Botschafterin der grauen Riesen

In Sri Lanka arbeitet die Zürcher Biologin Jennifer Pastorini an einer neuen Zukunft für Elefanten.

Nach der Ernte lassen die Bauern nun die Elefanten auf die Felder – dank Jennifer Pastorini. Foto: Barbara Reye

Nach der Ernte lassen die Bauern nun die Elefanten auf die Felder – dank Jennifer Pastorini. Foto: Barbara Reye

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«Stopp», ruft Jennifer Pastorini. Der Fahrer hält den Jeep auf der mit Schlaglöchern übersäten Sandpiste im Yala-Nationalpark an, dem ältesten Naturschutzgebiet Sri Lankas. «Da hinten ist einer!» Sie zückt ihre Kamera und zoomt den behäbigen Bullen heran. Er bahnt sich gerade einen Weg durch das dichte Gestrüpp und stapft zum Wasserloch. Vor allem seine Ohren interessieren Pastorini. Mehrmals drückt sie ab. Und nimmt ihn von rechts, links, vorn und hinten auf.

«Jeder Elefant hat andere Ohren», sagt die Biologin von der Universität Zürich, die seit mehr als zehn Jahren auf der relativ kleinen, östlich vor der Südspitze Indiens gelegenen Insel das Sozialverhalten und die Populationsdynamik der Elefanten erforscht. «Bei einigen sind die oberen Falten nach innen gewölbt, bei anderen nach aussen oder fehlen ganz und gar. Auch die Kerben, Löcher und Pigmentierung der Haut weisen bei den Ohren individuelle Muster auf.» Gemeinsam mit ihrem sri-­lankischen Mann Prithiviraj Fernando leitet sie das Centre for Conservation and Research und kämpft für den Schutz des Asiatischen Elefanten, der auf der Liste der bedrohten Tierarten steht.

Mitten in der Dornbuschsavanne im Südosten des Staates und bei tropischen Temperaturen von etwas mehr als 30 Grad Celsius findet unser Treffen bei einer Fahrt im Landrover statt. In einer Gegend, in der Jennifer Pastorini regelmässig forscht, weil dort Hunderte von Elefanten leben. Und nicht nur innerhalb der Nationalparks, sondern vor allem auch ausserhalb, in besiedelten und landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Konflikte zwischen Mensch und dem grauen Koloss gehören daher zum Alltag. Denn Elefanten, die täglich 250 Kilogramm Futter vertilgen, richten zum Ärger der Bauern auf den Feldern oft grossen Schaden an. Die Folge: Jedes Jahr werden in Sri Lanka mehr als 200 Elefanten getötet, aber auch 70 Menschen sterben durch Elefanten. «Wir müssen es schaffen, dass es eine friedliche Koexistenz gibt», sagt die 46-jährige Forscherin. Viele Tiere, die sie bei ihrer Arbeit gesehen hat, weisen Schusswunden oder Verletzungen durch aufgestellte Fallen auf.

Suche nach Dexie und ihrer Herde

Träge wälzt sich der Menik Ganga im Yala-Nationalpark durch sein sandiges Bett Richtung Indischer Ozean. Am Ufer des Flusses dösen zwei Sumpfkrokodile vor sich hin, das Maul zur Kühlung leicht geöffnet. Unweit von ihnen klettern ein paar übermütige Makaken trotz Mittagshitze auf einem Baum umher, ein grosser Waran überquert den Weg, während eine Herde Wasserbüffel bis zum Kopf in einem Tümpel steckt und sich keinen Meter bewegt. «Auch ein Leopard und ein Elefant sollen vor kurzem in der Umgebung gewesen sein», sagt die Zürcher Wissenschaftlerin. Ihr Mitarbeiter hält nun eine grosse Yagi-Antenne für Wild­tier­telemetrie aus dem Fenster des Jeeps, um die Elefantenweibchen Dexie oder Janaki aufzuspüren.

«Wir haben ihnen GPS-Sender umgehängt, um ihre Herden für unsere Studien zu verfolgen», sagt Pastorini. «Dies war sehr aufwendig und hat ein Team von 20 Leuten gebraucht. Weil man zuerst die Gruppe finden, dann einen der Elefanten mit einem Narkosegewehr betäuben, ihm innerhalb von zehn Minuten das GPS-Halsband umhängen, ein Gegenmittel spritzen und dann sofort verschwinden muss.» Denn ein wütender, bis zu fünf Tonnen schwerer Elefant, der sich gestört fühle, könne einen Menschen ohne weiteres platt treten und töten.

Warum erforscht sie ausgerechnet in Sri Lanka das Verhalten von Elefanten? Sie lächelt und blickt aus dem Geländewagen in die Weite der Landschaft. Früher habe sie Lemuren in Madagaskar untersucht. Doch vor 13 Jahren lernte sie als Postdoktorandin an der Columbia University in New York ihren heutigen Mann kennen, der dort im Labor das Erbgut der Elefanten analysierte. Als er zwei Jahre später nach Sri Lanka zurückkehrte, wechselte sie ihr ursprüngliches Forschungsgebiet und ging mit. Jeden Sommer arbeitet sie aber weiterhin in ihrem Büro am Anthropologischen Institut der Universität Zürich, um dort die gesammelten Daten auszuwerten.

Kein anderes Land in Asien hat eine höhere Dichte an Elefanten als Sri Lanka, das mit einer Fläche von 65'000 Quadratkilometern nur etwa ein Drittel grösser ist als die Schweiz: Pro 100 Quadratkilometer leben auf der Insel im Durchschnitt neun Elefanten. Insgesamt wird die Population auf rund 6000 Elefanten geschätzt, von denen sich ungefähr 4000 ausserhalb der Parkgrenzen aufhalten. Pastorini und ihr Mann setzen sich deshalb dafür ein, dass Bauern ihre Felder nur bis kurz nach der Ernte mit Elektrozäunen schützen. Während der Trockenzeit, wenn das Futter eh knapp ist, kommen dann die Elefanten dran, die auf dem Acker immer noch genügend Grünzeug finden. Dies sei eine Win-win-Situation.

Keine Jagd auf Stosszähne

Muss man manchmal auch gegen Wilderer vorgehen? Nein, antwortet sie. Denn 90 Prozent der Bullen hätten hier im Gegensatz zu Indien gar keine Stosszähne mehr. In Sri Lanka sorge indes der ständig schrumpfende Lebensraum für gefährliche Auseinandersetzungen. Hinzu käme, dass Elefanten sehr schlau seien und im wahrsten Sinne des Wortes ein Elefantengedächtnis hätten. So liesse sich ein Problemelefant nicht einfach in einem Nationalpark einsperren. Oft finde der Bulle seine Heimat zwar nicht, lege aber trotzdem Hunderte von Kilometern zurück, wandere durch Felder und Dörfer und bewältige ohne weiteres auch Hindernisse wie hohe Maschendrahtzäune oder schwimme durch Flüsse. Solche umherirrenden Elefanten seien für Menschen natürlich gefährlich.

Mehrere Kilometer ausserhalb des Yala-Parks steigt die Zürcherin aus dem Landrover und wartet im Abendlicht an einem Wasserloch auf ihre Schützlinge. Vielleicht kommen noch welche, hofft sie. Manchmal habe sie an diesem Ort Glück. Eine halbe Stunde später hallen tatsächlich schrille Laute durch die Wildnis. «Angstschreie eines Babys», sagt sie. Es könne sein, dass die Mutter gerade nicht in der Nähe sei. In einer Gruppe mit bis zu 60 Individuen seien die meisten miteinander verwandt: Mutter, Tochter, Grossmutter, Tante, Cousinen sowie die jüngeren Männchen der Familie.

Plötzlich ragt aus einem Busch ein Rüssel hervor. Kurz darauf taucht ein Dutzend Elefanten auf. Seite an Seite, Alt neben Jung, trinken sie nun im Tümpel und spritzen sich nass. Pastorini schaut dem harmonischen Nebeneinander zu und fotografiert die Elefanten von möglichst allen Seiten. «Es ist immer wieder faszinierend, Elefanten aus nur 30 Meter Entfernung zu beobachten», sagt sie. Dem starken Gegenwind sei Dank, sonst würden die Elefanten uns riechen und sofort fliehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.09.2015, 11:22 Uhr

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Die Problem-Elefanten

Die Problem-Elefanten In Sri Lanka leben die meisten Elefanten ausserhalb der Nationalparks. Dort kommt es immer wieder zu gefährlichen Konflikten zwischen Mensch und Elefant.

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