«Die Geschichte wird uns recht geben»

Kumi Naidu, Chef von Greenpeace International, steht hinter der aggressiven Gentechkampagne. Er ist überzeugt, dass die illegalen Aktionen anziehend auf junge Leute wirken.

«Die Ernährung ist etwas Emotionales. Es geht um die Frage, wie man sein Leben führt», sagt Kumi Naidu.

«Die Ernährung ist etwas Emotionales. Es geht um die Frage, wie man sein Leben führt», sagt Kumi Naidu. Bild: Reuters

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Viele Wissenschaftler glauben, dass mithilfe der Gentechnologie eine umweltschonendere Landwirtschaft betrieben werden kann, etwa mit Reis, dessen Anpflanzung weit weniger Wasser braucht. Müsste Greenpeace eine solche Entwicklung nicht begrüssen?

Trocken- und salztolerante Gentech-pflanzen sind ein Mythos der Gentech-industrie, tatsächlich ist noch kein solches Produkt vorhanden. Die Pflanzengentechnologie ist eine Technik, die sich ein Problem sucht – und es sind Produkte, die sich einen Markt suchen.

Es handelt sich um eine relativ neue Technologie.
Die Gentechindustrie gibt es seit 40 Jahren, und sie hat noch keinen substanziellen Beitrag geleistet. Es sind grossmundige Versprechen der Agrobiotechnologie, zum Beispiel, dass damit die Erträge der Nahrungsmittelproduktion gesteigert werden können. Laut einer Studie der amerikanischen Forschervereinigung Union of Concerned Scientist wurde mit Gentechpflanzen in den letzten 15 Jahren keine reale Ertragssteigerung erzielt.

Eine Studie, die im Frühjahr in «Nature Biotechnology» erschienen ist, belegt Ertragssteigerungen bei Gentechsoja und -mais. Was wäre so schlimm an Gentechpflanzen?
Gentechpflanzen sind ein fundamentaler Eingriff ins Ökosystem. Man kontaminiert damit die Nahrungsmittelproduktion bis hin zu möglichen Gesundheitsschäden. Wenn diese Pflanzen einmal auf dem Feld sind, kann man sie nicht zurückholen. Das ist nicht dasselbe, wie wenn die Autoindustrie einen Fehler macht. Die können die Wagen zurückrufen.

Mit dem Goldenen Reis gibt es ein Produkt, das helfen könnte, ein grosses Ernährungsproblem in den Entwicklungsländern, den Vitamin-A-Mangel, zu lösen.
Das ist ein weiteres grosses Versprechen. Karotten haben genau so viel Vitamin A wie der Goldene Reis. Hier wird uns eine Technologie verkauft, die schädlich ist.

Der Goldene Reis wurde ausgiebig getestet, ohne dass gesundheitliche Probleme festgestellt worden wären.
Wir sind nicht überzeugt, dass die Tests wirklich so gründlich waren, als dass wir den Goldenen Reis sorglos anwenden könnten. In ärmeren Ländern sind die Regeln und die Möglichkeiten, diese Tests durchzuführen, nicht so gut wie in Europa. Das macht diese Länder zu Experimentierfeldern für Dinge, die wir in Europa nie versuchen würden. Zudem gibt es andere Wege, um die Vitamin-A-Defizite auszugleichen.

Könnte die Gentechnologie nicht auch als Chance verstanden werden, die den Entwicklungsländern ein Know-how bringt, die Herausforderungen zu meistern?
Die Frage ist doch, welches Wissen vermittelt wird. Es gibt nicht nur das Wissen der Biotechunternehmen. Das traditionelle, über Jahrhunderte hinweg weitergegebene Wissen ist genauso wichtig. Wir anerkennen, dass es neue Innovationen und Technologien gibt, die das traditionelle Wissen ergänzen und begleiten können. Aber was die Gentechindustrie macht, ist nicht ehrlich, weil sie übertriebene Versprechungen macht.

Es gibt auch öffentliche Institutionen, die Gentechpflanzen entwickeln oder Stiftungen wie die African Agricultural Technology Foundation . . .
. . . wo Vertreter des Golden-Reis-Projektes im Vorstand sitzen. Wir müssen doch darauf achten, wer das Monopol und die Patente hat. Auch wenn öffentliche Institutionen daran mitarbeiten, werden die Patente für diese Pflanzen von den Monsantos der Welt gehalten.

Wie wichtig ist die Kampagne gegen die grüne Gentechnologie für Greenpeace?
Sie ist extrem wichtig. Natürlich stehen derzeit die Klimakampagne und die Energiefrage im Vordergrund. Aber die Gentechkampagne folgt gleich danach.

Bestimmen Sie die Strategie am Greenpeace-Hauptsitz?
Hier in Amsterdam koordinieren wir die Greenpeace-Aktivitäten und planen zum Beispiel Aktionen gegen eine Firma, die in mehreren Ländern tätig ist. Aber wir arbeiten eng mit den Länderbüros zusammen, denn bei der Gentechkampagne geht es um Landwirtschaftspolitik, und die wird praktisch ausschliesslich in den jeweiligen Staaten bestimmt. Wir sind vor allem in Europa präsent, aber auch in China und Indien und Südostasien. Diese Regionen sind prioritär für uns, vor allem wegen der wichtigen Schlacht um den Reis.

Greenpeace benutzt oft eine sehr emotionale Sprache. Sie reden von Kontamination, Gentechbombe und so weiter. Wäre ein bisschen mehr Sachlichkeit nicht angebracht?
Ernährung und Ernährungssicherheit sind sehr emotionale Themen. Schliesslich geht es dabei um die Frage, wie man sein Leben führt. Jeden Tag sterben Leute wegen zu wenig Essen, Kinder sind unterernährt. Da glaube ich nicht, dass wir übertreiben.

Wieso unternimmt Greenpeace illegale Aktionen zum Beispiel gegen Versuchsfelder, was oft hohe Kosten für die Forscher und auch für die Allgemeinheit verursacht.
Wir treten nicht wahllos Felder nieder, sondern greifen gezielt ein. Ein Beispiel ist die Aktion in Italien letzten Sommer, wo wir in ein Maisfeld eindrangen, das bereits Pollen bildete. Darum schnitten wir den Mais ab. Einige Tage später bestätigte ein Richter in der Provinz, das Feld müsse zerstört werden. Wir treten dort in Aktion, wo die lokale Bevölkerung nicht weiss, dass Gentechversuche laufen. Wir finden, die Leute haben ein Recht, zu wissen, welche Gefahr da blüht.

Man könnte auch schriftlich oder übers Radio informieren.
Wir leben in einer sehr gefährlichen Welt, im Moment befinden wir uns an einem Siedepunkt, eine ganze Reihe von Krisen sind zusammengekommen. Heute steht die pure Existenz künftiger Generationen auf dem Spiel, vor allem wegen der Klimakrise. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass das, was in der Gegenwart als radikale Aktion verdammt worden ist, später als Aktion von höchstem moralischem Wert anerkannt wird.

Greenpeace, so hat Ihre Tochter in einem Interview erklärt, strahle Magie für junge Leute aus. Zielen Sie darauf ab?
Was den jungen Leute extrem gefällt, ist, dass man bei Greenpeace etwas gegen Probleme unternehmen kann. Alle sprechen immer von der Notwendigkeit, die Armut anzugehen, die Klimaerwärmung zu bekämpfen, das Abholzen zu stoppen, aber tun nichts. Bei Greenpeace hingegen sind wir bereit, das Leben für diese Ziele einzusetzen. Wenn junge Leute diese Art von Aktionen sehen, inspiriert sie das, denn die jungen Leute wollen etwas für ihre Zukunft tun.

Verführen Sie die Jugend nicht auch mit dem Reiz der Illegalität?
Natürlich sind gewisse Aktionen illegal, aber viele Gerichte verurteilen unsere Aktionen nicht. Ein britisches Gericht hat uns nach der Besetzung eines Kohlekraftwerkes bestätigt, dass das, was wir zu verhindern suchten, um ein Vielfaches schädlicher war als die paar Stunden Produktionsausfall. Zivilen Ungehorsam und friedliche Aktionen, auch wenn sie das Gesetz verletzen, halte ich für legitim angesichts der weltweiten Krise.

Erstellt: 17.12.2010, 13:51 Uhr

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Der 45-jährige Südafrikaner ist seit rund einem Jahr oberster Chef von Greenpeace International. Naidu entstammt der indischen Minderheit Südafrikas, er ist in einem Vorort von Durban aufgewachsen und hat Politologie in Oxford studiert. Er wurde schon früh politisiert: Als Schüler kämpfte er gegen die Apartheid, später leitete er eine Alphabetisierungskampagne in Südafrika. Kumi Naidu ist der erste Greenpeace-Chef aus Afrika. In einem Artikel in der britischen Tageszeitung «The Guardian» hat er unlängst erklärt, dass er Greenpeace globaler und noch populärer machen möchte. (mma)

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