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Die Physiker in aller Welt jubeln

Die Physiker des Forschungszentrums Cern suchen nach dem letzten, mysteriösen Baustein des Universums: Dem Higgs-Boson. Die Forscher haben heute erklärt, dass sie es wahrscheinlich gefunden haben.

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Das Forschungszentrum für Teilchenphysik Cern bei Genf hat heute die Beobachtung eines neuen Teilchens verkündet. Es könnte das lang gesuchte Higgs-Teilchen sein.

Es gab stehenden Applaus für die Cern-Forscher, welche die Beobachtung eines neuen Teilchens bekannt gegeben haben. Die aufregende Botschaft war: Wir haben ein neues Teilchen beobachtet, und es ist konsistent mit dem Higgs-Teilchen, sagte Cern-Generaldirektor Rolf Heuer vor Medien am Cern.

Damit sind die Cern-Forscher dem letzten Baustein, der das Standardmodell der Teilchenphysik vervollkommnen würde, dicht auf den Fersen. «Das Aufregende ist, dass das Higgs-Teilchen anders ist als alle anderen Teilchen», sagte Joe Incandela, Sprecher des CMS-Experiments, eines von zwei Experimenten am Cern, die am Teilchenbeschleuniger LHC nach neuen Teilchen suchen.

Schnelle Auswertung

Bisher erklärt das Standardmodell erst etwa vier Prozent der Energie und Materie im Universum. Mit dem gefundenen Teilchen könnte man vielleicht Hinweise darauf finden, wie zumindest im Ansatz die unbekannten 96 Prozent zu erklären sind.

Mit Rekordgeschwindigkeit hat der LHC-Beschleuniger die Daten geliefert und haben die rund sechstausend Wissenschaftler diese analysiert und ausgewertet. «Ich bin überrascht, dass es so schnell ging», sagte Cern-Physiker und ETH-Professor Günther Dissertori.

Bis Ende letzten Jahres hatten die Wissenschaftler bereits eingrenzen können, dass ein Teilchen im Massenbereich von 120 bis 130 Gigaelektronenvolt (GeV) zu finden sein müsse. Nun konnten die beiden Experimente CMS und Atlas das neue Teilchen bei rund 125 GeV lokalisieren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich nicht um ein neues Teilchen handelt, sei mit eins zu drei Millionen sehr klein, sagte Dissertori. Ausserdem zeige es einige Zerfalls-Eigenschaften, die man aus der Theorie für das Higgs-Teilchen erwarten würde. «Wir sind dem Higgs-Teilchen auf der Spur.»

Noch mehr Teilchen vor der Entdeckung

Dennoch sind die Forscher zurückhaltend: «Wir wissen nicht sicher, ob wirklich alle Higgs-Eigenschaften erfüllt sind», sagte Cern-Physiker Hans Peter Beck, Physikdozent an der Universität Bern. Falls ja, ist es tatsächlich das erwartete Higgs-Teilchen.

Noch viel spannender aber wäre es, wenn das neue Teilchen nicht alle für ein normales Higgs-Teilchen erwarteten Eigenschaften besitzt. «Dann würde uns das Teilchen aus der bekannten Physik des Standardmodells hinausführen». Das weckt die Hoffnung, dass weitere Teilchen entdeckt werden können und zu neuen Durchbrüchen in unserem Verständnis führt, wie das Universum funktioniert.

Für die Physiker ist dies eigentlich das wirklich Aufregende am heutigen Tag: «Dies ist das erste Mal, dass wir im Detail dieses neue Teilchen untersuchen können», sagte Cern-Generaldirektor Heuer.

Anwärter auf den Nobelpreis

Hellauf begeistert waren auch die Wissenschaftler-Kollegen, die zu hunderten ans Cern gereist waren. Dies ist ein Moment, um einen grossen experimentellen Erfolg zu feiern, sagte der 83-jährige Peter Higgs, einer der theoretischen Physiker, die die Existenz des Higgs-Teilchens vorhergesagt hatten. Er und sein Kollege François Englert werden nun erst recht als Anwärter auf den Nobelpreis gehandelt.

«Letztlich ist die Entdeckung aber jenen tausenden von Forschern zu verdanken, vom Techniker im Beschleuniger bis zum Datenanalysten, die reibungslos zusammengearbeitet haben», wie Atlas-Sprecherin Fabiola Gianotti hervorhob. Bis vor zwei Wochen seien noch Daten gesammelt worden, die heute präsentiert werden konnten. «Ich bin begeistert vom Einsatz und dem Talent dieser jungen Leute», sagte sie.

Patzer im Voraus

Dem europäischen Kernforschungszentrum Cern ist vor der weltweit mit Spannung erwarteten Stellungnahme zum Elementarteilchen Higgs-Boson ein Patzer unterlaufen. Versehentlich stellte das Forschungszentrum kurzzeitig ein Video ins Internet, in dem die Beobachtung des neuen Teilchens bestätigt wird. «Wir haben ein neues Teilchen beobachtet», sagt Cern-Sprecher Joe Incandela in dem Video, das die US-Zeitschrift «Science News» zuerst entdeckte.

Obwohl es sich inzwischen in einen passwortgeschützten Teil der Cern-Website befindet, verbreitete sich das Video schnell im Internet. Eine Cern-Sprecherin sagte «Science News», der Clip sei einer von mehreren Videos, die bezüglich der Stellungnahme zum Higgs-Boson mit verschiedenen Szenarien aufgenommen worden seien. Er hätte eigentlich nicht ins Internet gestellt werden sollen.

Erstellt: 04.07.2012, 09:14 Uhr

Bilder aus der Pressekonferenz am Forschungsinstitut des Cern in Genf. (Video: Reuters )

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