Der Klimawandel lässt die Tiere schrumpfen

Viele Arten werden kleiner, weil sie zu heiss haben oder zu wenig Nahrung finden. Die Anpassung funktioniert aber nicht immer.

Hat seinen Körperbau wie andere Zugvögel angepasst: Der Steinschmätzer. Foto: Getty Images

Hat seinen Körperbau wie andere Zugvögel angepasst: Der Steinschmätzer. Foto: Getty Images

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Für viele Tiere wird der Klimawandel zunehmend zur Bedrohung: Temperaturen steigen, Lebensraum geht verloren, Futter wird knapp. Um zu überleben, haben sie ganz unterschiedliche Strategien entwickelt. Verschiedene Vogelarten beispielsweise legen bereits heute weitere Strecken zurück oder sind nach ­Norden und in die Höhe ausgewichen, wo es kühler ist.

Jetzt belegt eine neue Untersuchung, was bisher nur vermutet wurde: Zugvögel verändern wegen des Klimawandels sogar ihren Körperbau. Ornithologen des Field Museums in Chicago haben festgestellt, dass die Tiere im Lauf der Jahre kleiner und leichter geworden sind. Ihre Körper schrumpften im Schnitt um 2,4 Prozent.

Die Gesamtkörpergrösse, die Beinknochenlänge, die Masse – alles hat in den letzten vierzig Jahren abgenommen. Die Vögel passen sich so an die Erderwärmung an. Denn gemäss der «Bergmannschen Regel» haben kleinere Tiere im Verhältnis zu ihrem Volumen mehr Oberfläche, an der Wärme entweichen kann. Artgenossen in kälteren Regionen sind dagegen meist grösser und kompakter, damit sie mehr Wärme speichern können.

Im Untersuchungszeitraum wuchsen dagegen die Flügel der Vögel um 1,3 Prozent. So könnten sie auch mit kleineren Körpern noch ihre langen Wanderungen unternehmen, schreiben die Forscher, die seit 1978 jedes Frühjahr tote Zugvögel gesammelt, vermessen und katalogisiert haben. Etwa 70’000 Tiere von 52 verschiedenen Arten lagern inzwischen im Magazin des Museums in Chicago. Dass gleich alle untersuchten Vogelarten kleiner wurden, war auch für die Ornithologen eine Überraschung.

Beobachtet seit vierzig Jahren Zugvögel: Der Ornithologe David Willard, Mitautor der neuen Studie. Foto: Getty Images

Die Zugvögel sind indes nicht die Einzigen, die ihren Körperbau verändert haben. Forscher der University of Maryland stellten 2014 einen ähnlichen Effekt bei Salamandern in Nordamerika fest. Diese verbrennen wie andere Landtiere mehr Energie, weil es immer wärmer und trockener wird. Um trotzdem die gleiche Leistung abrufen zu können, schrumpfte der Körper von sechs Salamanderarten in den untersuchten 55 Jahren um durchschnittlich 8 Prozent.

2012 berechnete die kanadische University of British Columbia, wie sich die globale Erwärmung der Meere auf die Tierwelt auswirken könnte. Weil dadurch der Sauerstoffgehalt im Wasser sinkt, können Fische weniger Sauerstoff aufnehmen – und hören früher auf zu wachsen.

Am stärksten betroffen sind den Berechnungen zufolge die Fische in tropischen Gewässern. Im Indischen Ozean werden sie bis ins Jahr 2050 etwa ein Viertel ihres Körpergewichts verlieren, im Atlantik 20 Prozent und im Pazifik 14 Prozent.

Bergziegen in den italienischen Alpen haben einen solchen Gewichtsverlust bereits hinter sich. Forscher der Durham University machten 2014 die Entdeckung, dass die Tiere aufgrund steigender Temperaturen im Gebirge schrumpfen. Sie wogen 25 Prozent weniger als Artgenossen im selben Alter dreissig Jahre zuvor.

Auch auf den Galapagos-Inseln im Pazifik vor Südamerika wurde eine spannende Beobachtung gemacht: Alle paar Jahre verlieren die dort lebenden Leguane bis zu zwanzig Prozent ihrer Körpergrösse, weil sie sich auf das Wetterphänomen El Niño vorbereiten, wo sie weniger Nahrung finden. Dennoch können infolge einer El-Niño-Phase bis zu 90 Prozent der Leguan-Population verhungern.

Andere Tiere sind im Zuge des Klimawandels ebenfalls stark gefährdet. Der neuste Bericht des Weltbiodiversitätsrats zeigte im Mai dieses Jahres deutlich, wie eng klimatische Bedingungen und die Entwicklung der Natur zusammenhängen (lesen Sie hier mehr darüber). Die meisten Tiere sind demnach auf ein ausgeglichenes und stabiles Klima angewiesen. Weil sie dieses nicht mehr vorfinden, ereignet sich auf der Erde gerade ein gigantisches Artensterben.

Erstellt: 09.12.2019, 22:28 Uhr

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