Der smarte Wissenschaftler, der für die Umwelt ins Gefängnis geht

James Hansen gehört zu den besten Klimaforschern der Erde. Er kämpft vehement gegen Kohlekraftwerke.

James Hansen leitet in den USA ein renommiertes Institut. Bild: Murdo McLeod (Dukas)

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Er ist kein brillanter Rhetoriker, trotzdem hört man ihm zu. 1988 etwa die Abgeordneten des amerikanischen Kongresses. Der Klimaforscher James Hansen erklärte den Politikern unter Eid, warum die Treibhausgase für das Erdklima schädlich sind. Bereits in den 70er-Jahren hatte er Resultate über die Erderwärmung publiziert. Hansen gehört zu den weltweit profiliertesten Klimawissenschaftlern. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, und das Magazin «Time» wählte ihn 2006 unter die 100 einflussreichsten Menschen der Erde.

Doch das reichte ihm nicht. In seinem Buch «Storms of My Grandchildren» wird er laut: «Das meiste, was Politiker an der Klimafront machen, ist Schönfärberei – ihre Vorschläge klingen gut, doch dann betrügen sie dich und sich selbst.» Das schrieb er vor drei Jahren, und dazu steht er heute noch. Auf die Frage in einem Mail, was er von den internationalen Klimaverhandlungen halte, kommt postwendend die Antwort: «Gibt es da Verhandlungen?»

Ein Brief an den Bundesrat

Hansen wollte nicht mehr nur wissenschaftliche Daten liefern, sondern sie aktiv unter das Volk bringen. So ist der 70-Jährige heute Direktor des berühmten Nasa Goddard Institute for Space Studies in New York und engagierter Umweltaktivist. In der Schweiz wäre das kaum möglich, in den USA lässt man ihn gewähren. «Es gab nie ein Redeverbot von offizieller Seite», sagt er. Forschung und Politik dürfe man nicht trennen.

Seine Kritiker sehen das etwas anders. Sie fragen sich, ob der Topwissenschaftler mit seinem Aktivismus nicht allmählich seine Autorität als Klimaforscher aufs Spiel setzt. Seit Jahren schreibt Hansen Briefe an Regierungen, um sie auf Missstände aufmerksam zu machen. Auch die Schweizer Bundesräte erhielten vor vier Jahren einen. Darin beantragte der Klimaforscher ein Moratorium für neue Kohlekraftwerke. Er hatte erfahren, dass mindestens neun Schweizer Energiekonzerne die Absicht haben, in Deutschland und Italien Strom aus Kohle zu erzeugen. Ob die Regierung darauf reagiert hat, weiss er nicht mehr: «Ich habe so viele Briefe verschickt. Aber wahrscheinlich nicht, ich würde mich erinnern.»

Jene Staaten, die ihm eine Antwort schickten, bestärkten ihn in seiner Meinung. «Die haben sich alle einfach ein grünes Mäntelchen umgelegt.» Den Kampf gegen Kohleindustrie und Kohlekraftwerke hat er sich zu seiner Aufgabe gemacht. Nach einer Protestaktion gegen den Kohleabbau in West Virginia liess er sich verhaften. Auch nach solchen Aktionen hat er keine Bedenken um seine Reputation. «Die Wissenschaft weist den richtigen Weg», sagt er. Und deren Erkenntnisse sind für ihn eindeutig: Für die Hälfte der Zunahme an Treibhausgasen sei die Kohle verantwortlich. Hier will Hansen denn auch ansetzen. Und zwar rigoros. Er ist dabei kein Draufgänger. «Hansen ist ein besonnener Mann», sagt der Berner Klimaforscher Thomas Stocker. Und seine wissenschaftlichen Leistungen seien nach wie vor beachtlich. Auch wenn er in seinen Schlussfolgerungen manchmal über das Ziel hinausschiesse.

James Hansen hat sich nicht immer mit der Erde beschäftigt. Seine Forscherkarriere begann er als Physiker und Astronom «ausserirdisch». Er studierte Planeten wie die Venus. In den 70er-Jahren änderte er dann seine Ausrichtung und beschäftigte sich mit dem Einfluss des Menschen auf das Klima. Und heute scheint er sich seiner Sache so sicher zu sein, dass er indirekt auch Forscherkollegen kritisiert, die in den letzten Jahren konsequent verkünden, die Erde dürfe sich nicht mehr als 2 Grad erwärmen. «Das ist ein Katastrophenszenario», schreibt er. Seine Empörung ist selbst in den Zeilen des Mails zu spüren. «Das letzte Mal, als sich die Erde 2 Grad erwärmte, stieg der Meeresspiegel um mindestens 15 Meter.» Dieser Prozess sei zwar nicht über Nacht passiert, aber wenn wir diesen Weg einschlagen, würden unsere Nachkommen einen Planeten «ausser Kontrolle» vorfinden.

Abgaben für fossile Energie

Das sei die Wahrheit, und das müssten Politiker und Behörden wissen. Hansen ist der Ansicht, dass es überhaupt nicht mehr wärmer werden darf, um die Energiebilanz des Planeten wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Dafür sei die CO2-Konzentration in der Atmosphäre jedoch bereits zu hoch.

Er ist Realist genug, um zu wissen, dass seine Forderung heute in der internationalen Politik zwar Gehör findet, aber wenig ernst genommen wird. Kohle, Erdöl, Gas werden auch in Zukunft, so sieht es zumindest die Internationale Energieagentur, die hauptsächlichen Energiequellen sein. Für Hansen gibt es deshalb nur eine Lösung – und damit ruft er vergessene Stimmen auch in der Schweiz wieder herbei: eine Lenkungsabgabe für fossile Energie.

Und zwar eingefordert bei den Unternehmen, für jede geförderte Tonne Kohle oder jedes gewonnene Barrel Erdöl. Oder als Zollsteuer auf importierte Brenn- und Treibstoffe. Genügend hoch müsse sie jedoch sein und jeweils wieder an die Bevölkerung zurückfliessen. Dann, so ist er überzeugt, werde die Energiewende schnell passieren.

Auch wenn James Hansen vieles an die grosse Glocke hängt, er hat auch diplomatische Seiten. Zum Beispiel zum Thema nukleare Energie: «Wenn wir keine nukleare Energie wollen, ist das gut. Aber nur, wenn wir aus der fossilen Energie aussteigen.»

Öffentlicher Vortrag von James Hansen: «Wie wir den Klimawandel verhindern» (in englischer Sprache), Auditorium maximum an der ETH Zürich, Montag, 30. April, 16.15 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2012, 11:41 Uhr

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