Die Suche nach dem Winzling

45 Jahre lang suchte Peter Vogel nach der Etruskerspitzmaus. Dann fing der Lausanner Biologe sieben dieser kleinsten Säugetiere der Welt im Tessin – und liess die kleinen Räuber sofort wieder frei.

Eine Etruskerspitzmaus: Sie wiegt nur knapp zwei Gramm, ist nachtaktiv – und dauernd auf Nahrungssuche. Foto: sf

Eine Etruskerspitzmaus: Sie wiegt nur knapp zwei Gramm, ist nachtaktiv – und dauernd auf Nahrungssuche. Foto: sf

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Im Sommer 1966 begab sich ein Paar auf eine ungewöhnliche Hochzeitsreise ins Tessin. Sie klapperten ein Kirchlein nach dem anderen ab. Sie suchten nicht nach dem erneuten Segen für ihren Bund des Lebens, den sie zuvor erhalten hatten, sondern nach Gewöllen von Schleiereulen. Darin hofften sie auf Überreste von Etruskerspitzmäusen zu stossen, dem kleinsten Säugetier der Welt. «Damals wussten meine Frau und ich noch nicht, dass es im Tessin keine Schleiereulen gab», sagt der heute emeritierte Lausanner Biologe Peter Vogel.

Etruskerspitzmäuse sind nur knappe zwei Gramm schwer und von der Nase bis zu Schwanzspitze sieben Zentimeter lang, gerade so klein wie ein Hirschkäfer. Da ihre Körperoberfläche wegen ihrer geringen Grösse im Verhältnis zu ihrem Volumen immens ist, haben sie einen im Vergleich zum Menschen 100-mal grösseren Energieumsatz. Sie sind nachtaktiv und dauernd auf Nahrungssuche: Grillen, Spinnen, Regenwürmer. Sonst ist über die Winzlinge mit dem Raubtiergebiss nur wenig bekannt, nicht einmal über ihre Lebenserwartung weiss man Bescheid. In der Schweiz wurde die im Mittelmeerraum verbreitete Etruskerspitzmaus ein einziges Mal 1895 bei Locarno gesichtet. Ein weiterer Bericht, den ein katholischer Luganeser Pater 1911 erstattete, blieb umstritten. Im Buch «Säugetiere der Schweiz» wurde die Art fortan als «nicht bestätigt» geführt.

Zwei Pärchen für Grzimek

Doch Peter Vogel, der Mitte der 60er-Jahre Zoologie in Basel studierte, liess die Etruskerspitzmaus nicht mehr los. «Es war keine grosse Sache für mich, aber damals begann es, und seither liess ich nicht mehr locker.» Zwei Jahre nach seiner Hochzeitsreise verweilte er – wiederum mit seiner Frau – auf einer Forschungsstation in der Camargue. Dort waren Etruskerspitzmäuse in Eulengewöllen nachgewiesen worden. «Der Direktor beschied mir, dass es viele versucht, jedoch noch nie jemand geschafft habe, diese winzigen Säuger zu fangen.» Vogel liess sich nicht entmutigen. Es gelang ihm, fünf lebende Tiere zu fangen. Er brachte sie nach Basel und gründete eine Zucht. Damals arbeitete er bereits an seiner Dissertation über die Embryonal- und Jugendentwicklung von drei heimischen Spitzmausgattungen. Die Etruskerspitzmaus gehörte nicht dazu.

Die Zucht im Terrarium war nicht einfach. «Eine Spitzmaus will immer Körperkontakt mit ihrer Umgebung, genauso, wie sie es in ihrer natürlichen Umgebung hat, den Trockenmauern des Mittelmeerraums», erklärt Vogel. Er konstruierte ein Terrarium mit löchrigen Backsteinen, in denen die Tiere nach Grillen jagen konnten. In den gekerbten Gängen einer Gipswand hinter der Frontscheibe liessen sie sich zudem ungestört beobachten. Die Zucht gedieh prächtig – und Vogel verkaufte zwei Pärchen für 500 Franken an den berühmten deutschen Verhaltensforscher Bernhard Grzimek, den damaligen Direktor des Frankfurter Zoos. Ein weiteres Paar schenkte der gebürtige Berner dem Tierpark Dählhölzli. Doch eine Zucht mit Spitzmäusen lässt sich höchstens fünf Jahre halten, dann belasten mangels Blutauffrischung Inzucht und Degeneration die Tiere – die Zucht lief aus.

Seither hat Peter Vogel nicht aufgehört, die Etruskerspitzmaus in der Schweiz zu suchen. In der Zwischenzeit war er Professor für Zoologie in Lausanne, hat sich zu einem angesehenen Spezialisten für Spitzmäuse und andere Kleinsäuger gemausert, verfasste über hundert Publikationen und leistete bedeutende Beiträge in der Ökologie von Wirbeltieren. Er bereiste die ganze Welt. In der Elfenbeinküste fand er die Zwergotterspitzmaus, einen bis dahin praktisch unbekannten afrikanischen Insektenfresser aus der Familie der Tenrekiden, zu denen die madagassischen Tanreks gehören. Auf den Mittelmeerinseln Kreta und Sizilien fing er Spitzmäuse, die sich aufgrund genetischer Analysen als Überlebende einer voreiszeitlichen Inselfauna mit Zwergelefanten und Flusspferden herausstellten. Doch die kleine Etruskerspitzmaus in der Schweiz blieb ihm verwehrt.

Nicht verwandt mit Mäusen

Spitzmäuse sind eine spezielle Tiergruppe. Die Ägypter betrachteten sie als Heiligtum und mumifizierten sie. Das Museum in Basel ist im Besitz eines Sarkophags mit einbalsamierten Spitzmäusen. Sie zählen aber nicht zu den Mäusen und sind keine Nagetiere. Ihre nächsten Verwandten sind Igel und Maulwurf. Die kleinen Insektenfresser sind vor allem auch für die Forschung interessant. «Wegen ihrer geringen Körpergrösse sind sie ein Modell für den Energiehaushalt», sagt Peter Vogel. Zwergspitzmaus, Waldspitzmaus und Wasserspitzmaus etwa haben einen dreimal intensiveren Energiehaushalt, als er ihrer Grösse entspricht. Wenn sie nichts zu fressen haben, sterben sie innert zwei Stunden. Etruskerspitzmäuse dagegen können bei schwierigen Verhältnissen tagsüber die Körpertemperatur auf 18 Grad Celsius absenken und so ihr tägliches Energiebudget auf die Hälfte reduzieren und 12??Stunden ausharren.

Spitzmäuse zeichnen sich durch ein spannendes Sozialleben aus, das sich von Art zu Art unterscheidet. Die Hausspitzmaus ist monogam, alle Kinder eines Wurfes sind vom gleichen Vater. Bei der Waldspitzmaus findet man hingegen eine multiple Vaterschaft. Sogar der Nachwuchs eines Wurfes – normalerweise sind es sechs bis acht Junge – stammt durchschnittlich von drei Vätern ab. Mit interessanten Folgen. «Wir haben herausgefunden», sagt Vogel, «dass polygame Spitzmäuse die Spermien viel schneller produzieren als monogame Hausspitzmäuse.» Für die Etruskerspitzmaus können nur Vermutungen angestellt werden. «Sie gehören zu den Weisszahnspitzmäusen, und die sind eher monogam.»

2007 wird Peter Vogel emeritiert, endlich hat er wieder Zeit, nach der Etruskerspitzmaus in der Schweiz zu suchen. Im Herbst 2011, gut ausgerüstet mit neu entwickelten Fallen und noch mehr Wissen, machen sich der hartnäckige Biologe und seine Frau erneut ins Tessin auf. Und endlich: Nach 45 Jahren ist ihre Suche von Erfolg gekrönt. In der Nähe von Vacallo bei Chiasso stellt Vogel in einer Nacht dreissig Fallen – und fängt sieben Etruskerspitzmäuse, die er alsbald wieder freilässt. «Es war eine sehr grosse Genugtuung, diese Art nach so vielen Jahren im Tessin wirklich in den Händen zu halten», sagt Peter Vogel, «und zu zeigen, dass sie zu unserer Fauna gehört.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.01.2012, 18:19 Uhr

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