Die Schweiz ist reich an Arten

Wider Erwarten ist die Biodiversität seit 1900 gestiegen – dank Naturschutz und Klimaerwärmung.

Der Brutvogel ist wahrscheinlich aus einem Gehege entwichen und gilt als invasive Art: Rostgans.

Der Brutvogel ist wahrscheinlich aus einem Gehege entwichen und gilt als invasive Art: Rostgans. Bild: F1online

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Anfang dieser Woche sind rund zehntausend Umweltbeamte, Regierungsvertreter, Angehörige von Umweltschutzorganisationen und auch Journalisten aus aller Welt nach Japan gejettet. Im Rahmen der 10. Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversitätskonvention in der Stadt Nagoya sollen verbindliche Strategien zum Schutz der Artenvielfalt ausgehandelt werden.

Grund für das grosse Treffen ist die Befürchtung, dass die Welt direkt auf ein neues Massenaussterben zusteuert. Von den weltweit 300 000 Pflanzenarten und vielleicht 2 Millionen Tierarten seien 30 Prozent gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Doch wie verlässlich diese Zahlen sind, ist selbst unter Wissenschaftlern umstritten – sie machen vor allem Angst. Die Angaben beruhen meist auf Schätzungen und Hochrechnungen, «die stimmen können oder auch nicht», sagt Bafu-Mitarbeiter Meinrad Küttel. Küttel ist Projektleiter des Biodiversitätsmonitorings Schweiz. Mit diesem Instrument erfasst der Bund seit 2001 die Artenvielfalt im Land präzise. Anders als die Roten Listen von Umweltverbänden und Behörden, die nur seltene und gefährdete Arten aufführen, misst das Monitoring alle Arten, aber auch Populationsgrössen und Verbreitung einzelner Arten sowie weitere Indikatoren wie die Fläche wertvoller Biotope oder die genetische Vielfalt von Nutzpflanzen. Jährlich alimentiert der Bund dieses weltweit einmalige Werkzeug mit 3 Millionen Franken.

Verblüffender Artenreichtum

Schon die ersten Erhebungen überraschten die Schweizer Artenschutzspezialisten: «Artenvielfalt verblüffend gross», war eine Pressemitteilung vom 27. Juni 2002 übertitelt. Die höchste Vielfalt wurde in den nördlichen Voralpen festgestellt, wo durchschnittlich 267 Pflanzenarten pro Quadratkilometer gezählt wurden. In der ganzen Schweiz gibt es rund 40 000 Tierarten und etwa 3000 Pflanzenarten. «Bei den Wirbeltieren stimmen die Zahlen recht genau», sagt Küttel. «Bei den Insekten und Pflanzen handelt es sich um Hochrechnungen.» Dieser Bestand hat sich gemäss den Erhebungen des Biodiversitätsmonitorings in den vergangenen Jahren nicht geändert. Im Mittelland seien zwischen 1997 und 2007 zwar eine ganze Reihe Arten verschwunden, aber auch neue dazu gekommen. «Auf gesamtschweizerischer Ebene kann man jedenfalls kein Artensterben feststellen», sagt Küttel.

Eher das Gegenteil: In einer 2009 erschienenen Publikation, die Meinrad Küttel zusammen mit Nicolas Martinez und Darius Weber verfasst hat, stellen die Biologen sogar eine deutliche Zunahme wild lebender Tiere in der Schweiz seit 1900 fest. Die Forscher haben die Aussterbe- und Einwanderungsereignisse über einen Zeitraum von 100 Jahren untersucht. Sie erfassten Säugetiere (ohne Fledermäuse), Brutvögel, Amphibien und Reptilien, Fische, Rundmäuler sowie Tagfalter, Heuschrecken und Libellen. Der Status von 708 Tierarten konnte so eindeutig festgelegt werden.

Die Bilanz: Seit 1900 sind 23 Tierarten aus der Schweiz verschwunden, 42 sind neu hinzugekommen. Der Waschbär gilt ab Stichjahr 1990 als hier ansässig. Auch Wolf, Luchs, Biber oder Burunduk, ein sibirisches Streifenhörnchen, das sich in einem Park in Genf wohlfühlt, haben sich zu uns gesellt. Als ausgestorben gelten nur Bär und Fischotter.

Freche Neuzuzüger

Viele der neuen Arten profitieren von Naturschutzbestrebungen, andere wie der Waschbär oder das sibirische Streifenhörnchen sind eingeschleppt worden. Die Zunahme bei den Brutvögeln macht über die Hälfte des gesamten Anstiegs aus. Die meisten von ihnen sind zugeflogen, wobei auch die Klimaerwärmung eine Rolle gespielt haben dürfte. Unter den Neuzuzügern gibt es aber auch sogenannt invasive Arten, die einheimische Arten konkurrieren – etwa die Rostgans, die aus Gehegen entwichen ist.

Die Artenzunahme ist nicht nur auf die Schweiz beschränkt. In Schweden etwa hat die Zahl bei den Wirbeltieren seit 1900 um 27 Arten zugenommen, in England ist die Anzahl Brutvogelarten von 1968 bis 1988 um fünf gestiegen. Dass die Artenzahlen in Europa nicht abgenommen haben, findet auch Peter Edwards, Professor am Institut für Integrative Biologie der ETH Zürich, erstaunlich: «Möglicherweise haben sich die Tierarten angepasst.»

Global sei jedoch ein zunehmender Druck auf die Artenvielfalt festzustellen. «Dieser äussert sich vielleicht nicht in den absoluten Artenzahlen», sagt Edwards, «aber die Populationsgrössen zeigen vielerorts nach unten.» Die Populationsgrösse ist ein Indikator dafür, wie robust eine Art im gegebenen Lebensraum ist. Laut Meinrad Küttel sind die Daten bei den Populationsgrössen jedoch sehr lückenhaft. Auch im Biodiversitätsmonitoring werden einzelne Arten erfasst, in der Hoffnung, sie seien repräsentativ. «Bei manchen hat die Populationsgrösse abgenommen, bei anderen zugenommen», so Küttel. «Eine Bilanz über den Gesamtzustand der Natur kann daraus nicht gezogen werden.»

Landwirtschaft bedroht Falter

Trotzdem gibt es einige Ergebnisse, die Meinrad Küttel beunruhigen: «Bei den landwirtschaftlichen Flächen etwa beobachten wir wieder eine Intensivierung. Seit 2008 ist die Zahl der Grossvieheinheiten pro Hektar sprunghaft angestiegen.» Eine derartige Intensivierung führt fast unweigerlich zu einer erneuten Überdüngung, worunter ökologisch wertvolle Arten wie der Tagfalter leiden könnten.

Erstellt: 23.10.2010, 10:56 Uhr

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