«Die Zecken lieben das momentane Wetter»

Die Zahl der gemeldeten Zeckenstiche ist zurzeit besonders hoch. In grossen Teilen der Deutschschweiz empfehlen die Behörden eine FSME-Impfung.

Kann Überträger von Krankheiten sein: Die Zecke in der Schweiz.

Kann Überträger von Krankheiten sein: Die Zecke in der Schweiz. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Zeckensaison in der Schweiz beginnt je nach Witterung schon im März und zieht im April richtig an – so auch dieses Jahr. Wegen der ungewöhnlich warmen Temperaturen und des schönen Wetters scheinen die kleinen Plagegeister heuer ganz besonders aktiv zu sein. Auf der Zecken-App der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gehen derzeit so viele Meldungen ein wie nie in den letzten Jahren. «Alleine am vergangenen Sonntag sind über 200 Meldungen zu Zeckenstichen und Zeckensichtungen reingekommen», bestätigt Werner Tischhauser einen Bericht von Radio SRF.

Tischhauser ist Forscher an der ZHAW, einer der besten Schweizer Kenner von Zecken und hat die App mitentwickelt. Der Mai dürfte laut ihm ein Spitzenmonat werden: «Die Zahlen sind deutlich höher als alles Bisherige. Vorsichtig geschätzt erhalten wir 1,3-mal so viele Meldungen wie im Vorjahr. Es könnten bei der abschliessenden Berechnung aber auch noch mehr Zeckenstiche sein. Die ausführliche Datenanalyse findet im kommenden Winter statt.»

Dass die Zecken dieses Jahr besonders aktiv sind, zeigen auch die aktuellsten Daten des Bundesamtes für Gesundheit: 2018 meldeten Ärzte bereits 30 Fälle von Zeckenenzephalitis, auch FSME genannt. Das ist eine Infektionskrankheit, die durch einen Stich einer befallenen Zecke übertragen wird und zu einer Hirnhautentzündung führt. 2017 waren es zum gleichen Zeitpunkt noch 25 Fälle, im Jahr davor noch weniger.

Gemäss Tischhauser spielt die Witterung eine entscheidende Rolle. «Die Zecken lieben das momentane Wetter: sommerlich warm und trotzdem feucht, weil es ab und zu regnet», sagt der Experte. So könne sich die Zeckenpopulation prächtig entwickeln. An den Waldrändern habe es derzeit überall viele Tiere.

Hinzu kommt, dass die Menschen bei schönem Wetter aktiver sind, sich häufiger draussen und im Wald bewegen. Mit den Outdoor-Aktivitäten steigt natürlich das Risiko eines Zeckenstichs. An Pfingsten, als viele Schweizerinnen und Schweizer frei hatten, nahm die Anzahl Meldungen in der ZHAW-App auffällig stark zu.

«Viele Betroffene sind verunsichert, weil sie sich zu wenig auskennen.»Werner Tischhauser, Forscher ZHAW

Mittlerweile wird die App von bis zu 75'000 Usern genutzt, einigen Tausend mehr als noch im Vorjahr. Ist die Zunahme der Meldungen nicht darauf zurückzuführen? «Das spielt sicher eine Rolle», sagt Tischhauser, «aber auch wenn ich die Download- und Nutzerzahlen mit einrechne, erhalten wir viel mehr Meldungen als in vergangenen Jahren.»

Aus Sicht des Experten ist die steigende Beliebtheit der App vielmehr ein Hinweis darauf, dass in der Bevölkerung das Bewusstsein für die Zeckenproblematik steigt. «Die Menschen in der Schweiz werden immer mehr für das Thema sensibilisiert, überprüfen etwa häufiger, ob sie nach einem Waldspaziergang einen Zeckenbiss aufweisen, und melden diesen auch öfter», sagt Tischhauser. «Gleichzeitig sind aber viele verunsichert, weil sie sich zu wenig auskennen.»

Die Hälfte der Stiche bleibt unbemerkt

So ist vielen beispielsweise nicht bewusst, dass die Zecke beim Saugen ein Serum absondert, das die Einstichstelle betäubt. Aus diesem Grund werden etwa 50 Prozent der Stiche nicht einmal bemerkt. Oft ist das ungefährlich. Laut dem Bundesamt für Gesundheit sind aber bis zu 30 Prozent (stellenweise bis 50 Prozent) der Zecken mit dem Bakterium Borrelia infiziert. In der Schweiz erkranken deshalb jährlich schätzungsweise 10'000 Personen an einer Borreliose.

Gegen die häufigste Zeckenkrankheit gibt es keine Impfung. Sie kann in den meisten Fällen aber mit Antibiotika behandelt werden und verschwindet innerhalb von Tagen bis Wochen wieder. Unerkannt oder ungenügend behandelt, ist eine Borreliose sehr gefährlich, kann verschiedene Organe treffen und im schlimmsten Fall sogar bleibende Schäden verursachen.

Im Gegensatz zur Borreliose kommt der lebensgefährliche FSME-Virus, der zu einer Hirnhautentzündung führt, glücklicherweise weit weniger häufig vor. Ausserdem kann man sich vorbeugend dagegen impfen. In gewissen Gebieten der Schweiz sind bis zu 3 Prozent der Zecken davon befallen. Hier empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit eine FSME-Impfung:

In den rot eingefärbten Gebieten wird eine Impfung empfohlen: interaktive Karte des Bundesamts für Gesundheit.

Allgemeine Schutzmassnahmen sind lange und geschlossene Kleidung, Zeckenschutzmittel und grundsätzlich das Meiden von Unterholz. Da Stiche oft nicht bemerkt werden, sollten nach einem Aufenthalt im Wald Körper und Kleidung auf Zecken untersucht werden – auch bei Haustieren. Gefundene Zecken müssen schnellstmöglich entfernt werden, am besten durch Fassen mit einer feinen Pinzette direkt über der Haut und kontinuierlichen Zug.

Viele Personen, die gestochen werden, gehen deswegen nicht zum Arzt und tauchen auch in keiner Statistik auf. Bei Fieber oder anderen Symptomen nach einem Zeckenstich sollte man aber zwingend eine Fachperson aufsuchen. «Bis aus den Präventionsbemühungen tiefere Borreliose- und FSME-Fallzahlen resultieren, sind noch mehrere Jahre stetiger Aufklärungsarbeit nötig», sagt Experte Werner Tischhauser. Dies würden Erkenntnisse niederländischer Kollegen zeigen, die in diesem Bereich weiter vorangeschritten seien als die Schweizer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.05.2018, 16:31 Uhr

Artikel zum Thema

Drei Stunden später brach sie zusammen

Allergie auf Fleisch nach Zeckenbiss: Antikörper gegen einen Zucker des Blutsaugers können einen lebensgefährlichen Schock ­auslösen. Mehr...

Zecken meiden Thymian

Gibt es künftig ausgewählte Duftpflanzen in den Stauden städtischer Parks? Forscher der Zürcher Hochschule ZHAW testen Kräuter, die Zecken fernhalten können. Mehr...

Wo das Hasenpest-Risiko am grössten ist

Die Zahl der Ansteckungen mit Hasenpest bei Menschen ist sprunghaft gestiegen. Eine Karte zeigt, in welchen Regionen es die meisten Übertragungen gibt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

epaselect epa07167244 An aerial photo shows the street which is expected to become a future Vietnam Formula One track in Hanoi, Vietnam, 15 November 2018. The 5.57km long street circuit will feature 22 turns and will be F1's fourth street race after Monaco, Azerbaijan and Singapore. Vietnam will be the 22nd country in the world to host a Formula One Grand Prix, which is to take place in 2020. EPA/LUONG THAI LINH
Mehr...