Der konvertierte Klimaforscher

Der US-amerikanische Physiker Richard A. Muller gehörte zu den profiliertesten Zweiflern an der Klimaerwärmung. Nach eigenen Studien hat er nun seine Meinung geändert.

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«Nennen Sie mich einen konvertierten Skeptiker.» So beginnt Richard A. Muller seinen viel beachteten Aufsatz in der «New York Times». Auf einer Meinungsseite, deren Inhalt nicht mit der Haltung der Redaktion übereinstimmt. Die «Süddeutsche» liess den Beitrag übersetzen und druckte ihn in ganzer Länge ab.

Der Physikprofessor an der University of California in Berkeley ist der Initiator des Klimaprojektes «Best – Berkeley Earth Surface Temperature». Unter seiner Leitung wertete ein Forscherteam alle weltweit verfügbaren Daten des Global Historical Network seit 1753 nochmals aus und verglich die globalen monatlichen Temperaturmittel auf dem Land mit den bekannten Daten unter anderem der Nasa und dem britischen Hadley Centre.

Schlussfolgerungen anderer Forscher bestätigt

Die Erkenntnis der Forscher: Es ist seit den 50er-Jahren auf dem Land im globalen Durchschnitt 0,87 Grad Celsius wärmer geworden. Der Fehler liegt laut den Forschern bei plus/minus 0,05 Grad. Das Eingeständnis von Richard Muller liest sich so: «Die globale Erwärmung ist Realität, und bisherige Schätzungen über das Ausmass sind korrekt.» Der Physiker geht noch einen Schritt weiter: «Die Menschheit ist nahezu die alleinige Ursache für den Anstieg.»

Damit hat Muller bestätigt, was der UNO-Klimarat IPCC 2007 in seinem vierten Zustandsbericht erklärte und Klimaforscher wie der Amerikaner Ken Caldiera bereits vor bald 20 Jahren verkündeten. Die Worte des Stanford-Forschers auf der Onlineplattform Climate Progress klingen denn auch ironisch: «Ich bin froh darüber, dass Muller die Daten angeschaut hat und zum gleichen Schluss kommt wie fast alle Forscher vor mehr als zehn Jahren.» Trotzdem war die Studie der «New York Times» und der «Süddeutschen» so interessant genug, um dem Berkeley-Physiker einen grossen Auftritt zu verschaffen. Obwohl dessen Ergebnisse noch in keiner anerkannten Wissenschaftszeitschrift veröffentlicht worden sind. Das heisst: Die Ergebnisse sind keineswegs «peer-reviewed», also von unabhängigen Experten geprüft. Ein Grund war wohl das seltene Ereignis, dass ein Skeptiker der Klimaerwärmung seine Meinung ändert.

Zweifel an der Hockey-Kurve

Der 68-jährige Richard A. Muller ist vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Bücher bekannt geworden. Er war mehrere Jahre Kolumnist der «Technology Review» des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Erste Skepsis an den Methoden der Klimaforschung äusserte er in einem MIT-Aufsatz 2004, in dem er sich überrascht zeigt, dass die bekannte «Hockey-Kurve» möglicherweise mathematische Fehler aufweist.

Michael Mann von der University of Massachusetts hatte die globale Temperaturkurve für die letzten 1000 Jahre rekonstruiert. Sie wurde durch die Veröffentlichung des IPCC-Klimaberichtes 2003 zum Sinnbild der Erderwärmung, die in den letzten rund 100 Jahren stark zunahm. Neue Daten und Rekonstruktionsmethoden hatten gezeigt, dass die natürliche Schwankung in der Vergangenheit stärker war als angenommen. Die starke Erwärmung in den letzten Jahrzehnten war jedoch bei den meisten Klimaforschern nie infrage gestellt, weil die Abweichungen der Temperatur innerhalb des Fehlerbereiches zu finden waren, die Mann bei seiner Rekonstruktion angab. Muller jedoch hatte seither Zweifel, ob es überhaupt eine globale Erwärmung gab. Mit seinem Projekt «Best» hat er nun die «harten Daten» geprüft.

Ausschliesslich ländliche Messstationen

Unabhängig, transparent, komplett. So heisst es auf der Website des Projekts, auf der alle Daten und Ergebnisse gesichtet werden können. Die Forscher verwerteten die Messdaten von 36'000 Wetterstationen. «Wir haben die Einwände der Skeptiker sorgfältig analysiert», schreibt Muller in der «New York Times». So wurde auf meteorologische Stationen in Städten verzichtet, weil diese vielfach Hitzeinseln sind und die Temperaturdaten verzerren. «Wir haben unsere Ergebnisse allein mit ländlichen Stationen reproduziert», so Muller. Zudem wurden alle Messstationen mit statistischen Methoden auf ihre Qualität geprüft.

Auch wenn seine Studie zeigt, dass der Ausstoss des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) die beste Erklärung für die aktuelle Erderwärmung ist, so will er den Skeptiker nicht ganz abstreifen. Diese Tatsachen würden keine Kausalität belegen, schreibt Richard Muller. Aber ernsthaft geprüft werden muss die CO2-Erklärung seiner Ansicht nach, weil es keine Alternativen gibt, die derart gut zu den Daten passen wie CO2.

Die Verwandlung des einstigen Zweiflers scheint auf die Klimaforscher wenig Eindruck zu machen. «Die beste Antwort für diesen Zirkus ist, sich zurückzulehnen», schreibt zum Beispiel Gavin Schmidt vom Nasa Goddard Institute for Space Studies auf der wichtigen Online-Klimaplattform Real Climate.

Diskussion geht weiter

Anders die Gilde der Klimaskeptiker. Kaum hatte Muller seinen Beitrag in der «New York Times» publiziert, reagierte Mullers einstiger Gefährte Anthony Watts, Präsident der amerikanischen Wettervorhersagefirma Intelli Weather, mit einer neuen, ebenfalls noch unveröffentlichten und ungeprüften Studie. Darin wirft er der US-Wetter- und Meeresbehörde Noaa vor, die Klimadaten der letzten 30 Jahre seien deutlich verfälscht. Der Temperaturtrend sei nach Qualitätsbereinigung der Messstationen in den USA nur halb so stark. Wie auch immer: Der Wunsch von Richard A. Mulller wird wohl auch in nächster Zeit nicht ganz in Erfüllung gehen. «Ich hoffe, dass unsere Analyse dazu beiträgt, die wissenschaftliche Debatte über die globale Erwärmung und die menschliche Verantwortung beizulegen.»

Interessant in diesem Zusammenhang ist übrigens auch, wie die Koch Foundation in Zukunft agieren wird. Sie hat Mullers Arbeit unterstützt. Die Stiftung gehört den Brüdern Charles und David Koch, die Milliarden durch Ölraffinerien und den Handel mit Kohle verdienen. Jahrelang hat die Stiftung laut Greenpeace Organisationen mit Millionen Dollar unterstützt, die den Klimawandel leugnen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2012, 08:56 Uhr

Geläuterter Skeptiker des Klimawandels: Richard A. Muller. (Bild: PD)

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