Hintergrund

Der Streit um den Goldenen Reis

Der Kampf um den genveränderten Goldenen Reis spitzt sich zu. Das Nahrungsmittel könnte in armen Regionen Leben retten. Greenpeace wehrt sich gegen die Lancierung – Forscher starten eine Offensive.

Wissenschaftler protestieren gegen Greenpeace: Patrick Moore (zweiter von links) fordert eine rasche Zulassung des Goldenen Reis, was die Umweltorganisation verhindern will. (Bild: pd)

Wissenschaftler protestieren gegen Greenpeace: Patrick Moore (zweiter von links) fordert eine rasche Zulassung des Goldenen Reis, was die Umweltorganisation verhindern will. (Bild: pd)

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Es ist eine ungewöhnliche Szene, die sich heute vor dem Greenpeace-Quartier in Brüssel abgespielt hat: Für einmal demonstrierte nicht die Umweltschutzorganisation für ihre Anliegen, sondern Wissenschaftler und Aktivisten – gegen Greenpeace. Die Aktion ist Teil einer grossangelegten Kampagne in ganz Europa. Die Organisatoren des Protestes wollen den «Meinungskampf» mit Greenpeace über ein Thema aufnehmen, das seit 14 Jahren die Gemüter bewegt: Goldener Reis.

Dabei handelt es sich um eine mit Vitamin A angereicherte Sorte, die gelb schimmert. Sie wurde bereits 1999 von einem Forschungsteam aus der Schweiz und aus Deutschland entwickelt, wäre schon längst marktreif – und wartet noch immer auf die Zulassung. Der Grund: Die Wissenschaftler Ingo Potrykus (ETH Zürich) und Peter Beyer (Universität Freiburg) haben den Goldenen Reis mit Gentechnik erzeugt. Die Erfinder betonen jedoch den humanitären Zweck des Nahrungsmittels: Jährlich sterben oder erblinden gemäss der Weltgesundheitsorganisation zwei Millionen Menschen – vorwiegend Kinder – wegen Vitamin-A-Mangels. Eine halbe Tasse Goldener Reis pro Tag könnte gemäss den Wissenschaftlern diese Erkrankungen verhindern. Doch dazu ist es bislang nicht gekommen: Die Gegner des Nahrungsmittels, allen voran Greenpeace, wehren sich gegen jegliche Art von Gentechnik.

Testfelder zerstört

Die aktuelle Kampagne für den Goldenen Reis ist der vorläufige Höhepunkt eines erbitterten Kampfes zwischen den Umweltschützern von Greenpeace und einer Gruppe von Wissenschaftlern und Sympathisanten, die sich im Unternehmen «Allow Golden Rice Now» zusammengeschlossen haben. Ausgerechnet Patrick Moore, der einstige Mitgründer von Greenpeace, setzt sich an vorderster Front für die Zulassung des Nahrungsmittels ein. «Vitamin-A-Mangel tötet weltweit mehr Kinder als irgendetwas anderes. Dabei wäre das Problem mit Goldenem Reis so einfach zu lösen», begründet der kanadische Ökologe sein Engagement gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Mit seinen früheren Weggefährten bei Greenpeace hat er sich bereits vor Jahren überworfen, «weil sie nicht mehr den Frieden, sondern zunehmend grüne Anliegen in den Vordergrund gestellt haben». «Heute sieht Greenpeace die Menschen als Feinde unseres Planeten – und nimmt dabei anti-wissenschaftliche Positionen ein.»

Insbesondere mit der pauschalen Ablehnung der Gentechnik mache sich die Umweltschutzorganisation «eines humanitären Verbrechens schuldig»: Wenigstens für den Anbau des Goldenen Reises müsste die Organisation eine Ausnahme in ihrer rigorosen Haltung machen, um Menschenleben zu retten, fordert Moore. «Wir hätten seit Jahren eine kostengünstige und nachhaltige Lösung gegen den Vitamin-A-Mangel, die nicht umgesetzt werden darf.» Mehr noch: Die Forschung wird aktiv behindert. Staatliche Testfelder auf den Philippinen waren letzten Sommer von 400 Aktivisten zerstört worden. Moore und seine Mitstreiter vermuten Greenpeace hinter der Aktion.

Greenpeace macht sich für Präparate stark

Die Umweltschutzorganisation argumentiert, dass es gegen den Vitamin-A-Mangel bereits bewährte Strategien gebe: So würden in armen Regionen etwa entsprechende Präparate verteilt. Auch Gärten für Obst und Gemüse hätten sich in diesen Regionen bewährt. Viele Länder würden Vitamin A zudem den Nahrungsmitteln Mehl und Zucker beimischen. Indien und die Philippinen beispielsweise würden alle diese Ansätze kombinieren. Genmanipulierter Reis dagegen sei «völlig ungeprüft und seine Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit sind absolut unbekannt», sagt Yves Zenger, Pressesprecher von Greenpeace Schweiz, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Ausserdem würden Monokulturen zu einer noch einseitigeren Ernährungsweise verleiten. «Mangel- und Unterernährung sind ein Zeichen von Armut. Dagegen hilft keine Gentechnik. Es braucht den politischen Willen, das Problem ernsthaft zu lösen und die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen – etwa für die Verteilung von Vitamin-A-Präparaten.»

Patrick Moore kennt diese Argumente – und lässt sie nicht gelten: «Statt viel Geld in die Logistik zur Verteilung solcher Vitamin-A-Präparate zu stecken, hätten wir mit dem Goldenen Reis bereits ein günstiges und nachhaltiges Mittel.» Er verweist darauf, dass das Saatgut gratis an die Bauern in Südostasien und Afrika abgegeben würde. Die Aussage von Greenpeace, der Reis sei nicht getestet worden, macht ihn wütend: «Das ist schlicht eine Lüge. Er wurde an Erwachsenen und Kindern in den USA und China getestet. Und auf Feldern in Bangladesh, Vietnam und auf den Philippinen angepflanzt – damit es auch lokale Variationen gibt.» Greenpeace kritisiere die mangelhafte Erforschung, habe diese aber mit der Zerstörung der Felder selbst um Jahre zurückgeworfen. Dass die Umweltschützer das Problem zwar anerkennen, aber gleichzeitig Spendengelder zur Verhinderung von dessen Lösung sammeln würden, sei «unmoralisch», enerviert sich Moore.

Widerstand vor allem in Europa

Und die Wissenschaftler um Moore gehen sogar noch weiter: Mit dem politischen Einfluss, den Greenpeace in Europa habe, verhindere die Organisation die Etablierung des Goldenen Reises, sind sie überzeugt. Dabei sei der Widerstand nur auf dem alten Kontinent so stark: «In 28 Industrieländern werden bereits gentechnisch veränderte Lebensmittel angebaut. Die Menschen in Europa, die sich pauschal gegen Gentechnik sträuben, sehen nicht, wie Bewohner urbaner Slums in entfernten Ländern an Vitamin-A-Mangel sterben.»

Darum will die Organisation «Allow Golden Rice Now» die Europäer nun während zweier Wochen über die Hintergründe des Lebensmittels informieren. Hinter der aktuellen Offensive steht ein Schweizer: Der emeritierte Botanikprofessor und Gentechnik-Experte Klaus Ammann hat die Aktionen – Pressekonferenzen, Demonstrationen vor den Greenpeace-Zentralen, Podiumsdiskussionen – in Frankfurt, Berlin, Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Rom, Norwich und London orchestriert. Nächste Woche steht auch ein Zwischenhalt in Bern auf dem Programm. Er ist überzeugt, dass es seiner Gruppe aus Wissenschaftlern damit gelingt, ein Umdenken herbeizuführen. «Ich kämpfe seit 14 Jahren für mehr Wissenschaftlichkeit in der Debatte um den Goldenen Reis.»

Erstellt: 23.01.2014, 21:01 Uhr

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Das Beta-Carotin verleiht ihm die gelbe Farbe: Goldener Reis (links) neben nicht gentechnisch verändertem Reis. (Bild: zvg)

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