Natur- und Artenschutz

«Die Vielfalt ist extrem wertvoll»

Der Biologe Markus Fischer ist Kandidat der Schweiz für den Weltbiodiversitätsrat. Er glaubt, dass den meisten Menschen der Nutzen der Artenvielfalt noch zu wenig bewusst ist.

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Herr Fischer, nächste Woche wird der Weltbiodiversitätsrat gegründet. Wieso braucht es dieses neue UNO-Gremium?
Vor allem aus zwei Gründen: Einerseits stellen wir weltweit einen dramatischen Verlust an Biodiversität fest. Zweitens hat sich gezeigt, dass eine grosse biologische Vielfalt für uns extrem wertvoll ist, in ökonomischer, kultureller und ethischer Hinsicht. Schliesslich stellt die Biodiversität unsere Lebensgrundlage dar. Trotzdem wurde dem Thema bisher auf internationaler Ebene noch nicht solche Beachtung geschenkt wie zum Beispiel der Erderwärmung.

Was ist die Aufgabe des Rats?
Er soll die wissenschaftliche Information zur biologischen Vielfalt aufbereiten und für Entscheidungsträger verständlich und verfügbar machen, sodass die Politik ihre Entscheidungen treffen kann. Der Vergleich mit dem Weltklimarat IPCC ist hier naheliegend.

Wie dramatisch präsentiert sich denn die Situation im Bereich der Artenvielfalt?
Es ist unbestritten, dass wir in einer Zeit des globalen Massenaussterbens von Arten leben, das um einen Faktor 100 bis bald 1000 schneller abläuft als jemals zuvor in der Erdgeschichte.

Malen Sie nicht zu schwarz? Das Biodiversitätsmonitoring des Bundesamts für Umwelt, das den Schweizer Artenmix seit 2001 durchzählt, hat doch festgestellt, dass die Artenvielfalt zwischen 2002 und 2011 angestiegen ist.
Es stimmt, dass sich die Situation nicht in allen Weltregionen gleich dramatisch darstellt. In der Schweiz, wo wir rund 50'000 Arten kennen – die meisten davon sind Insekten –, präsentieren sich die Gesamtzahlen der Artenvielfalt sogar relativ stabil. Einerseits profitieren wir von einem ständigen Austausch mit den Nachbarländern, andererseits steigt bei uns wegen des Klimawandels die Artenvielfalt mancher Gruppen sogar noch an, weil gewisse Arten aus dem Mittelmeerraum dazuwandern.

Wo ist also das Problem?
Die gesamte Artenzahl allein gibt nicht das komplette Bild wieder. Schon ein Blick auf die Roten Listen der bedrohten Arten zeigt, dass in der Schweiz bei allen Artengruppen mindestens ein Drittel der Arten vom Aussterben bedroht sind, bei den Amphibien sind es sogar zwei Drittel. Im Süsswasser haben wir zudem viele exotische Arten wie Krebse und Muscheln, die die einheimischen Arten verdrängen. Entscheidend ist zudem, dass heute die lokalen Lebensräume überall bedeutend weniger vielfältig sind als vor 50 Jahren.

Was bedeutet das?
Es macht einen grossen Unterschied, wenn wir zwar schweizweit noch viele Arten haben, aber die Artenzusammensetzung zum Beispiel einer Wiese oder eines Waldes in einem Bündner Tal viel ärmer geworden ist. Denn für viele Funktionen wie etwa die Fähigkeit einer Wiese, Nährstoffe zu nutzen und nicht durch Auswaschung ans Grundwasser zu verlieren, oder die Fähigkeit eines Waldes, als Schutz vor Steinschlag oder Lawinenanrissen zu dienen, ist die lokale Vielfalt sehr wichtig. Da nützt es lokal nichts, wenn eine Art anderswo in der Schweiz noch vorkommt.

Aber wozu brauchen wir dafür einen Weltbiodiversitätsrat. Kann ein solcher Rat die Probleme, die wir in den Alpentälern haben, lösen?
Ausmass und Konsequenzen des Rückgangs der Biodiversität sind auf der ganzen Welt von Bedeutung. Und auch wenn die genauen Ursachen zwischen Regionen etwas variieren, so liegen dem Rückgang weltweit die gleichen Hauptursachen zugrunde – nämlich die Zerstörung und Veränderung von Lebensräumen durch intensive Landnutzung, etwa bei der Abholzung von Tropenwäldern oder dem Überfischen von Meeren, der Klimawandel und das Ausbreiten relativ weniger exotischer Arten. Auch die Konsequenzen der Beeinträchtigung von wichtigen Funktionen der Ökosysteme sind weltweit ähnlich, auch wenn etwa die Schutzfunktion eines Mangrovenwalds vor Überschwemmungen an der Küste nicht genau identisch mit der eines Lawinenschutzwaldes ist.

Welche Massnahmen wären denn dringend angebracht?
Wir müssen uns endlich bewusst werden, welchen Wert die Artenvielfalt hat und welchen Nutzen sie uns bringt. Das Ziel ist eine konsequent nachhaltige Nutzung der Artenvielfalt und ein Schutz dort, wo eine nachhaltige Nutzung nicht möglich ist. Dazu braucht es ein mutiges Umdenken quer durch alle gesellschaftlichen Sektoren – nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, auch in der Wirtschaft, im Tourismus und so weiter.

Muss man die Artenvielfalt ökonomisch bewerten?
Das könnte sicher einen Teil des Problems lösen. Allerdings glaube ich nicht, dass es ausreicht, der Artenvielfalt einfach ein Preisschild anzuheften. Das hilft dort, wo es den konkreten ökonomischen Nutzen der biologischen Vielfalt übersetzt, zum Beispiel bei der Bestäubung. Wo aber dem Handeln eher soziale, politische, kulturelle oder ethische Überlegungen zugrunde liegen, braucht es auch andere Massnahmen.

Wer ist schuld an der schleichenden Artenverarmung?
Im Offenland, das in der Schweiz etwa 70 Prozent ausmacht, ist die Landwirtschaft natürlich der unmittelbar wichtigste Akteur. Aber es ist ja nicht die Landwirtschaft per se, die für oder gegen die Biodiversität arbeitet. Es sind vor allem die politisch abgesteckten Rahmenbedingungen, die entscheiden, ob die Landwirtschaft biodiversitätsfreundlich oder -unfreundlich agiert. An sich haben wir in der Schweiz ja den Vorteil, dass die Landwirtschaft in hohem Umfang mit Subventionen unterstützt wird.

Wieso soll das ein Vorteil sein?
Es drückt die Anerkennung der Gesellschaft dafür aus, dass die Landwirtschaft neben der Produktion marktfähiger Waren noch weitere wichtige Leistungen erbringt. Dazu gehört die Förderung hoher biologischer Vielfalt. Und in dem Mass, in dem die Gesellschaft Geld gibt, kann sie auch vorschreiben, welche Leistungen der Landwirtschaft sie für besonders sinnvoll hält – beispielsweise eine ökologischere Ausrichtung. Und die Agrarpolitik bewegt sich ja in diese Richtung.

Was kann die Schweiz denn im Weltbiodiversitätsrat beitragen?
Die Schweiz hat einerseits hervorragende Wissenschaftler, die ihr Know-how einbringen können. Zudem bringen wir eine Kultur des Miteinanders von Natur und Gesellschaft mit, das sehr stark fortgeschritten ist. Wahrscheinlich wurzelt das in unserer vielgliedrigen Landschaft mit dem sehr grossen Anteil an Berggebiet.

Kann die Schweiz auch als ein Vorbild beim Schutz der Artenvielfalt dienen?
Was viele Gesetze und Verordnungen betrifft, schon, auch mit der neuen Strategie Biodiversität Schweiz, die der Bundesrat 2012 verabschiedet hat. Was den Zustand der Biodiversität betrifft, sind wir aber leider nicht so vorbildlich, wie man an den im internationalen Vergleich sehr langen Roten Listen gefährdeter Arten sehen kann. Auch haben wir bei der Fläche der zur Förderung der Biodiversität ausgewiesenen Gebiete einen grossen Rückstand.

Erstellt: 19.01.2013, 08:04 Uhr

Markus Fischer (50) ist Professor für Pflanzenökologie und Direktor des Instituts für Pflanzenwissenschaften der Universität Bern sowie des Botanischen Gartens Bern. Zudem ist er Präsident des Forums Biodiversität der Schweizerischen Akademien der Wissenschaften, dem Kompetenzzentrum der Schweizer Biodiversitätsforschung. Der gebürtige Deutsche studierte Biologie an der Universität Basel und habilitierte 2001 an der Universität Zürich. Seit 2007 lehrt er in Bern. (mma) (Bild: PD)

Länder befürchten Blossstellung

Nächste Woche wird in Bonn der neue Weltbiodiversitätsrat gewählt. Das UNOGremium mit der sperrigen Abkürzung IPBES (International Science-Policy Platform in Biodversity and Ecosystem Services) wurde im April 2012 von 92 Staaten gegründet, damals erhielt Bonn den Vorzug gegenüber Genf als Hauptsitz des Sekretariats. Für den wissenschaftlichen Ausschuss schickt die Schweiz den Biologen Markus Fischer von der Universität Bern (siehe Interview) ins Rennen.

Der neue Rat soll analog dem Weltklimarat IPCC die wissenschaftlichen Fakten im Bereich der Artenvielfalt sammeln und so aufbereiten, dass sie der Staatengemeinschaft sowie deren Politikern als Grundlage für Schutzmassnahmen dienen können. In Bonn werden vom 21. bis 26. Januar die Arbeitsweise und die thematischen Schwerpunkte definiert und das 25-köpfige wissenschaftliche Expertenpanel gewählt. Markus Fischer hat durchaus Chancen, allerdings muss er sich gegen 31 Gegenkandidaten durchsetzen, die sich um die fünf Plätze streiten, die der UN-Region «Westeuropa und andere Staaten» zustehen.

«Wichtiger als die Eigeninteressen ist aber, dass das Gremium gut funktioniert», nimmt sich Fischer vor der Wahl zurück. Eine der Aufgaben des wissenschaftlichen Ausschusses wird sein, Szenarien über die Folgen der schwindenden Artenvielfalt zu erarbeiten.

Gemäss dem Leipziger Geoökologen Carsten Nesshöver wird das keine einfache Aufgabe. «Zum einen soll die Arbeit politisch relevant sein, zum anderen muss sie wissenschaftlichen Standards entsprechen», erklärt Nesshöver im Netzwerk-Forum, der Plattform der deutschen Biodiversitätsforscher. Laut Markus Fischer wiederum sind auch schon Befürchtungen laut geworden. Manche Länder hätten Angst vor Folgekosten, falls der Biodiversitätsrat bei ihnen einen Rückgang der Artenvielfalt feststelle, andere fürchteten nur schon die Blossstellung als Umweltsünder. Entwicklungsländer wiederum hätten Bedenken, dass das erarbeitete Wissen nur den entwickelten Ländern zugutekäme. Eine wichtige Funktion des Rates sei deshalb auch die Vertrauensbildung unter den Staaten, meint Fischer. (mma)

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