Die Müllinseln wachsen

Plastiksäcke, Flaschen und andere Abfälle: Die Mengen von Plastik in den Meeren sind gigantisch. Das zeigt eine Studie. Die Forscher sehen zwei Lösungen.

Nur ein Bruchteil: Abfall wird an einen Strand in der Nähe der philippinischen Hauptstadt Manila geschwemmt.

Nur ein Bruchteil: Abfall wird an einen Strand in der Nähe der philippinischen Hauptstadt Manila geschwemmt. Bild: Reuters

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Die Menge an Plastikmüll, die Jahr für Jahr ins Meer gelangt, ist riesig: Allein 2010 waren es zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen, schätzen Forscher nach einer Untersuchung der Abfallströme in Ländern, die am Meer liegen. Dies entspricht in etwa dem Gewicht von 3,2 bis 8,5 Millionen Autos.

Der Grund für die Verschmutzung sei eine unsachgemässe oder nicht vorhandene Entsorgung des Abfalls, berichten Wissenschaftler aus Australien und den USA im Fachblatt «Science».

Rückstände von Plastik finden sich in allen Meeren, vom Nordpol bis zum Südpol, in Küstennähe und auf offenem Meer. Erhebliche Mengen sammeln sich als gigantische Müllstrudel in grossen Strömungswirbeln der Ozeane. Reste finden sich aber auch auf dem Meeresboden und in den Sedimenten.

Ted Talks - Great Pacific Garbage Patch (Englisch)

Wie viel Plastik sich genau in den Weltmeeren befindet, ist bisher nicht bekannt. Und auch die Frage nach der Herkunft ist nur unzureichend beantwortet. Experten gehen allerdings davon aus, dass der Grossteil des Plastikmülls vom Land eingetragen wird, über Flüsse oder mit dem Wind zum Beispiel.

Das Forscherteam um Jenna Jambeck von der University of Georgia im US-amerikanischen Athens versuchte, diese Menge genauer zu beziffern. Sie ermittelten unter anderem, wie viel Müll in Küstenregionen produziert wird, wie hoch der Anteil an Plastikmüll ist und wie viel davon unsachgemäss oder gar nicht entsorgt wird – also zum Beispiel in offenen Deponien gesammelt oder schlichtweg in die Umwelt geworfen wird. Anhand dieser Daten errechneten sie, wie viel Plastikmüll von Land her in die Meere gelangt.

Insgesamt wurden in den untersuchten Ländern im Jahr 2010 275 Millionen Tonnen Plastikmüll produziert, berichten die Forscher. 99,5 Millionen Tonnen davon entfielen auf den Bevölkerungsanteil, der in maximal 50 Kilometer Entfernung von der Küste lebt. Von dort stamme vermutlich der grösste Teil des Plastikabfalls in den Meeren. 31,9 Millionen Tonnen davon seien wiederum unsachgemäss entsorgt, was schliesslich zu dem errechneten Eintrag von 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik führt.

Müllmengen wachsen

«Unsere Schätzung von (im Mittel) acht Millionen Tonnen Plastikabfällen im Meer für das Jahr 2010 entspricht fünf Supermarkt-Säcken voller Plastik an jedem Fuss Küstenlinie der Welt», erläutert Jambeck. Ein Fuss entspricht 30 Zentimetern. Der Eintrag steige jedes Jahr, so dass die Schätzungen für das Jahr 2015 bereits bei ungefähr 9,1 Millionen Tonnen Plastikabfall (im Mittel) liegen.

Die Strömungen des Nordpazifiks ziehen den Abfall zusammen. (Quelle: NOAA Marine Debris Program via Ocean Portal)

Die 20 Länder mit der höchsten Verschmutzungsquote seien für 83 Prozent aller unsachgemäss behandelten Plastikabfälle im Jahr 2010 verantwortlich, berichten die Wissenschaftler weiter. Die Liste werde angeführt von China, Indonesien und den Philippinen, die USA belegten den 20. Platz. Fasse man alle Küstenländer der Europäischen Union zusammen, belegten diese den 18. Platz.

Deutlich über bisherigen Schätzungen

Ihre Schätzungen liegen deutlich über den bisher gemachten Angaben, etwa zu der Menge von Plastik in den Strömungswirbeln. «Die Arbeit gibt uns eine Idee davon, wie viel wir nicht sehen, wie viel wir noch in den Ozeanen aufspüren müssen, um auf die ermittelte Summe zu kommen», erläutert Studienleiterin Kara Lavender Law von der Sea Education Association in Woods Hole (US-Staat Massachusetts).

«Bisher erfassen wir hauptsächlich die Menge des umher treibenden Plastikmülls», sagte sie. «Aber eine Menge Plastik findet sich auch auf dem Meeresboden und an den Stränden weltweit.»

Tatsächlich hatten Forscher um Lucy Woodall vom «The National History Museum» in London im vergangenen Jahr gezeigt, dass sich ein Grossteil des Plastikmülls in den Sedimenten ansammelt. Dies würde möglicherweise die Diskrepanz zwischen der vermutlich eingetragenen Menge an Plastik und den tatsächlich gefundenen Rückständen erklären. Die Forscher hatten ihre Untersuchung damals im Fachblatt «Open Science» der britischen Royal Society vorgestellt.

Plastik baut sich nur langsam ab

Plastik ist extrem beständig und kann über Jahrzehnte, teils wohl über Jahrhunderte in der Umwelt verbleiben. Im Laufe der Zeit werden grössere Plastikteile stark zerkleinert, sie sinken dann von der Oberfläche in die Tiefe der Meere ab.

Vor allem über die biologischen Auswirkungen dieser Mikroteilchen ist bisher nur wenig bekannt. Nach Angaben des WWF finden sie sich in vielen marinen Organismen, in Muscheln, Fischen oder auch Fischlarven.

Nach Ansicht der Wissenschaftler gibt es zwei Möglichkeiten, die Plastik-Verschmutzung der Meere aufzuhalten: Die Entsorgung verbessern und den Plastik-Verbrauch einschränken. (spu/sda)

Erstellt: 12.02.2015, 20:26 Uhr

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