Die Antarktis schmilzt immer schneller

219 Milliarden Tonnen Eis verlor die Antarktis zwischen 2012 und 2017 – jährlich. Wegen des Schmelzwasssers sind Küstenregionen auf der ganzen Welt bedroht.

13 Satellitenmissionen liefern Daten über die Eisschmelze am südlichen Kontinent. (18. Februar 2018)

13 Satellitenmissionen liefern Daten über die Eisschmelze am südlichen Kontinent. (18. Februar 2018) Bild: Alexandre Meneghini/Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Antarktis hat in den vergangenen 25 Jahren etwa drei Billionen Tonnen Eis verloren. Die jährliche Rate des Rückgangs ist dabei zuletzt stark gestiegen. Lag die Einbusse in den zwanzig Jahren von 1992 bis 2011 im Mittel bei 76 Milliarden Tonnen pro Jahr, so betrug der jährliche Verlust zwischen 2012 und 2017 je 219 Milliarden Tonnen Eis. Die Wassermenge entspricht dem 48-Fachen des jährlichen Wasserverbrauchs in Deutschland.

Diese Zahlen stammen aus der bislang grössten Bilanzrechnung für den Südkontinent, an diesem Donnerstag im Fachblatt Nature veröffentlicht. 84 Forscher von 42 Instituten haben darin Datensätze von 13 Satellitenmissionen zusammengefasst. Geleitet wird das IMBIE-Projekt (für Ice Sheet Mass Balance Inter-Comparison Exercise) von Nasa-Forscher Erik Ivins sowie Andrew Shepherd von der University of Leeds in England. Aus Deutschland waren unter anderem das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und die Technische Universität München beteiligt.

Radarmessungen per Satellit

Die neuen Daten zeigen, dass geschmolzenes Antarktiseis den Meeresspiegel seit 1992 um 7,6 Millimeter gehoben hat. Das entspricht ungefähr einem Zehntel des gesamten Anstiegs in diesem Zeitraum. Das meiste wird durch die Ausdehnung des wärmer werdenden Ozeanwassers verursacht. Allerdings ist der Beitrag des Schmelzwassers vom Südkontinent jüngst gewachsen. «Es lässt den Meeresspiegel schneller anschwellen als jemals zuvor in den vergangenen 25 Jahren», sagt Andrew Shepherd. «Das muss den Regierungen Sorge machen, denen wir den Schutz unserer Küstenstädte anvertrauen.»

Eine wichtige Rolle bei der Bilanz spielte die deutsch-amerikanische Satellitenmission Grace. Die beiden Späher hatten 15 Jahre lang das Schwerefeld der Erde vermessen. «Die Daten dieser Raumschiffe haben uns nicht nur gezeigt, dass es da ein Problem gibt, sondern dass es mit jedem Jahr ernster wird», sagt Isabella Velicogna von der University of California in Irvine. Weitere Daten kamen von Satelliten, die das Eisschild per Radar aus dem Orbit überwachen, darunter der europäische Cryosat-2.

Globalen Meeresströmungen verändern sich

Am grössten waren die Eisverluste in der Westantarktis und auf der antarktischen Halbinsel. Der weitaus grössere Osten scheint hingegen noch leicht zu wachsen, was aber unter Wissenschaftlern umstritten ist. In jedem Fall wäre die Zunahme dort nicht annähernd genug, um die Verluste der Westantarktis auszugleichen.

Aus Sicht der Forscher steht die Antarktis an einem Scheideweg. Nature veröffentlicht mit der Analyse des IMBIE-Teams eine Szenariostudie, die – sehr ungewöhnlich für ein wissenschaftliches Journal – zwei fiktive Geschichten erzählt. Sie blicken zurück aus dem Jahr 2070. In der einen Version erfüllt die Welt ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Abkommen, in der anderen ist der internationale Klimaschutz gescheitert. Für letzteren Fall erwarten die Wissenschafter eine Überfischung des Polarmeeres, den Beginn von Bergbau und eine dramatische Zunahme von Tourismus am Südpol. Invasive Pflanzen breiten sich aus, Pinguinkolonien schrumpfen, Albatrosse müssen ihre Nahrung umstellen.

Weil sich das Wasser drastisch erwärmt und der Salzgehalt durch das abschmelzende Eis sinkt, verändert sich die zirkumpolare Meeresströmung; das hat Folgen für das Wetter der gesamten Südhalbkugel. Die Antarktis trägt dann nicht wie bisher sieben Millimeter, sondern 27 Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg bei. «Wir können solche Effekte vermeiden, wenn Regierungen erkennen, dass Schäden in der Antarktis überall Probleme auslösen», sagt Martin Siegert vom Imperial College in London. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2018, 21:37 Uhr

Artikel zum Thema

Tausende Pinguin-Küken verhungern in der Antarktis

Eine dicke Eisschicht hat auf dem Heimatkontinent der Pinguine zu einem Brut-Drama geführt. Der Weg zur Nahrung ist zu weit für die Tiere. Mehr...

Zweiter grosser Eisberg bricht in der Antarktis ab

Eine Eisfläche so gross wie der Kanton Nidwalden hat sich von einem Gletscher in der Westantarktis gelöst. Forscher befürchten längerfristig einen Kollaps des Eisschilds. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Was guckst du? Ein Kind spielt am Strand von Sydney, wo die aufblasbare Skulptur «Damien Hirst Looking For Sharks» des Künstlerduos Danger Dave und Christian Rager installiert ist. Sie ist Teil der Ausstellung Sculpture by the Sea. (19. Oktober 2018)
(Bild: Peter Parks) Mehr...