Die Feuergöttin weint

Seit zwei Wochen spuckt ein Vulkan auf der grössten Insel Hawaiis Lava. Nun bedroht eine riesige Aschewolke Gesundheit und Flugverkehr.

Normalerweise findet sich hier das Paradies: Lava vom Kilauea fliesst über eine Strasse im Puna-Distrikt. Foto: U. S. Geological Survey (Getty Images)

Normalerweise findet sich hier das Paradies: Lava vom Kilauea fliesst über eine Strasse im Puna-Distrikt. Foto: U. S. Geological Survey (Getty Images)

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Die Hölle hat auf Big Island einen göttlichen Namen. Wenn die Erde sich öffnet und Lava in die Höhe schiesst, ist dies das Werk von Pele. Manchmal weint die hawaiianische Göttin runde schwarze Tränen in die Lava, und Glasfäden im erkalteten Gestein sind ihr Haar. Für die Hawaiianer ist Pele «sie, die das Land erschafft».

Genau das tut die Feuergöttin seit bald zwei Wochen mit grossem Eifer. Der Vulkan Kilauea hat inzwischen Dutzende Häuser niedergewalzt, Stromleitungen in Asche gelegt und die Strassen mit apokalyptisch wirkenden Erdspalten zerschnitten. Gestern hat sich die Situation zusätzlich verschärft. Die Behörden des Bundesstaates Hawaii haben für den Flugverkehr die Alarmstufe rot ausgerufen und warnen die Bewohner insbesondere vor erheblichen Atembeschwerden. Grund ist eine neue Aschewolke, die eine Höhe von 3600 Metern erreichen könne.

Der Ort, den die Feuergöttin trifft, war bis vor zehn Tagen so idyllisch und entspannt wie sonst keine Ecke auf der südlichsten und grössten Insel Hawaiis. Im abgelegenen Südosten von Big Island, dem Puna-Distrikt, wird der Aloha-Spirit ausgiebig zelebriert. Hier leben Rentner, Hippies, Touristen und Hawaiianer in einer einzigartigen Nähe zur Natur. Und zugleich in einer Freiheit, die in den USA Seltenheitswert hat. Zwischen alten Lavafeldern wuchert dichtes, baumhohes Grün, neue Häuser und abbruchreife Hütten schmiegen sich weitläufig in den Dschungel. Am Strand wird Gras geraucht und nackt gebadet. Nachts ist die Luft von den lauten Rufen Tausender Coqui-Frösche erfüllt. Der Frosch ist zwar auch nicht heimisch hier, er wurde aus Puerto Rico eingeschleppt. Aber er passt irgendwie gut zum Paradies.

Bloss liegt unter diesem Paradies Peles Hölle – und alle wissen es. Die derzeitigen Ereignisse sind keine Überraschung, schon gar nicht für Geologen, und der aktuelle Ausbruch ist nicht einmal ein neuer im Wortsinn, sondern die Fortsetzung einer Eruption, die mit vielen kurzen Ruhephasen bereits seit 35 Jahren andauert. Und selbst dieser Dauerausbruch reiht sich fast nahtlos an vorangegangene Ausbrüche des südlichsten und jüngsten Inselvulkans an. Stetig steigt Magma aus dem Erdinneren und quillt aus den derzeit aktiven Kratern des Kilauea, dem Halema’uma’u und dem jüngeren Pu’u’O’o. Diese Kraterlava ist sehr flüssig und fliesst, sobald sie über die Ränder des Kraters tritt, rasch den flachen Hang Richtung Meer hinab. «Es lässt sich sehr gut prognostizieren, welche Orte in der Nähe des Vulkans von diesen Lavaströmen betroffen sein könnten», erklärt Thomas Walter vom Geoforschungszentrum in Potsdam.

Anders als Vesuv oder St. Helens

Typisch für Hawaii sind auch die magmaspeienden Erdspalten, die derzeit im Fernsehen zu sehen sind. Sie entstehen durch Magma, das während des Aufstiegs aus dem Erdmantel zunächst dichter wird und anfängt, seitwärts durch Abzweigungen unter eine lang gestreckte sogenannte Dehnungszone zu driften. Ein Zustand, der ziemlich instabil ist. «Magma ist nicht statisch», sagt Thomas Walter. «Es handelt sich um ein komplexes Gemisch, das unter anderem Gase enthält.»

Sobald zum Beispiel Kohlendioxid daraus frei wird, verändert sich abermals die Dichte des flüssigen Gesteins. Die Folge: Es drängt weiter und tritt irgendwann dort aus, wo die Erdkruste am dünnsten ist – in der wenige Kilometer schmalen Dehnungszone, Meilen entfernt vom eigentlichen Krater. Genau dort, wo die Menschen in Puna ihre Häuser gebaut haben. Diese Lava aus den Erdspalten fliesst nicht so schnell wie jene aus den Kratern. Sie türmt sich zu bröseligen Feuerzungen auf, die unaufhaltsam vorankriechen. Explosiv sind diese Ausbrüche nicht. Aber zerstörerisch auf jeden Fall.

Es gibt viele weitere Besonderheiten, welche die Vulkane der Inselkette von anderen Vulkanen wie dem Mount St. Helens im Westen der USA oder dem Vesuv in Italien unterscheiden. So sind alle 15 hawaiianischen Vulkane sogenannte Schildvulkane und vollkommen abseits der typischen Vulkanismusgebiete zwischen den Kontinentalplatten entstanden. Gespeist werden Hawaiis Vulkane durch eine stationäre Magmakammer im Erdmantel, über welche die Erdkruste langsam hinweggleitet.

Kilauea bewegt sich

Im Verlauf der Jahrmillionen haben sich dort auf der Kruste daher immer neue, wie an einer Kette aufgereihte Vulkane gebildet. Sie sind flach wie umgedrehte Schilde und haben eine breite Basis am Meeresgrund. Ihr Gewicht wächst mit der Zahl der Ausbrüche ins Astronomische. Es drückt zum Teil sogar den Ozeangrund ein und die Vulkane in sich zusammen. Wobei sich der Kilauea selbst auch noch auf dem Untergrund fortbewegt, 10 bis 20 Zentimeter pro Jahr. Das baut Spannungen auf, die sich als Erdbeben entladen können.

Genau das geschah wohl auch vor vierzehn Tagen, als parallel zu den Spalteneruptionen und Hunderten kleinerer Beben auf Big Island ein Erdbeben der Magnitude 6,9 die halbe Inselkette erschütterte. Das Zentrum dieses grossen Bebens lag fünf Kilometer tief unter der Erde, genau am südlichen Grund des Kilauea. Während dieses grosse Beben deshalb eher nicht im direkten Zusammenhang mit den Spaltenausbrüchen steht, sind die vielen kleinen Beben während der Eruption ein Symptom der vielen Verzerrungen, die sich derzeit in der Riftzone ereignen.

«Was wir anhand von Satellitenmessungen sehen können, ist, dass unter der Riftzone noch einiges an Magma wartet», sagt Walter. Man könne auf den Aufnahmen ausserdem gut erkennen, wie sich der Boden in der Region teils senkt, teils anhebt und in der betreffenden Zone wie durch einen Reissverschluss öffnet. «Es ist durchaus damit zu rechnen, dass dieser Ausbruch noch eine ganze Weile weitergehen wird.»

Gefahr ignoriert

Das würde auch bedeuten, dass noch mehr Menschen ihr Hab und Gut verlieren, trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über das, was die Hawaiianer mit ihrer Feuergöttin Pele verbinden. «Die Frage, die uns Experten derzeit fast am meisten beschäftigt, ist die, warum in der als vulkanisch aktiv bekannten Riftzone des Kilauea überhaupt Menschen leben dürfen», sagt Walter. Der Vulkan sei der «am besten bewachte Vulkan der Welt». Sämtliche Ausbruchsereignisse und erhobenen Daten der vergangenen Jahrzehnte hätten darauf hingewiesen, dass es in der wenige Kilometer schmalen Riftzone früher oder später zu Ausbrüchen kommen würde.

Doch vielleicht hat diese Gefahr zumindest für einen Teil der Menschen im Puna-Distrikt keine Rolle gespielt – oder nicht schwer genug gewogen gegen die Lebensqualität, die dieser Teil der Insel bietet. Wenn Pele nicht gerade neues Land erschafft, ist hier schliesslich das Paradies.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 17:58 Uhr

In Zahlen

Hawaii und die Vulkane

1983

begann der jüngste Ausbruch des Kilauea, der bis heute mit unterschiedlicher Intensität andauert. Er findet in erster Linie in einem 15 km vom Hauptkrater entfernten Neben­krater statt. Die Lavaströme fliessen von dort teilweise bis in den Pazifik.

1247

Meter über Meer: So hoch ist Kilauea. Der Vulkan auf der grössten Insel Hawaiis gilt als einer der derzeit aktivsten der Erde.

90

Mehr als 90 Vulkane wurden bislang auf den Hawaii-Inseln entdeckt. Darunter ist auch Mauna Loa, der als grösster aktiver Vulkan der Erde gilt. Die Spitze liegt auf 4170 Meter ü. M., unter dem Meeresspiegel reicht der Berg weitere 5000 Meter bis zum Grund.

137

Inseln und Atolle gehören zur Inselkette Hawaii. Die meisten sind nicht bewohnt.

3700 km

Dies ist die Distanz von Hawaii bis zur US-amerikanischen Westküste. Die Inselkette liegt südwestlich der USA.

1959

wurde Hawaii der fünfzigste Bundesstaat der USA. Er ist das jüngste Mitglied der Union.


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