Hintergrund

Die Aronia-Beere erobert die Schweiz

Immer mehr gesundheitsbewusste Konsumenten setzen auf die kleine Apfelbeere. Sie sieht aus wie die Heidelbeere und schmeckt säuerlich wie rote Johannisbeeren.

Reich an wertvollen Pflanzenstoffen – und dekorativ: Die Apfelbeere Aronia melanocarpa.

Reich an wertvollen Pflanzenstoffen – und dekorativ: Die Apfelbeere Aronia melanocarpa. Bild: Blickwinkel/McPhoto

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Was gesund ist, ist selten lecker – zumindest anfangs. Broccoli und Spinat lernen die meisten trotzdem schätzen. Wäre allerdings die Aronia so gewöhnungsbedürftig, wie sie gesund ist, bliebe sie lebenslang für Menschen ungeniessbar. Doch die Apfelbeere Aronia melanocarpa erobert gerade Europa. In der Schweiz wird das zähe Rosengewächs seit 2007 angebaut. 40'000 Pflanzen sind gesetzt, weitere Flächen sollen zu Aroniaplantagen werden. Die bis zu drei Meter hohen Büsche tragen im Herbst Dolden von apfelförmigen, tiefdunkelblauen Beeren, die das Zeug zum Superstar haben.

Rekordwerte bei Antioxidantien

Heimisch ist die Pflanze in Nordamerika, wo indianische Medizinmänner sie als Heilmittel einsetzten. Pemmikan, eine Mischung aus Dörrfleisch, Fett und getrockneten Apfelbeeren, diente vielen Stämmen auf weiten Jagdzügen als Proviant und in langen Wintern als Notration. Über Deutschland gelangte die Aronia nach Russland, wo das frost- und strahlenresistente Gehölz seit den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts in grossem Stil kultiviert wird. Der Grund dafür ist nicht der Geschmack der Frucht. Die Beeren sind säuerlich, herb und das, was Chinesen «zusammenziehend» nennen. Bemerkenswert ist die Frucht wegen ihrer Inhaltsstoffe.

Wie alle dunklen Beeren enthält die Aronia Polyphenole. Zu dieser Stoffgruppe gehören dunkle Farbstoffe, bittere Gerbstoffe sowie Geschmacksstoffe. Sie gelten als ausgesprochen gesund, denn sie wirken als Antioxidantien: Wann immer im Körper Energie verbrannt und Sauerstoff verbraucht wird, entstehen extrem reaktionsfreudige Sauerstoffteilchen, sogenannte Radikale. Sie greifen Zellmembranen und die Erbsubstanz an, führen zu körperlichem Verschleiss und begünstigen Krebs. Antioxidantien neutralisieren die molekularen Schädlinge und begünstigen die Regeneration.

Reich an diesen wertvollen Pflanzenstoffen sind Trauben, Cranberrys, Granatapfel, Ginkgo und Tee. Doch im Vergleich mit Aronia sehen diese Nahrungsmittel armselig aus. Wilde rote Weintrauben enthalten 180 mg Anthocyane auf 100 g. Das sind die gesunden dunklen Farbstoffe. Preiselbeeren enthalten 270 mg und Heidelbeeren 420 mg. In 100 g Aroniabeeren stecken sagenhafte 1480 mg!

Farblose Bitterstoffe

Vor allem der OPC-Gehalt der kleinen Früchte verblüfft Forscher weltweit. OPC steht für oligomere Procyanidine, eine Gruppe farbloser Bitterstoffe, die dank ihrer Bioaktivität seit einigen Jahren die Forschung beschäftigen. Cranberrys enthalten 276 mg OPC in 100 g, Holunderbeeren kommen auf 27 mg. Die Aronia enthält mit 664 mg weit mehr als das 20-Fache. Tierversuche mit radioaktiv markiertem OPC zeigten, dass diese Stoffe bereits 10 Minuten nach dem Essen in Blut und Lymphe gelangen und praktisch jedes Körpergewebe erreichen. Sie passieren die Blut-Hirn-Schranke, leiten Schwermetalle aus und heften sich an Kollagen- und Elastinfasern. Das ist nicht nur gut gegen Falten. Diese Fasern sitzen in den Wänden aller Adern. Schon 24 Stunden nach der Einnahme von OPC verdoppelte sich im Tierversuch die Elastizität der Blutgefässe. Diese Wirkung hielt 72 Stunden an. OPC gelten als wirksamste Antioxidantien, denn sie sind bis zu 10-mal aktiver als andere Polyphenole.

«Ich verschreibe Aronia bei allen inneren Entzündungen: Polyarthritis und Vaskulitis. Auch bei Heuschnupfen und anderen Allergien wirkt Aronia mit ihrem perfekten Zusammenspiel von OPC und anderen Stoffen schnell und zuverlässig», sagt der Arzt Heinz Lüscher. In seiner Praxis für Vitalstoffmedizin in Herisau verwendet er Kapseln mit hoch konzentriertem Aroniaextrakt, die er aus dem Trester der Schweizer Aroiniasaftproduktion herstellen lässt.

Neue Ernte steht bevor

Dabei muss man nicht krank sein, um von Aronia zu profitieren. Mit der neuen Ernte wird im September auch der Schweizer Saft wieder zu kaufen sein. Ein Gläschen am Tag, oder ein paar getrocknete Beeren ins Müesli verbessern die Durchblutung und die Blutwerte, normalisieren die Verdauung und regenerieren die Leber.

Dass die Beeren noch mehr können, wusste man in der Sowjetunion schon lange. Angeblich gehörten für die Soldaten des Warschauer Paktes Aroniatabletten zur Notfallausstattung. Tierversuche zeigen nämlich, dass sie die Folgen einer atomaren Verstrahlung schneller reparieren und lindern können. Nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl behandelten die Ärzte verstrahlte Patienten bis 1998 mit Apfelbeeren.

Trend erreicht die Schweiz

An der Universität New Jersey behandelte man Krebspatienten nach der Bestrahlung mit Aroniasaft. Das half, die Schleimhäute schneller zu regenerieren. Längst sind die Plantagen in der ehemaligen Sowjetunion, die vor allem der Herstellung von Vitaminpräparaten dienten, nicht mehr die einzigen. Schon lange wurde in Sachsen Aronia angebaut, jetzt breitet sich die Pflanze auch in Westdeutschland und Österreich aus, auch in den USA wird sie kultiviert.

Noch sind die Schweizer Plantagen jung. «13 Tonnen haben wir letztes Jahr geerntet, deshalb ist der Saft auch schon ausverkauft», sagt Jürg Weber von der Interessengemeinschaft Aronia Schweiz in Hüttwilen im Kanton Thurgau, zu der sich mehrere Aroniabauern zusammengeschlossen haben. «Unser Ziel ist es, 500 Tonnen zu ernten. Noch vertreiben wir die meisten Produkte direkt, aber wir möchten mehr ins Reformhaus.» Wer darauf nicht warten will, kann sich eigene Aroniabüsche in den Garten pflanzen. Die Wildfrucht ist schliesslich nicht nur gesund, sondern auch dekorativ: Sie blüht in weissen Dolden, und die Blätter färben sich im Herbst intensiv rot. Aroniasaft und andere Produkte gibt es unter:
www.aroniabeere.ch (Seite der IG Aronia mit Händlersuche)
www.aronia-schweiz.ch
www.biogarten.ch
www.kingnature.ch
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.09.2013, 17:57 Uhr

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