Die Chefinnen der Savanne

Hyänen haben einen schlechten Ruf als Aasfresser. Doch sie sind auch clevere Jäger und Teamworker, angeführt von einem Alphaweibchen. Ein Besuch im Ngorongoro-Krater in Tansania.

Ein Paradies für Tüpfelhyänen: Am Ngorongoro Krater toben sich die «Big Five» aus. Video: Barbara Reye, Kathrin Egolf

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Eine Horde Paviane blockiert den Weg hinunter in den grössten intakten Krater der Welt. Die Affen hocken da und schauen, verschwinden dann aber im Gebüsch. Die Fahrt mit dem Landrover zum Kessel­boden des Vulkanbergs ist kurvig und holprig. Ein Schlagloch nach dem anderen. Doch dann lichtet sich der Wald. Der Blick ist frei auf die 600 Meter tiefer gelegene Grassavanne, die von oben wie ein Paradies für Tiere aussieht.

«Es ist fast wie ein Zoo hier», sagt Arjun Dheer vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin. Seit Februar forscht der Verhaltensbiologe im Ngorongoro-Krater in Tansania, der etwa so gross ist wie der Kanton Genf und 1979 zum Weltnaturerbe ernannt wurde. Nicht nur Flamingos stehen dort im Salzsee, auch die Big Five Löwe, Nashorn, Elefant, Leopard und Büffel tummeln sich in der Grassteppe. Im Schatten eines Baums dösen an diesem heissen Nachmittag im Juni vier Löwenmännchen und wälzen sich von einer Seite auf die andere. «Just hanging around», sagt der amerikanische Forscher und lacht. Sie hätten sich vorher die Bäuche vollgeschlagen.

Eigentlich ist Dheer aber nicht auf der Suche nach dem von vielen Leuten geradezu ehrfürchtig bewunderten König der Tiere. Vielmehr hält er Ausschau nach Tüpfelhyänen, den berühmt-berüchtigten Aasfressern, die ihre Beute mit Haut und Haaren verschlingen. Die mit blutigen Nasen aus den Bauchhöhlen eines Büffels herauskriechen, wo sie die Eingeweide gefressen haben. Und die am Schluss praktisch nichts mehr vom Kadaver übrig lassen, weil sie fast alles davon verwerten können. «Sie sind die perfekten Recycling-Tiere», schwärmt Dheer. Sehr ökologisch. Einfach genial.

Schnelle Ausdauerjäger

Die hell- und dunkelbraun gefleckten Tiere mit dem kräftigen Körperbau, den grossen runden Ohren und dem markanten Kamm auf Schädel und Nacken sind aber auch erfolgreiche Jäger. «Sie rennen bis zu 60 Kilometer pro Stunde und sind anders als Löwen gute Ausdauerjäger mit einem relativ grossen Herz», erklärt der 28-jährige Forscher. Mit dem Fernglas hat er nun die erste Tüpfelhyäne am See entdeckt.

Raffinierte Allesverwerter: Ob selbst gerissen oder gefunden – von einem Beutetier lassen die Tüpfelhyänen kaum etwas übrig. Foto: Paul E. Tessier/Aurora Photos/Getty Images

Spielt sie mit den Hörnern eines Büffels? «Nein», antwortet Dheer, der beim Schweizer Hyänen-Experten Oliver Höner am Leibniz-Institut seine Doktorarbeit schreibt. Sie frisst das rosafarbene Knochenmark, das vor allem Fett, aber auch Eisen und Vitamine enthält. Um da ranzukommen, hält sie den Kopf schief, sodass ihre ausgeprägten Backenzähne das Horn lautstark durchbrechen können. Sie sehe beschäftigt und glücklich aus, fügt Dheer hinzu. Hungern müsse hier so schnell keiner. Doch aufpassen, nicht selbst von den noch kräftigeren Löwen getötet zu werden.

Acht Hyänen-Clans im Krater

Der Doktorand sucht nun das passende Foto aus seiner Datei, die er direkt zwischen den Autositzen parat hat. Es ist wie ein Who’s who der Tüpfelhyänen. Denn alle 500 im Krater lebenden Individuen sind dort mit Bild dokumentiert. Wer gehört zu wem? Und wer ist der Vater? Denn dieser macht sich nach der Paarung aus dem Staub und kümmert sich im Gegensatz zur fürsorglichen Mutter nicht um den Nachwuchs. Doch für die Rekonstruktion des Stammbaums ist die Information wichtig.

Das Hyänen-Archiv hat Oliver Höner, der in dem noch zur Serengeti gehörenden Ökosystem schon seit mehr als 20 Jahren arbeitet, zusammen mit seinem Team erstellt. Anhand der Flecken an Beinen und Schultern lassen sich die Tiere unterscheiden. «Vor uns ist F 232, ein Sohn von F 107», sagt Dheer. Er hat eine Schlitzwunde mitten im Gesicht, die er sich vermutlich während einer Fressorgie an einem gebrochenen, scharfen Rippenknochen zugefügt hat. Und weiter hinten holt F 222 ihre versteckte Beute aus dem Wasser und schleppt den Büffelschädel wie eine Trophäe.

Berg fiel wegen Lavaausbruch zusammen

Hyänen leben in grossen Sippenverbänden. Im Krater gibt es acht Clans von 50 bis 130 Individuen. Jede Gruppe wird meist von einem Alphaweibchen und deren Jungen angeführt. In der Regel erben die Nachkommen den Rang gleich unterhalb ihrer Mutter. Die von Nachbarclans hinzugekommenen, meist noch recht jungen Männchen stehen somit ganz unten in der Hierarchie. Sie hätten kaum Aufstiegschancen, erklärt Dheer. Sehr selten gibt es in einem Clan mal ein Männchen als Chef – und das auch nur, wenn das Alphaweibchen stirbt und ihr jüngster Sohn den Chefposten übernimmt.

Die Massai dürfen ihre Tiere nur noch am Kraterrand weiden lassen. Foto: Getty Images

Nach dem Lavaausbruch vor rund 2 Millionen Jahren fiel der über 5000 Meter über dem Meeresspiegel gelegene Gipfel des Ngorongoro zusammen, sodass sein höchster Punkt heute nur noch auf 2300 Metern liegt. Der nährstoffreiche Boden zieht unzählige Wildtiere an. Bis vor einem Jahr trieben auch die Massai ihr Vieh dorthin, sodass Tausende von Rindern, Ziegen und Schafen gleichzeitig neben den Gnus, Zebras und Gazellen grasten. Jetzt dürfen die Viehhirten aus Naturschutzgründen ihre Tiere nur noch am Rand und in den Gebieten ausserhalb des Kraters weiden lassen.

Konflikt mit Nutztieren

Die Massai sind mit diesem drastischen Eingriff in ihr traditionelles Leben nicht einverstanden und fühlen sich zurückgedrängt. Hat eine Hyäne ein Tier von ihnen gerissen, üben sie oft Vergeltung, indem sie Gift in den Kadaver spritzen und so meist gleich mehrere Hyänen töten. Der Konflikt sei vergleichbar mit dem Wolf in Europa, der auch schnell für alles der Sündenbock sei, erklärt Dheer. Da Rinder bei den Massai einen sehr hohen Stellenwert hätten, suche er zusammen mit den Massai nach geeigneten Lösungen wie etwa bessere Zäune zum Schutz der Nutztiere.

Dheer ist ganz in seinem Element, wenn er von den Hyänen redet, und nähert sich einer Höhle, wo früher Warzenschweine lebten. «Dort sind junge Hyänen drin», sagt er. Meist würden sie pünktlich um fünf Uhr herauskommen, da sie am Tag schlafen. Tatsächlich lugt nun eine schwarze Schnauze aus dem Erdloch, dann eine weitere und immer mehr. Sie gehören zum «Forest»-Clan. Sechs Mütter und sieben Jungen.

«Come on», sagt Dheer, der darauf wartet, dass die Jungtiere ihr «Morgengeschäft» machen. Er brauche unbedingt noch Kot für die DNA-Analyse der jüngsten Nachkommen, um die Verwandtschaftsverhältnisse zu klären. Manchmal seien die Ergebnisse total verrückt. So habe sich vor fünf Jahren herausgestellt, dass die Chefin F 107, die sie Mkakati tauften, Drillinge zur Welt brachte. Einen solchen Fall gibt es weltweit nur dreimal. Einzigartig ist zudem, dass die drei von zwei verschiedenen Vätern stammen. Inzwischen sei sie mehrfache Grossmutter und in seinem persönlichen Ranking mit Abstand die absolute Favoritin, sagt Dheer.

Wie bei einer Fernsehserie

Der Amerikaner ist vom Leben der Hyänen immer wieder von neuem fasziniert – etwa von den Kämpfen innerhalb der Clans, von den täglichen Rivalitäten um Futter oder Partner, aber auch von der liebevollen Fürsorge, die einmal ­sogar zur Adoption eines verwaisten Jungtiers führte. Es sei wie bei einer Fernsehserie, mal brutal, mal emotional und mal romantisch. Ständig sei etwas anderes los.

In der Tat. «Hier kommt F 264, um Hallo zu sagen», erklärt Dheer. Oder doch, um den Reifen zu beissen? Dann müsse er kurz den Motor anstellen. Denn einen Platten zu haben kurz vor Einbruch der Dunkelheit, wäre ein echtes Drama — nicht wegen der Wildtiere, sondern wegen der Behörden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2018, 14:48 Uhr

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