«Die Schweiz ist besonders stark betroffen»

Der Zürcher Klimaforscher Erich Fischer erklärt, weshalb bereits eine kleine globale Temperaturänderung die Wahrscheinlichkeit von extremer Hitze erhöht.

Abkühlung während der Hitzewelle im Juni: Seit Beginn der Messungen ist die Temperatur in der Schweiz stärker gestiegen als im globalen Durchschnitt. (Video: Tamedia/sda)

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Die Erde hat sich in den letzten hundert Jahren um 1 Grad erwärmt. Im Pariser Klimaabkommen ist festgeschrieben, dass die Vertragsstaaten alles unternehmen sollen, um eine durchschnittliche globale Erwärmung um 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu verhindern; maximal darf sich die Erde gemäss Klimavertrag um nicht mehr als 2 Grad aufheizen.

Wissenschaftler der ETH Zürich und des deutschen Potsdam Instituts für Klimafolgen haben nun untersucht, ob ein Schritt von einem halben Grad – eine Temperaturveränderung, die wir am Körper nicht einmal spüren – bereits einen Effekt auf das globale Klimasystem hat. Dazu verwendeten sie Messdaten der letzten Jahrzehnte, in denen es um 0,5 Grad wärmer geworden ist. Die Ergebnisse, die eben im Journal «Nature Climate Change» veröffentlich wurden, zeigen: Auch eine kleine Erwärmung hat grossen Einfluss auf extreme Hitze und Niederschlagsereignisse. Die Temperatur des heissesten Tages eines Jahres zum Beispiel stieg vielerorts um durchschnittlich 1 Grad. Der kälteste Tag wurde milder, um 2,5 Grad. Und längere Hitze­perioden von mindestens fünf Tagen verlängerten sich im Mittel um sechs Tage.

Erich Fischer, Sie sind Mitautor der Studie. Warum sind Ihre Resultate nicht auf natürliche Schwankungen zurückzuführen?
Es gibt vor allem in der Nordhemisphäre und Australien Tausende Messorte, die seit Jahrzehnten Daten liefern. Mindestens auf der räumlichen Skala von Kontinenten ist die Datenlage so eindeutig, dass die Erwärmung bei Extremereignissen kein Zufall mehr sein kann.

Für die Schweiz kann man also keine Aussage machen?
Es gibt auch hier viele Hinweise. Aber es ist wie bei einer Verkehrsunfallstatistik. Um Veränderungen in einer Ortschaft zu sehen, fehlen genügend Ereignisse, also muss ich die Daten der ganzen Schweiz ansehen. Auch bei Klimaforschung ist die jährliche Zahl der Extremereignisse zu variabel, um kleinskalig Veränderungen zu finden. Da brauchten wir Daten über Jahrhunderte. Auf der grossen Skala der Hemisphäre oder Kontinente ist dies aber zuverlässig möglich. Oder in Regionen mit starker Erwärmung.

Die Anzahl Hitzetage in der Schweiz hat messbar zugenommen.Klimaforscher Erich Fischer

Zum Beispiel in der Schweiz: Bei uns ist es seit Messbeginn vor 150 Jahren durchschnittlich 1,8 Grad wärmer geworden, global ist es nur 1 Grad.
Das stimmt. Eine durchschnittliche globale Erwärmung um 1 Grad gilt nicht für jeden Winkel der Erde. Es gibt auch Gebiete, in denen es nicht wärmer geworden ist. Die Schweiz hingegen gehört statistisch zu jenen Regionen weltweit, in denen die Intensität extremer Hitzeereignisse am stärksten anstieg. Auch die Anzahl Hitzetage hat messbar zugenommen.

Warum ist es bei uns überdurchschnittlich wärmer geworden?
Wir wissen es nicht genau. Landoberflächen erwärmen sich grundsätzlich schneller als Ozeane. Es gibt zudem die Hypothese, dass die Schweiz in der Übergangszone zwischen feuchtem Nordeuropa und trockenem Mittelmeerraum besonders stark betroffen ist.

Bildstrecke - Schon im Mai wurde es über 30 Grad. Nach der Hitze folgen jeweils die Unwetter.

Hitzeperioden entstehen während eines stationären Hochdruckgebiets. Sind diese heute länger?
Anhaltende stationäre Hochdrucklagen sind eine Voraussetzung für eine starke Hitzewelle. Es ist aber umstritten, ob diese Wetterlagen durch eine veränderte atmosphärische Strömung länger stationär bleiben. Dazu fehlen die Daten. Der Hauptgrund für intensivere Hitzetage liegt darin, dass es durchschnittlich wärmer geworden ist. Während einer Hochdrucklage und besonders bei trockenen Böden kann sich dann in der Schweiz eine Hitzewelle ausbilden.

Ist die derzeit beschleunigte Abschmelzung des arktischen Meereises auch auf die Erwärmung um ein halbes Grad zurückzuführen?
Es gibt Meinungen, dass die Arktis schon in wenigen Jahren eisfrei sein könnte. Da bin ich skeptisch, denn die beschleunigte Abschmelzung der letzten Jahre wurde teilweise durch natürliche Schwankungen ausgelöst, weil Winde das Meereis von Jahr zu Jahr unterschiedlich stark Richtung Nordatlantik verschieben. Der langfristige Abschmelztrend der letzten 40 bis 50 Jahre hingegen ist meines Erachtens mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Folge der globalen Erwärmung. Und das Schmelzen der alpinen Gletscher ist eindeutig eine Folge des Klimawandels.

Können die neuen Erkenntnisse auf die Zukunft übertragen werden?
Wir konnten aufzeigen, dass eine Erwärmung um 0,5 Grad eindeutig Folgen für das Klima hat. Wir wissen, dass die Temperatur weiter ansteigen wird, wenn wir die Treibhausgase nicht massiv reduzieren. Die Folgen werden sich aber beschleunigen. Das heisst zum Beispiel: Hitzetage, wie sie heute während fünf bis sechs Tagen pro Sommer auftreten, erwarten wir beim Erreichen des 2-Grad-Ziels im Schnitt während zwei Wochen und bei 3 Grad während eines ganzen Monats. Wird es 4 Grad wärmer, wird ein Jahrhundertsommer wie 2003 zum Normalfall. Verhindern wir eine Erwärmung um 1,5 Grad, mindern wir das ­Risiko, in einen unbekannten Klima­zustand vorzustossen.

Ist eine Temperaturgrenze einmal überschritten, wird es schwierig für Korrekturen.Klimaforscher Erich Fischer

Wir sind alles andere als auf Kurs. Wie realistisch ist es denn, das 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen?
Diese Grenze werden wir mit grosser Wahrscheinlichkeit bis Ende des Jahrhunderts zumindest zeitweise überschreiten. Die aktuelle internationale Klimapolitik – auch wenn die USA aus­gestiegen sind – macht zwar Hoffnung, das 2-Grad-Ziel zu erreichen, aber die Klimaanstrengungen müssen massiv ­erhöht werden. Ist eine Temperaturgrenze einmal überschritten, wird es schwierig für Korrekturen. Und die eigentliche Abrechnung kommt erst später. Der Meeresspiegel zum Beispiel oder die Abschmelzung der Eisschilde an den Polen reagieren verzögert, was wiederum Konsequenzen auf die Erderwärmung hat. Würden wir heute die Emissionen auf null senken, würde das meiste CO2 über Jahrhunderte in der Atmosphäre verbleiben und sich das Klima weiter ändern, bis es wieder im Gleichgewicht ist.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.07.2017, 21:13 Uhr

Erich Fischer ist Klimaforscher am Institut für Atmosphäre und Klima an der ETH Zürich. Foto: PD

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