Der rätselhafte Rekord-Samen auf den Seychellen

Können Pflanzen sich um ihre Sprösslinge kümmern? Sie können, entdeckten Forscher nun. Die Coco-de-Mer-Palme produziert nicht nur die grössten Samen der Welt, sondern versorgt auch ihre Ableger.

Die männlichen Bäume der Seychellen-Palme haben bis zu 90 Zentimeter lange Blütenstände. Foto: Rene van Bakel (ASAblanca, Getty)

Die männlichen Bäume der Seychellen-Palme haben bis zu 90 Zentimeter lange Blütenstände. Foto: Rene van Bakel (ASAblanca, Getty)

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Weit weg vom Rest der Welt, mitten im Indischen Ozean, ragen auf zwei Inseln der Seychellen bis zu 20 Meter hohe ­Palmen in den Himmel. Hoch oben in ­ihren Wipfeln wächst der grösste und schwerste Samen der Welt heran. Er kann circa 18 Kilogramm schwer sein und erinnert so manchen an die Form ­eines weiblichen Gesässes. Gut verpackt liegt der rund 30 Zentimeter grosse ­Rekord-Samen in der grünbräunlichen Schale der Coco-de-Mer-Nuss, die ihn vor dem harten Aufprall auf den Boden schützt.

«Weil die bis zu 90 Zentimeter langen, männlichen Blütenstände auch noch wie ein Phallussymbol aussehen, beflügelt dies die Fantasie der Menschen geradezu», sagt Christopher Kaiser-Bunbury von der Technischen Universität Darmstadt, der die Pflanze auf den Seychellen seit einigen Jahren untersucht. So glauben viele Einheimische daran, dass die männlichen Palmen sich bei Vollmond zu den weiblichen neigen würden. Gesehen habe dies natürlich noch niemand, da es gemäss der Sage den Betrachter sofort in einen schwarzen Papagei verwandeln würde.

Wie der geheimnisumwitterte Bestäubungsakt unter dem Kronendach der Coco-de-Mer-Palmen tatsächlich vonstattengeht, ist nach wie vor auch für die Wissenschaftler ein Rätsel. Um dies zu lüften, scheuen die Forscher keine Mühen und haben unter anderem jetzt auch Fotofallen an der Pflanze angebracht sowie die dort heimischen, grossen Geckos mit Radio-Transmittern ausgestattet. «Nur so können wir feststellen, welches Tier bei der Bestäubung die Schlüsselrolle spielt und den nährstoffreichen Pollen von A nach B trägt», erklärt Kaiser-Bunbury. Der Wind kommt als Bestäuber eher nicht infrage, weil dazu die dafür typischen Strukturen an den Blüten fehlen.

Verführerische Duftstoffe

Dagegen gibt es eine ganze Liste von möglichen Kandidaten aus dem Tierreich, von Bienen über Fliegen bis zu Geckos. Voraussetzung ist, dass sie sich sowohl von den nährstoffreichen Pollen des männlichen Blütenstands sowie auch vom Nektar des weiblichen Blütenstands ernähren. «Dank der technischen Hilfen können wir das Tier quasi auf frischer Tat ertappen», sagt der Darmstädter Biologe. Um einen Bestäuber anzulocken, betreibe die Pflanze selbst einen grossen Aufwand. Denn sie stecke viel Energie in die Produktion der hellgelben Farbe der Blüten und deren Geruch. Im Wald rieche es somit während der mehrmonatigen Blütezeit äusserst angenehm nach einem Duftcocktail aus Moschus und Ananas.

Wie die Pal­me die gröss­ten Sa­men der Welt überhaupt bil­den kann, ob­wohl sie auf äu­sserst nähr­stoff­ar­men Bö­den ge­deiht, haben die Forscher indes bereits herausgefunden. Laut der in der Fachzeitschrift «New Phytologist» vor kurzem veröffentlichten Studie hat sich die Pflanze im Lauf der Evolution ein ­eigenes, ausgetüfteltes Recyclingsystem ­geschaffen, bei dem alles verwertbare biologische Material zurück in den eigenen Kreislauf geführt wird. Denn ihre grossen Blätter bilden einen Trichter, sodass die auf ihnen befindlichen Pollen, abgefallenen Blüten oder auch Tierkot bei Regenwetter über den Blattstiel direkt zum Stamm des Baums heruntergespült werden.

Perfektioniertes Recycling

«Das ist fantastisch und einmalig», sagt Peter Edwards von der ETH Zürich, der gemeinsam mit Kaiser-Bunbury und Frauke Fleischer-Dogley, der Chefin der Seychelles Islands Foundation, die Biologie der Pflanze derzeit erforscht. Nichts falle daneben, sodass auch ein Spaziergänger bei strömendem Regen unter dem grossflächigen Blätterdach im Wald kaum nass werde. Das Recycling-Management sei zudem so optimiert, dass zwei Schneckenarten die Blattstiele so säubern, dass die nährstoffreiche Fracht noch besser – ähnlich wie bei einer Dachrinne – gezielt abfliessen könne.

Weil die reife Coco-de-Mer-Nuss mit dem darin eingeschlossenen Samen direkt neben die Mutterpflanze herunterfalle und auch dort keime, betreibe diese eine Art Brutpflege. Denn sie kümmere sich und versorge ihre Nachkommen auch weiterhin mit wichtigen Nährstoffen, die es in dem sonst so kargen Untergrund auf den Seychellen nur sehr begrenzt gebe, erklärt Kaiser-Bunbury. Die Pflanze sei extrem effizient und habe geeignete Strategien entwickelt. So holt sie beispielsweise auch die in den Blättern gespeicherten Nährstoffe wie Phosphate wieder zurück, bevor die Blätter nach 20 bis 40 Jahren absterben und auf den Boden fallen. Nichts wird also verschwendet, sondern alles möglichst woanders wieder gebraucht und sinnvoll eingesetzt.

Trotz aller Raffinessen und Tricks steht die Seychellen-Palme, die nur auf den Inseln Praslin und Curieuse vorkommt, auf der Liste der bedrohten Arten. Das Problem ist, dass sie zum einen nur wenige Samen herstellt, die auch von Touristen als Souvenir sehr begehrt sind; und dass zum anderen Wilderer seit ein paar Jahren nachts heimlich auf die Bäume steigen und die Früchte herunterholen. «Das gemahlene Fruchtfleisch der Nüsse gilt in Asien als Potenzmittel und lässt sich dort lukrativ verkaufen», sagt Kaiser-Bunbury. Die illegale Ernte der sagenumwobenen Nüsse führe ­jedoch zu einer Übernutzung, die auf Dauer die Existenz der Art weiter ­gefährde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2015, 18:03 Uhr

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