Interview

«Die Sarden sollten sich für das Wochenende wappnen»

18 Tote forderte Sturm Cleopatra auf Sardinien. Atmosphärenphysiker Willi Schmid sagt, wie ein solcher Sturm entsteht und weshalb die Gefahr auf der italienischen Insel noch nicht gebannt ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Auf der italienischen Insel Sardinien wütet das Sturmtief Cleopatra. 20'000 Menschen sind betroffen, mindestens 18 sind gestorben. Waren die Menschen dort nicht vorgewarnt?
Dass es Gewitter gibt, konnten Meteorologen in Italien sicher vorhersehen. Die Stärke wurde wohl unterschätzt. Man muss aber sagen, dass es bei extrem starken Niederschlägen und schweren Stürmen sehr schwierig ist, verlässliche Aussagen zu machen. Die effektive Stärke kann sich lokal stark unterscheiden.

Wie ist der Sturm entstanden?
Cleopatra ist ein typisches Mittelmeertief mit grösseren eingelagerten Gewitterkomplexen. In den letzten Tagen ist kalte Luft von Norden direkt ins westliche Mittelmeer geflossen. Dort hat sich schliesslich ein Tiefdruckgebiet gebildet. Auf der Ostseite hingegen war die Wasseroberfläche bis zu 20 Grad warm oder darüber. Somit war die Luft dort gut gesättigt mit Feuchtigkeit. Das Wechselspiel von kalter Luft im Westen und warmer, feuchter Luft im Osten hat das Tiefdruckgebiet verstärkt und es in Richtung Osten in Bewegung gesetzt. Auf der Vorderseite des Tiefdruckgebiets gab es starke Vertikalbewegungen, die zum starken Sturm Cleopatra geführt haben.

Wäre ein derart starker Sturm auch in der Schweiz denkbar?
Grundsätzlich ja. Auch bei uns kommt es im Sommer regelmässig zu heftigen Niederschlägen, die an Gewitter gebunden sind. Diese können leicht ausarten. Ein Sturm im Ausmass von Cleopatra auf Sardinien wäre bei uns aber schon sehr aussergewöhnlich.

Der Sturm Haiyan sorgte auf den Philippinen für grosse Verwüstung. Was haben Haiyan und Cleopatra gemein?
Ein Mittelmeertief wie Cleopatra erreicht nie und nimmer die Stärke eines tropischen Wirbelsturms. Aber die Entstehung der beiden hat Gemeinsamkeiten. Auch der Taifun Haiyan nahm durch das Aufsteigen von stark feuchter Luft über der Meeresoberfläche seinen Anfang.

In Medienberichten wird Cleopatra als Zyklon bezeichnet. Ist das richtig?
Ich würde eher von einem Mittelmeertief sprechen, einige werden Cleopatra auch als Medicane bezeichnen. Der grosse Unterschied ist, dass bei einem Mittelmeertief wirklich arktische Luft von Norden ins Mittelmeer kommt. Bei tropischen Stürmen ist dies nicht der Fall.

Was ist ein Medicane?
Man bezeichnet damit ein starkes Mittelmeertief mit Hurrikan-ähnlichen spiralförmigen Wolkenstrukturen. Auch ein sogenanntes Auge kann in der Mitte auftreten. Die Windstärken erreichen aber nicht die Werte eines ausgewachsenen Hurrikans über dem Atlantik.

Haiyan war ein Taifun, Sandy war ein Hurrikan, und schliesslich gibt es noch Zyklone. Was unterscheidet die drei?
Grundsätzlich beschreiben die drei Begriffe dasselbe Wetterphänomen. Der Unterschied liegt in der Region, in der sie auftreten. Vom Hurrikan spricht man im Atlantik, vom Taifun im Pazifik, und zum Zyklon kommt es im Indischen Ozean.

Ist die Region Sardinien prädestiniert für solch starke Stürme?
Dass es im Herbst über dem Mittelmeer zu starken Stürmen kommen kann, ist normal. Die Wasseroberfläche ist vom Sommer her warm. Langsam, aber stetig gibt das Wasser die Wärme an die Luft ab. Dies kann bis lange in den Winter der Fall sein. Kommt es dann noch zu Kaltluftausbrüchen von Norden her, führt dies zu Gewitterstürmen. Jedoch kann die Stärke von Cleopatra schon als Ausnahme bezeichnet werden.

Auf Sardinien soll es weiterregnen. Was erwartet die italienische Insel?
Entwarnung gibt es noch nicht. Wetterlagen haben ein gewisses Beharrungsvermögen und die Tendenz, sich zu wiederholen. Ich denke, dass in den nächsten Tagen weiter kalte Luft ins Mittelmeer gelangt und sich damit das Tiefdruckgebiet regenerieren kann. Das Risiko, dass es noch einmal zu heftigen Regenfällen und Unwettern kommt, ist gross. Die Sarden sollten sich für das kommende Wochenende wappnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2013, 17:15 Uhr

Willi Schmid arbeitete an der ETH Zürich als Atmosphärenphysiker. Im Jahr 1999 gründete er sein Unternehmen Meteoradar.

Google Map

Grosse Verwüstung: Der Sturm Cleopatra wütet auf Sardinien. (Video: Reuters )

Artikel zum Thema

Unwetter auf Sardinien fordert zahlreiche Tote

Nach einem Sturm mit heftigen Niederschlägen herrschten auf der italienischen Mittelmeerinsel chaotische Zustände. Noch immer sind Orte von der Aussenwelt abgeschnitten – und es droht noch mehr Regen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Michèle & Friends Was ich alles nicht tun werde

Geldblog Ist ein starker Franken Fluch oder Segen?

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Heftiges Wortgefecht: Ein palästinensischer Mann und ein israelischer Soldat geraten aneinander wegen der israelischen Order, eine Schule bei Nablus zu schliessen. (15. Oktober 2018)
(Bild: Mohamad Torokman) Mehr...