohner des Meeresgrundes führen sie ein verborgenes Dasein. Bis sie als Spielverderber des Tourismus auf sich aufmerksam gemacht haben, wurden sie weit weniger beachtet als andere Tiere, die unter Wasser etwa mit spektakulären Farben oder schrecklichen Zähnen auffallen. Wie aber Fossilien beweisen, sind die Stachelhäuter seit 500 Millionen Jahren mit dieser diskreten Taktik ganz gut gefahren.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2016, 17:37 Uhr

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