Der Schafhirte, der den Wolf beschützt

Der Wolf ist der Feind von David Gerke. Eigentlich. Doch der Mann, der im Sommer auf der Alp lebt, setzt sich sehr bewusst für das Raubtier ein.

Manchmal ist hier während Wochen kein anderer Mensch zu sehen: David Gerke, Hirte und Präsident der Gruppe Wolf, auf der Alp Gadriola. Foto: Tanja Demarmels

Manchmal ist hier während Wochen kein anderer Mensch zu sehen: David Gerke, Hirte und Präsident der Gruppe Wolf, auf der Alp Gadriola. Foto: Tanja Demarmels

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Wenn David Gerke weiss, dass der Wolf in der Gegend ist, wird er unruhig. Der Puls geht schneller, er schläft schlechter, und er reagiert auf kleinste Regungen: auf die Hirsche, die davonstieben, auf die Vögel, die aus einer Baumkrone auffliegen, auf seinen Hund, der leise zu wimmern beginnt. Kürzlich schreckte Gerke um Mitternacht aus dem Schlaf auf, weil er die Glocken seiner Schafe hörte – eigentlich schlafen sie zu dieser Zeit tief und fest. Er hielt kurz inne, schloss dann aber beruhigt die Augen; es war kein «Panikglöggle», sondern ein friedliches Gebimmel.

Gerke (29) ist Schafhirt auf der Alp Gadriola in Nufenen, sein natürlicher Feind ist der Wolf. Gerke ist aber auch Präsident der Gruppe Wolf Schweiz und versucht als solcher, seinen Feind zu schützen. Widersprüchlich findet er das nicht. Sein Interesse an Wolf und Schaf, an Jäger und Beute, ist seit 2001 zusammen gewachsen. Im Frühling wanderte damals ein Wolf ins Bergell ein, im Sommer riss er Tiere, im Herbst war er tot. «Endlich erledigt», schrieb der «Blick» unter das Foto des toten Tiers, das im Churer Naturmuseum wie eine Trophäe der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Es wurden aber auch Bilder von Schafen veröffentlicht, die vom Wolf übel zugerichtet worden waren. Liebe Tiere, die nichts dafür könnten, sagt Gerke. Er, der sich damals schon gerne in der Natur aufhielt, fischte und wanderte, begann sich für beide zu interessieren.

Niemand kommt zufällig vorbei

Gerke öffnet die Tür zu seiner Hütte – und winkt ab, als seine Gäste die Wanderschuhe säubern wollen. Das sei eine Hirtenhütte, sagt er, auch etwas stolz. Eine Hirtenhütte ist nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, mit Tisch, Schrank, Bett, Holzofen. Mehr brauche es nicht, meint Gerke. Fernsehen, Bad, Computer, das alles sei überflüssig – schliesslich erledigten sich fast alle seine Mails selber, während er auf der Alp ist. Wasser holt er aus dem Brunnen vor der Hütte. Und seit eine Lawine das WC-Häuschen mitgerissen hat, ist die Toilette überall im Freien. Gerke hütet bereits den sechsten Sommer Schafe, der Rest des Jahres ist er Projektleiter bei Pro Natura. Er ist Sohn eines Juristen und einer Wirtschaftsinformatikerin und hat an der Uni Bern Biologie und Geografie studiert. Während der hundert Tage, die er auf der Alp lebt, sieht er manchmal über Wochen keinen Menschen, im Sommer ab und zu «Beeri­wiiber» aus dem Dorf, im Frühherbst Jäger. Niemand kommt hier zufällig vorbei – zur Alp führt nur ein Trampelpfad, der sich immer wieder in abschüssigen Geröllhalden und Tobel mit vereistem Schnee verliert.

Erst noch standen seine 400 Schafe träge in der Sonne. Wenn Gerke aber mit einem grossen Eimer auf die Weide kommt und Salz auf die Steine streut, kommt Leben in die Herde. Die Schafe laufen aus allen Richtungen heran, wackeln aufgeregt mit den Ohren und schütteln sich in freudiger Erwartung wie nasse Hunde. Sie sammeln sich um die Steine, drängeln, schubsen und stossen einander weg. Das Gebimmel schwillt an, bis es von den Felswänden hallt. Die grossen Glocken geben dem Geläut den Körper, die Kleinen machen die Musik.

Der Wolf kommt in der Nacht

Tagsüber muss Gerke keine Angst um seine Schafe haben. Der Wolf, das scheue Tier, kommt in der Nacht. Wohl würde sein Hund angeben, Gerke müsste ihn aber in der Hütte in Sicherheit bringen; Razer ist ein Hütehund, kein Herdenschutzhund, und wäre dem Wolf hoffnungslos unterlegen. Um die Schafe zu schützen, pfercht er sie jeden Abend ein. Selbst auf entlegene Weiden nimmt er stets Netz und Batterie mit, spannt einen Zaun und setzt diesen unter Strom.

Seit Jahren entzweit eine Frage Wolfsfeinde und Wolfsfreunde: Wie lässt sich verhindern, dass der Wolf Nutztiere reisst? Die Feinde wollen ihn abschiessen, die Freunde die Herden schützen. Für Gerke ist der Herdenschutz die einzige wirkungsvolle Massnahme. Im Wallis, wo die Herden schlecht geschützt seien, würden viele Tiere gerissen. Im Bündner Calanda­gebiet hingegen, wo ein ganzes Rudel Wölfe lebe, die Herden aber besser geschützt würden, gebe es nur wenige Verluste. Das zeige: Die Zahl der Tiere spiele keine Rolle. Gerkes Meinung nach hätte es in der Schweiz Platz für 200 Wölfe, heute sind es etwa 20. Das geplante Wolfskonzept des Bundes, das das Abschussverbot des geschützten Tiers lockern will, gehe deshalb in die falsche Richtung: «Es taugt nur dazu, Jäger und Bevölkerung zu beruhigen.» Weniger Schafe würden deshalb aber nicht gerissen.

Gerke ist kein Radikaler. Er redet ruhig, ja nüchtern über den Wolf, wie ein Wissenschaftler, der sein Studienobjekt unter dem Mikroskop betrachtet. «Man kann so einen auch einmal zum Abschuss freigeben, wenn er viele Tiere reisst», sagt er etwa. Dennoch ist er seit Februar das Feindbild vieler Jäger. Er bekam Morddrohungen per SMS und Anrufe von Unbekannten, die ihn aufs Übelste beschimpften. Dies, weil die Gruppe Wolf ein Kopfgeld auf jenen Wilderer aussetzte, der in Tamins einen Wolf geschossen hatte; er wurde bis heute nicht gefasst. Die Stimmung drohte sich zu entladen. Dabei, sagt Gerke, habe auch schon Pro Natura Belohnungen auf Fuchswilderer ausgesetzt, wenn auch nicht in Wildwestmanier. Die Drohungen hätten ihn beschäftigt, Angst habe er aber nicht. Auch unter Wolfsfreunden gebe es «die gleichen Idioten», die ­Andersdenkende bedrohten.

Als Schafhirte, Jäger und Wolfsfreund ist David Gerke der Mann, um zwischen diesen drei Gruppen zu vermitteln, die es eigentlich überhaupt nicht miteinander können. Es läuft nicht schlecht. Was immer er gefragt wird, er argumentiert, belegt, vergleicht und leitet her, bis am Ende jeder sagen muss: «Stimmt eigentlich.» Nur eine Gruppe, so sagt er, werde er nie überzeugen können: die Mütter. Zwar erzählt er ihnen von Spanien, wo Wölfe in den Dörfern nach Abfall suchen und noch nie ein Kind angegriffen haben. Aber wenn sich Mütter Sorge um ihre Kinder machten, gebe es kein Argument dagegen. Und schon gar nicht, wenn es von einem kinderlosen Mann komme.

Bis heute hat Gerke den Wolf hier noch nie gesehen, nicht einmal auf einem Bild aus seinen Fotofallen, die der Wolf auf dem Weg zur Alp passieren müsste. Dafür hat er stapelweise Fotos von Hirschen, Gemsen und Hasen, nun auch ein Gruppenbild mit Hirt, Fotografin und Journalistin, die interessiert in die Kamera schauen. Aber der Wolf war da. Vergangenes Jahr hat er auf der anderen Talseite ein Schaf gerissen – und ist verschwunden. Kurze Zeit später stand in der Zeitung: «Junger Calandawolf von Zug überfahren.» Dennoch wird Gerke auch künftig unruhige Nächte haben; es wird wieder ein Wolf kommen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2014, 06:41 Uhr

Hirte David Gerke: «Das Wolfskonzept taugt nur, um Jäger und Bevölkerung zu beruhigen.»

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