Die «Klimapause» ist zu Ende

Von Rekord zu Rekord: Die viel diskutierte Stagnation der Erwärmung durch natürliche Schwankungen scheint vorbei zu sein – der Trend zeigt wieder nach oben.

T-Shirt-Wetter letzten Sonntag auf dem Aussichtspunkt Arvenbüel bei Amden SG: Nächstes Jahr soll es noch wärmer werden.

T-Shirt-Wetter letzten Sonntag auf dem Aussichtspunkt Arvenbüel bei Amden SG: Nächstes Jahr soll es noch wärmer werden. Bild: Walter Bieri/Keystone

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Diese Zahlen geben zu reden: Pilatus, 2106 Meter über Meer, 15,7 Grad; Same­dan, 1709 m ü. M. 17,4 Grad; Grosser St. Bernhard, 2472 m ü. M., 10,1 Grad. Und das am 8. November, letzten Sonntag. Der Pass im Wallis und das Engadiner Dorf ragen dabei heraus. In Samedan wird seit 1869 die Temperatur ­gemessen, am Col du Grand St-Bernard seit 1864. Noch nie war es dort im November so warm, zeigt die Statistik von Meteo Schweiz.

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Nun sind das Wetterereignisse, die episodisch auftreten, zum Beispiel am letzten Wochenende, als ungewöhnlich milde Luft aus dem Südwesten in die Schweiz strömte. Einzelne Wetterereignisse machen noch keine Klimaveränderung. Erst wenn solch milde Perioden häufig auftreten, hat das einen Einfluss auf die Klimastatistik – und hier ist der Trend eindeutig: Seit Mitte der 80er-Jahre sind in der Schweiz die Herbstmonate deutlich wärmer geworden. «Auch der Herbst 2014 war sehr warm und trocken», sagt Stephan Baader, Klimatologe bei Meteo Schweiz. Die durchschnittliche Temperatur von September bis November lag mehr als 2,5 Grad über dem langfristigen Durchschnitt. Hingegen kann man die Jahre, die ungewöhnlich kalt waren, an einer Hand abzählen. Dieses Jahr rechnet Meteo Schweiz in ersten Prognosen mit einem warmen November. Auffällig ist die grosse Trockenheit, die seit Mitte Jahr andauert. Eine solche Entwicklung – eine Ausdehnung der Subtropen und des Mittelmeerklimas gegen Norden – erwarten die Klimaforscher in ihren Modellen, falls die Emissionen der Treibhausgase weiter in diesem Masse ansteigen.

Natur hat Trend kaschiert

Was in der Schweiz passiert, ist stets in einen globalen Kontext zu setzen: Der Klimawandel kann nicht mehr nur mit natürlichen Faktoren begründet werden. Das ist unter den meisten Klimaforschern seit langem unbestritten. Trotzdem waren die Wissenschaftler in den letzten Jahren bemüht, den schwächer gewordenen Trend der globalen Erwärmung zu erklären: In den letzten 15 Jahren war der Trend nur noch etwa halb so stark wie in den Jahrzehnten davor.Wer davon ausging, die Temperatur müsse mit der Zunahme des Klimagases CO2 kontinuierlich ansteigen, lag grundsätzlich nicht falsch. Doch die Energiebilanz des Globus wird neben den Treibhausgasen noch durch andere Faktoren beeinflusst.

Zu den natürlichen «Störfaktoren» gehören etwa die Sonneneinstrahlung, Vulkanausbrüche und Schwankungen der Strömungen in Atmosphäre und Ozean. Das Klimaphänomen El Niño, das alle drei bis fünf Jahre jeweils die atmosphärische und ozeanische Zirkulation durcheinanderbringt, hat einen starken Einfluss auf die globale Temperatur: Es brachte 1998, 2005 und 2010 je ein Temperaturmaximum – und Dürren in Australien und auf den Philippinen sowie Überschwemmungen in Südbrasilien und Südkalifornien. Das Pendant, La Niña, kühlte 2008 und 2011 die Atmosphäre ab. Der deutsche Klimaforscher Stefan Rahmstorf und ein internationales Team bereinigten die Temperaturkurve der letzten 30 Jahre von den natürlichen «Störfaktoren». Mit dieser Analyse konnten sie zeigen, dass die Erwärmung kontinuierlich weitergeht – innerhalb der Bandbreite verschiedener Computermodelle, die der Weltklimarat IPCC veröffentlichte.

Renommierte Klimaforscher wie Tho­mas Stocker von der Uni Bern oder Reto Knutti von der ETH Zürich erklärten, dass es im 20. Jahrhundert immer wieder Perioden der Stagnation gab. Und sie warnten vor falschen Schlüssen, sich bei der Reduktion der Treibhausgas-Emissionen zurückzulehnen. Nach der Stagnation komme früher oder später bestimmt irgendwann eine weitere Erwärmungsphase – sobald die bremsende Wirkung der natürlichen Schwankungen zu Ende ist. Mit anderen Worten: Die Natur hat in den letzten Jahren den eigentlichen Erwärmungstrend aufgrund der Treibhausgase kaschiert.

Ende der Klimapause

Was die Klimaforscher vorhersagten, scheint sich nun zu bewahrheiten. Das letzte Jahr war ein Rekordjahr, und dieses Jahr wird mit grosser Wahrscheinlichkeit global wieder ein neuer Wärmerekord aufgestellt. «Bemerkenswert ist vor allem, dass sowohl 2014 als auch 2015 keine typischen El-Niño-Jahre sind, was die Temperatur betrifft», sagt Urs Neu von der Schweizer Plattform Pro Clim der Akademie der Wissenschaften. Alle vorgängigen Spitzenwerte – in den Jahren 1998, 2005, 2010 – waren stark durch dieses Klimaphänomen geprägt, das jeweils im vorhergehenden Sommer einsetzte und bis zum Frühjahr andauerte.

«Die Analysen der Vergangenheit zeigen klar, dass sich das Klima­phänomen – zumindest in der Nordhemisphäre – erst nach vier bis fünf Monaten auf die globale Temperatur auswirkt», sagt Neu. Der extrem starke El Niño in diesem Jahr, der sich seit Juli und August aufgebaut hat, wirkt sich also nur für die letzten zwei bis drei Monate auf die globale Wärmebilanz von 2015 aus. Neu geht deshalb davon aus, dass die Temperatur im nächsten Jahr nochmals höher liegen wird. «Vorausgesetzt, es bricht kein Vulkan aus wie der Pinatubo 1991.» Damals kühlte sich das Klima für zwei Jahre messbar ab. Über die Ursache für die verzögerte Wirkung wissen die Klimaforscher zu wenig. Es liege vermutlich daran, so Neu, dass sich die aussergewöhnlich warmen Temperaturen im tropischen Pazifik erst allmählich in die anderen Regionen ausbreiten würden.

Verläuft die Temperaturkurve in den nächsten Jahren analog zu den letzten zwei Jahren und der Prognose für das kommende Jahr, so wird der Trend wieder deutlich nach oben zeigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 23:32 Uhr

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