Die Fischer an der Angel

Mehr ausgegebene Patente, ein Rekord bei der Ausbildung und viele neue Kunden in den Läden: Das Fischen in der Schweiz erlebt einen Boom.

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In Gummistiefeln stehen sie am Seeufer oder in einem Boot. Langsam, aber mit viel Schwung werfen sie den Köder aus, warten einen Moment und ziehen die Schnur mithilfe der Angelrolle wieder ein. Es ist die Ruhe und die Nähe zur Natur, die viele Fischer begeistert. Dies trifft den Zeitgeist. Die Begeisterung ist übergeschwappt. Immer mehr Interessierte strömen in Anglershops. Immer mehr Angler bezahlen für ein Patent bei den Kantonen. Und immer mehr lassen sich ihr Fischerkönnen diplomieren.

Ersteres bestätigt André Bleiker, der in der Nähe des Zürcher Helvetiaplatzes Fischereizubehör verkauft. «Das Interesse am Fischersport hat in den letzten Jahren klar zugenommen», sagt er. Zu seinen neuen Kunden zählt er Pensionierte genauso wie Junge. In Andy's Fischershop am meisten gefragt sind Produkte um die Kunstköder-Fischerei. In dieser Sparte ist in den letzten Jahren viel Neues auf den Markt gekommen, erklärt er. Wer sich einen Wobbler oder einen Blinker (siehe Bildstrecke) an die Angel hängt, hat es vorwiegend auf Raubfische wie den Hecht abgesehen. Viele Kunden informieren sich bei Bleiker aber auch über das Freiangelrecht, den Verkauf von Patenten und die Fischerprüfung (Sana).

Verkauf von Patenten nimmt zu

Ihre Fragen beantwortet ihnen der Fischereiexperte wie folgt: Vom trockenen Ufer aus ist das Fischen mit einer Rute oder einer Schnur für jeden erlaubt. Einschränkungen gibt es jedoch beim Köder. Wer ohne Patent angelt, darf nur einen Einfachhaken ohne Widerhaken ins Wasser verwerfen. Daranhängen darf er natürliche Köder, Lebensmittel und künstliche Fliegen, jedoch aber keine Köderfische. Das sogenannte Freiangelrecht gilt in den meisten Schweizer Kantonen. Sie haben die Hoheit über die Fischerei, bestimmen die Feinheiten und regeln die Ausgabe von Patenten. Ein solches braucht, wer vom stehenden oder fahrenden Boot aus angelt oder die genannten Bedingungen nicht einhält.

Durch die Vergabe von Patenten haben die Kantone den genauen Überblick über das Fischerverhalten auf ihren Seen. Dieses hat deutlich zugenommen – vor allem im letzten Jahr. Das belegen Zahlen der Kantone Zürich, Schwyz und Thurgau. Insgesamt 6949 Patente für den Zürichsee, den Greifensee und den Pfäffikersee hat der Kanton Zürich laut dem Fischereibericht 2013 verkauft – rund 7,5 Prozent mehr als im Vorjahr. Im Vergleich zu 2009 zeigt sich das gesteigerte Interesse am Fischen noch klarer. Seither haben sich die Patentverkäufe des Kantons um 12,6 Prozent gesteigert.

Auch auf den Seen auf Schwyzer Kantonsgebiet wird der Fischergruss Petri Heil öfter verwendet. Laut Kuno von Wattenwyl vom Amt für Natur, Jagd und Fischerei ist der Verkauf von Patenten für den Lauerzersee, den Itlimoosweiher sowie Teile des Vierwaldstätter-, Zuger- und Zürichsees innert Jahresfrist um über sieben Prozent gestiegen. «Den grössten Schub erlebten wir im Jahr 2008, als das Patent Zürichsee+ eingeführt wurde», sagt er. Es erlaubt den Schwyzern das Fischen auf dem ganzen Zürichsee über die Kantonsgrenze hinaus.

Das Fischerfieber ist bis in die Ostschweiz vorgedrungen. Im Thurgau wurden für den Bodensee-Obersee und den Untersee im letzten Jahr 1925 Patente ausgegeben – 134 mehr als im Vorjahr. «Innert Fünf-Jahres-Frist hat die Zahl fast um die Hälfte zugenommen», erklärt Roman Kistler vom zuständigen Amt. Neben dem Patent muss hier jeder Fischer für 20 Franken einmalig eine sogenannte Fischerkarte lösen – eine Eigenheit des Thurgaus, wie er erklärt.

Wie in den meisten Kantonen unterscheiden Zürich, Schwyz und Thurgau zwischen Tages-, Monats- und Jahrespatenten. Wer ein Patent mit Gültigkeit von über einem Monat erwerben will, braucht seit 2009 einen sogenannten Sachkundenachweise (Sana). Dieser kann durch den Besuch eines Kurses und die Ablegung einer Prüfung erreicht werden.

Auch hier bestätigt sich der Fischerboom. Laut dem Netzwerk Anglerausbildung wurden im letzten Jahr 8706 Sana-Ausweise ausgestellt – 720 mehr als im Jahr zuvor. Für das aktuelle Jahr zeichnet sich sogar ein Rekord ab: Allein bis Ende September wurden über 9500 Prüfungen abgelegt. Bis zum Jahresende werden es nochmals rund tausend mehr sein, so die Organisation.

Philipp Sicher, Geschäftsführer des Schweizerischen Fischereiverbands, begründet die hohe Zahl auch mit der Umstellung auf die neue Anglerausbildung im nächsten Jahr. Aber nicht nur. Die zunehmende Begeisterung fürs Fischen liegt für ihn auf der Hand – vor allem bei den Jungen. Eine wichtige Rolle dabei nehmen die Fischervereine mit ihrer Jugendförderung ein. Doch für Sicher geht das gesteigerte Fischerinteresse auch einher mit dem Boom des Wanderns oder dem Gärtnern. «Das Thema heisst Naturverbundenheit. Die Menschen sind gerne im Freien aktiv», sagt er. Zudem werde Fischen auch vermehrt als Sport wahrgenommen: «Das Bild des Fischers, der ruhig am Seeufer sitzt und Däumchen dreht, ist veraltet.»

Nicht nur die Jungen, sondern auch die Frauen zeigen sich zunehmend begeistert fürs Fischen. «Über elf Prozent von den Sana-Ausweisen vergeben wir an Frauen», sagt Sicher. «Als wir die Prüfung im Jahr 2008 zum ersten Mal durchgeführt haben, waren es lediglich vier Prozent.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 16:08 Uhr

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