Small Talk

«Die Wissenschaft hat Gott nicht abgeschafft»

Der Psychologe Christoph Egeler leitet eine christliche Vereinigung und glaubt, dass sich Evolutionstheorie und Glaube nicht ausschliessen.

«Ich glaube nicht an einen Lückenbüsser-Gott»: Der Psychologe Christoph Egeler. Foto: PD

«Ich glaube nicht an einen Lückenbüsser-Gott»: Der Psychologe Christoph Egeler. Foto: PD

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Wie gut vertragen sich Glaube und Wissenschaft?
Ganz gut eigentlich. Ich höre schon ab und zu von Studenten, dass ein Dozent eine bissige Bemerkung zum Glauben macht. Im Stil: «Es soll ja noch solche geben, die glauben, dass . . .» Sie stellen somit Gläubige als naiv dar, was unüberlegt ist und für mich eine unzulässige Grenzüberschreitung der eigenen Kompetenz darstellt.

Wie gehen Sie mit glaubenskritischen Dozenten um?
Wir veranstalten immer wieder Podiumsdiskussionen. Diese sind sehr beliebt, weil die Studierenden wissen, dass nicht einfach einer seine persönliche Wahrheit predigt, sondern ein Dialog stattfindet, aus welchem jeder für sich seine Meinung bilden kann. Letztmals stellten wir die Frage: «Hat die Wissenschaft Gott abgeschafft?»

Und hat sie?
Es gab gute Argumente von beiden Seiten, es war ein wenig ein polemischer Dialog auf einem gegenseitig respektierenden Niveau. Für mich hat die Wissenschaft Gott nicht abgeschafft.

Glauben Sie nicht an die Evolution?
Doch. Aber begrenzt. Zum Beispiel: Was war ganz am Anfang? Das ist für mich eine Frage, die die Wissenschaft nie wird klären können. Sie hat Theorien dafür entwickelt, wie die Entwicklung fortlief – die Bibel hat damit auch kein Problem. Im Schöpfungsbericht steht: «Die Erde soll Leben hervorbringen.» Diese Formulierung lässt meiner Meinung nach die Evolution durchaus zu. Ich kenne viele gläubige Christen, auch Naturwissenschaftler, die ihren Glauben problemlos mit der Evolution verbinden.

Gott kommt dort ins Spiel, wo die Wissenschaft nicht weiterweiss.
Ich glaube nicht an einen Lückenbüsser-Gott, der nur dann zum Zug kommt, wenn die Wissenschaft nicht mehr weiterweiss, also immer kleiner wird, je mehr man weiss. Gott ist immer gleich gross. Nur weil die Wissenschaft nachvollziehen kann, wie gewisse Dinge funktionieren, ändert das nichts am Schöpfer. Schauen Sie Ihr iPhone an, mit dem Sie unser Gespräch aufzeichnen: Angenommen Sie wüssten haargenau, wie dort drin alles funktioniert – wäre Steve Jobs für sie dann kleiner oder gar überflüssig? Gleichzeitig ist es ein starkes Argument für Gott, dass man heute an einem Punkt ist, wo man zwar vieles bis zum Urknall zurückverfolgen kann, dann aber zum breiten Konsens gelangt, dass irgendwo am Anfang etwas stehen muss, das wir nicht ergründen können.

Also ist die Wissenschaft gläubiger, als sie sich gibt?
Sie ist ehrlich genug, um ihre Grenzen zu kennen. Der Glaube an eine höhere Macht ist weit verbreitet, auch unter Wissenschaftlern. Man nennt das «Deismus». Für gläubige Christen ist das zwar eine zu unscharf definierte Position – wir glauben an einen personalen Gott als Schöpfer und an die Offenbarung durch Jesus. Aber im Grunde ist man sich einig, dass nicht Materie und Energie allein zum komplexen Leben geführt haben können. Einstein, Newton, Planck, um nur ein paar wenige zu nennen, waren alle zumindest «Deisten».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2014, 19:50 Uhr

Christoph Egeler

Der Psychologe ist Dozent an einer höheren Fachschule und Bereichsleiter Studium der christlichen Vereinigung VBG, die vor allem an Hoch- und Mittelschulen tätig ist.

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