Der Luft gehts immer dreckiger

Eine neue Studie zeigt, dass Indien und China künftig massiv unter der Luftverschmutzung leiden werden, wenn die Emissionen wie bis anhin steigen. Das hätte auch Folgen für Europa.

Dicke Luft: Städte wie Peking, die bereits heute unter massiver Verschmutzung leiden, müssen noch mit deutlichen Verschlimmerungen rechnen.

Dicke Luft: Städte wie Peking, die bereits heute unter massiver Verschmutzung leiden, müssen noch mit deutlichen Verschlimmerungen rechnen. Bild: Reuters

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Saubere Luft ist schon lange kein unbeschränkt vorhandenes Gut mehr. Seit Epidemiologen aufzeigen konnten, dass ein hoher Anteil Feinstaub auf Dauer den Herzkreislauf und die Atmungswege belasten kann. Seit für Asthma und Lungenkrankheiten auch hohe Ozonkonzentrationen verantwortlich gemacht werden können. Die UNO-Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass weltweit jedes Jahr 1,3 Millionen Menschen an den Folgen der Luftverschmutzung sterben – Tendenz steigend. Besonders betroffen sind Menschen in aufstrebenden Staaten wie Indien und China.

Massiv steigende Werte

Ohne strenge Massnahmen in der Lufthygiene und einen deutlichen technologischen Fortschritt sieht die Zukunft in diesen asiatischen Staaten nicht rosig aus. Das zeigt eine neue Studie, die in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «Atmospheric Chemistry and Physics» veröffentlicht wurde. Die Luftverschmutzung in Ostasien, insbesondere durch Stickoxide, Schwefeldioxid und Feinstaub, wird bis zum Jahr 2050 mindestens doppelt so stark sein. In der arabischen Golfregion steigen namentlich die Ozonwerte massiv an.

Die Forscher haben erstmals jene fünf Luftschadstoffe weltweit untersucht, die nach dem Stand der Wissenschaft besonders gesundheitsschädlich sind: Feinstaub, der kleiner ist als 2,5 Mikrometer (Tausendstel Millimeter) und bei der unvollständigen Verbrennung von fossilen Treib- und Brennstoffen entsteht. Stickoxide sind ebenfalls ein Verbrennungsprodukt und gelangen zu einem grossen Teil über Abgase in die Luft. Das Reizgas Ozon entsteht an sonnigen Tagen aus Stickoxiden und Kohlenwasserstoffen. Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid entstehen ebenfalls aus Verbrennungsprozessen.

Schlimmstes Szenario

«Es ist wenig überraschend, dass die Luft in Indien und China schlechter sein wird als heute. Aber einen solchen starken Anstieg in Indien haben wir nicht erwartet», sagt der Hauptautor der Studie, Andrea Pozzer vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Der Grund ist für Pozzer eindeutig: «Das enorme Bevölkerungswachstum in dieser Weltregion und der damit verbundene Wirtschaftsboom können manchenorts in Ostasien zu einem Verschmutzungsgrad führen, der für die Menschen toxisch ist.»

Die Forscher haben in ihrer Untersuchung allerdings den schlimmsten Fall aller Szenarien angeschaut: Sie gingen davon aus, dass bis zum Jahr 2050 global keine Fortschritte in der Lufthygiene gemacht würden. Als Basis für ihre Zukunftsprojektionen verwendeten sie Messdaten aus einer europäischen Datenbank aus dem Jahr 2005. Eine Simulation mithilfe des chemischen Atmosphärenmodells Emac berechnete dann die Entwicklung der nächsten 40 Jahre.

Entwicklung wie in London

Auch wenn in den vergangenen sieben Jahren in China und Indien einiges in den Umwelt- und Klimaschutz investiert wurde, glaubt Andrea Pozzer dennoch, dass die Worst-Case-Annahme durchaus realistisch sei. «In Wirklichkeit ist international trotzdem nicht viel passiert», sagt er. Die Entwicklung in diesen Staaten, so Pozzer, sei vergleichbar mit London im 19. Jahrhundert. Die britische Hauptstadt erstickte damals durch die Industrialisierung und das Bevölkerungswachstum im Smog.

Tatsächlich zeigen die globalen Emissionstrends nach wie vor deutlich nach oben. «Die internationalen Klimaverhandlungen sind schleppend, und es ist unklar, ob Massnahmen zur Luftqualität künftig weltweit wirken», sagt Co-Autor Greet Janssens-Maenhout vom Forschungszentrum der Europäischen Kommission im italienischen Ispra.

Nimmt man in diesem Zusammenhang Emissionstrends von 1990 bis 2005 als Massstab, so werden gemäss Emissionsmodellen alle Anstrengungen zum Beispiel durch Energieeffizienz zunichte gemacht. Der Energiekonsum wird zwar gegenüber der Wirtschaftsleistung relativ abnehmen, trotzdem wird das globale Wirtschaftswachstum den Energieverbrauch bis 2050 um 75 Prozent ansteigen lassen. Weiter darf man laut Modellrechnungen davon ausgehen, dass ohne Fortschritt der Anteil der fossilen Energien am Brenn- und Treibstoffmix in den nächsten zwanzig Jahren immer noch bei 75 Prozent sein wird.

Auch in der Landwirtschaft werden namentlich die Stickstoffemissionen künftig ohne Gegensteuer deutlich ansteigen. Agrarforscher schätzen eine Steigerung der weltweiten Produktion bis 2050 um mehr als 50 Prozent, damit die für dann prognostizierten neun Milliarden Menschen auch wirklich ernährt werden können.

Globale Auswirkungen

Der Druck des Bevölkerungswachstums lässt sich in der neuen Studie eindrücklich mit einem länderspezifischen Verschmutzungsindex darstellen. Dieser setzt die gemessenen und simulierten Luftschadstoffe ins Verhältnis mit den empfohlenen Werten der WHO und der Bevölkerungsdichte. Das Ergebnis ist wenig erfreulich: Staaten wie China, Bangladesh, Indien liegen bis zum dreifachen Wert über dem globalen Schnitt. Die Luftqualität wird sich derart verschlechtern, dass der weltweite Index in den nächsten 50 Jahren mit den Verhältnissen in Ostasien vergleichbar ist.

Aber auch Europa würde nach diesen Modellen trotz relativ strengen Auflagen an Luftqualität verlieren. Vor allem die Stickoxidkonzentration wird ohne weitere Gesetzesverschärfungen ansteigen. Und auch wenn die Luftverschmutzung vielfach regional festgestellt wird, kann sie doch globale Ausmasse erreichen. «Durch die weltweite atmosphärische Zirkulation der Luftschadstoffe besteht die Gefahr, dass die Luftqualität in Europa verschlechtert wird», sagt Stefan Reimann von der Abteilung Luftfremdstoffe der Empa in Dübendorf.

Es liegt in der Natur von Modellrechnungen, dass sie die Realität nur beschränkt abbilden können. Das ist auch in dieser Studie nicht anders. So unterschätzen die Modelle im Vergleich zu gemessenen Daten den Konzentrationsverlauf der Stickoxide. Andere Schadstoffe wiederum werden zu hoch geschätzt. Trotzdem ist sich Autor Andrea Pozzer sicher: «Es braucht international wesentlich schärfere Umweltgesetze.»

Erstellt: 03.08.2012, 23:00 Uhr

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