Die Todesspirale der Geier

Die in Spanien neu zugelassene Tierarznei Diclofenac bedroht die Bestände der fliegenden Aasfresser in den Pyrenäen.

Gefiederter Totengräber: Der Mönchsgeier gehört zu den grössten Vögeln der Welt.  Foto: iStock

Gefiederter Totengräber: Der Mönchsgeier gehört zu den grössten Vögeln der Welt. Foto: iStock

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Seit den 90er-Jahren rafft ein einfaches Schmerzmittel die Geier Indiens dahin. Auch die Steppenadler werden vom Wirkstoff Diclofenac getötet, zeigt eine Studie in der Zeitschrift «Bird Conservation International». Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass auch andere Adlerarten betroffen sind. Und das nicht nur in Indien, sondern auch in Europa; vor allem in Spanien könnten Geier und Adler vernichtet werden.

Damit würde auch die Geierschraube aus den spanischen Bergen verschwinden: Wie ein Segelflugzeug trägt der Aufwind dabei einen Gänsegeier, dessen Flügelspitzen bis zu 265 Zentimeter voneinander entfernt sind, fast ohne Kraftaufwand in einer spiralförmigen Bahn nach oben. Erspäht er am Boden einen Kadaver, schiesst er dort hinunter. Dieser Sturzflug aber signalisiert auch weit entfernten Artgenossen: Hier gibt es ein Festmahl. Bald zerteilen die kräftigen Schnäbel etlicher Geier etwa den Kadaver eines Pferdes.

Die gefiederten Aasfresser Spaniens erleben einen einmaligen Aufschwung. Wohl nirgendwo anders auf der Welt geht es den Geiern in der heutigen Zeit so gut wie auf der Iberischen Halbinsel. Jetzt aber könnte die eigentlich harmlose Tier­arznei Diclofenac diesen Geierboom in eine Todesspirale verwandeln, an deren Ende das Aussterben der Tiere droht.

Gicht endet für Geier tödlich

Menschen kennen diesen Wirkstoff als zuverlässiges Schmerzmittel. Bei Nutztieren bekämpft die gleiche Substanz Entzündungen. Zum preiswerten Diclofenac greifen Tierärzte auch deshalb gern, weil es kaum Nebenwirkungen hat. Zumindest gilt das für Pferde, Kühe und andere Vierbeiner. Ganz anders aber sieht die Situation für Geier aus. Das zeigte eine dramatische Entwicklung in den 90er-Jahren in Indien. Hockten vorher noch rund 40 Millionen der Aasfresser in den Bäumen des Landes und beseitigten jede ver­endete Kuh zuverlässig und rasch, verschwanden damals in gerade einmal zehn Jahren rund 99 Prozent der Geierbestände. Bengalen-, Dünnschnabel- und Indiengeier standen unmittelbar vor dem Aussterben.

«Die Ursachen dieses Geiersterbens waren zunächst völlig rätselhaft», erklärt der deutsche Ornithologe Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland. Erst nach einer akribischen Detektivarbeit konnten Wissenschaftler Diclofenac als Übeltäter ausmachen. Sterben Rinder kurz nach der Behandlung, befinden sich in ihren Organen noch kleine Mengen des Wirkstoffes. Der Landestradition entsprechend übernahmen die Schnäbel der Geier den Job der Totengräber und erwischten so auch winzige Mengen des in den Organen übrig gebliebenen Medikaments. Dieses aber vergiftete die Nieren der Geier und verhinderte das Ausscheiden von Harnsäure. Daraufhin lagerten sich überall im Körper Kristalle der Harnsäure ab. Diese Krankheit bezeichnen Ärzte bei Tieren und Menschen gleichermassen als Gicht, an der die Geier nach wenigen Tagen verenden.

Kontraproduktive Fütterung

Seit diese Zusammenhänge bekannt sind, wurde in der indischen Tiermedizin Diclofenac durch andere, harmlosere Mittel ersetzt; die Geier sind dem Aussterben gerade noch einmal entkommen. «Völlig überraschend kam daher die Zulassung von Diclofenac als Tiermedizin in Spanien und Italien», wundert sich José Tavares, Geschäftsführer der europäischen Geierschutzorganisation Vulture Conservation Foundation in der Fachzeitschrift «Der Falke». «Und das auch noch auf der Iberischen Halbinsel, wo heute die stabilsten Geierbestände der Welt leben», hebt Lars Lachmann die globale Bedeutung dieser Entscheidung heraus.

«In Spanien legen die Besitzer an einer abgelegenen Ecke ihrer Finca die Kadaver verendeter Tiere ab», erklärt der Ornithologe den Hintergrund, der das Land zum Hotspot für die Aasfresser werden liess. Sobald ein Vogel dieses gefundene Fressen erspäht, lädt er seine Kumpel mit der Geierspirale zum Festmahl ein. Genau wie in Indien agieren also auch in Spanien die Geier als Totengräber für Nutztiere. Und sie leben von ihrem Job prächtig: Von den weltweit allenfalls 10 000 Mönchsgeierpaaren stammen allein 2000 aus Spanien. Mit einer Spannweite von bis zu 285 Zentimetern gehört diese Art zu den grössten Vögeln der Welt. Auch vom nur wenig kleineren Gänsegeier leben 25 000 Paare und damit fast 90 Prozent des europäischen Bestands in Spanien. Dazu kommen noch etliche der rund 200 Bart­geierpaare Europas, die fast vollständig vom Kontinent verschwunden waren, sowie rund 1500 Schmutzgeierpaare, deren Zahl weltweit dramatisch abnimmt.

Auf Tierkadaver angewiesen

Um diese Geier zu ernähren, reichen die wenigen in der Natur verendeten Wildtiere wie überall in Europa längst nicht mehr aus. Die Geier sind auf die auf den Fincas ausgelegten Rinder- oder Pferdekadaver angewiesen. Enthalten deren Organe Reste von Diclofenac, droht den spanischen Geiern die gleiche Todesspirale wie einst ihren Kollegen in Indien.

Aber auch Adler scheinen stark gefährdet, weil sie sich ebenfalls gern eine billige Mahlzeit in Form eines Kadavers einverleiben. Deshalb versuchen die Naturschützer, die Europäische Union davon zu überzeugen, die Zulassung des Tierarzneimittels in Spanien und Italien zu widerrufen.

Auch Mitteleuropa könnte von einem Verbot von Diclofenac als Tierarznei profitieren. So fliegen alle paar Jahre zum Teil recht grosse Gruppen junger Gänsegeier, unter die sich manchmal auch der riesige Mönchsgeier mischt, von Spanien bis nach Norddeutschland. Finden sie genug Futter und einen ge­eigneten Nistplatz, könnten diese Vagabunden eines Tages vielleicht bleiben. Auf der Schwäbischen Alb wandern zum Beispiel noch Schafherden, in denen ab und zu ein Tier verendet. Dort gibt es auch hohe Felsen, auf denen Gänsegeier ihre Nester bauen. Aber nur, solange die Geier in Spanien boomen und ihre Vagabunden bis ins Schwabenland ziehen.

Erstellt: 18.07.2014, 07:58 Uhr

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