5. Klimabericht

Die den Überblick behalten

Lange musste sich der UNO-Weltklimarat die Kritik gefallen lassen, nicht unabhängig zu sein. Der IPCC hat aus seinen Fehlern gelernt: Seinen Kritikern gehen die Argumente aus.

Weiss die Arbeit der Klimaforscher zu verteidigen: Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des UNO-Weltklimarats.

Weiss die Arbeit der Klimaforscher zu verteidigen: Rajendra Pachauri, der Vorsitzende des UNO-Weltklimarats. Bild: Keystone

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Es war lediglich eine Episode am Rande. Aber ein Patzer, der jenen Kritikern zupass kam, die dem UNO-Weltklimarat IPCC stets vorwarfen, Instrument der globalen Klimapolitik und nicht unabhängige Instanz zu sein. Im Februar 2007 verhandelten IPCC-Forscher und Regierungsdelegierte in Paris über den Summary for Policymakers, den zusammenfassenden Bericht der Arbeitsgruppe I zuhanden der Politik. Dieses Forscherkollektiv beschäftigt sich mit den physikalischen Zusammenhängen des globalen Klimasystems.

Die deutsche Delegationsleitung holte sich einen IPCC-Autor als Berater ins Team. «Das war unglücklich», sagt Pauline Midgley im Rückblick. Die Leiterin der Gruppe für den technischen Support der Arbeitsgruppe I der Universität Bern war damals Mitglied der deutschen Delegation. Der profilierte Berner Klimaforscher Thomas Stocker – damals führender Leadautor, heute Co-Vorsitzender der Arbeitsgruppe I – war irritiert. In Paris sagt er: «Diese Vermischung von Kompetenzen ist unangebracht und nach aussen ein schlechtes Zeichen. Es könnte die Unabhängigkeit der Wissenschaft im IPCC infrage stellen. Dazu gibt es aber keinen Grund.»

Neue Richtlinien sind strikter

Nun hofft Thomas Stocker, dass solche Ungereimtheiten in Stockholm nicht wieder passieren. In Schweden beginnen nächste Woche die Verhandlungen über den Summary des 5. IPCC-Klimaberichts. Dank neuen, strikteren Richtlinien sollten Interessenkonflikte vermieden werden: Wer als Leadautor infrage kommt, darf grundsätzlich nicht Mitglied einer Delegation sein.

Der UNO-Weltklimarat IPCC forscht nicht, er beurteilt die neusten Forschungsresultate und gibt der Politik Empfehlungen ab. Es gibt wohl keinen Forschungszweig, der regelmässig einen solch umfassenden Beurteilungsprozess durchläuft. Regierungen nominieren für die jeweiligen IPCC-Berichte die Experten. Die Leitungen der Arbeitsgruppen wählen dann aus.

Die Arbeitsgruppe I wollte kein Risiko eingehen: Weder Kollegen mit Aktivistenhintergrund noch solche, die einen extremen Standpunkt in ihrer wissenschaftlichen Arbeit vertreten, wurden ins Autorenteam aufgenommen. Zudem wurde darauf geachtet, dass bei der Wahl der Experten ein Gleichgewicht bei den Weltregionen und den Geschlechtern bestand. Die Transparenz der Arbeitsschritte wurde gewährt, indem die Entwürfe des Berichts in mehreren öffentlichen Begutachtungsphasen geprüft wurden. Einer der wichtigsten Punkte der neuen Richtlinien ist ein Fehlerprotokoll. Wenn entsprechende Meldungen zutreffen, korrigiert der IPCC möglichst umgehend.

Dies hält Klimaratskeptiker nicht davon ab, auf die angebliche Achillesferse hinzuweisen: die Nähe zur Politik. Zusätzlich angestachelt wurden sie, als der IPCC 2007 gemeinsam mit dem US-Politiker Al Gore den Friedensnobelpreis erhielt. Der Grund für die Skepsis ist in einer Systemschwäche zu suchen: 1996 lobbyierte der amerikanische Anwalt Donald Perlman intensiv gegen die Erkenntnisse des IPCC. Er und seine Mitarbeiter sollen gemäss Gerüchten dafür unter anderem von der Erdölindustrie Millionen erhalten haben. Die Erdöllobby war auch mitverantwortlich, dass 2003 der damalige IPCC-Vorsteher Robert Watson nicht wiedergewählt wurde. Der Umweltforscher hatte aufgrund der Resultate des 3. IPCC-Klimaberichts vor einer fatalen Klimaerwärmung gewarnt. Die offensive Haltung Watsons ging auch der US-Regierung unter George W. Bush zu weit. Das IPCC-Panel, das aus Vertretern der Mitgliedsstaaten und Forschungsinstituten besteht, wählte Watson ab. Es folgte der Inder Rajendra Pachauri, der Direktor des Energieforschungsinstituts Teri in Delhi und Verwaltungsrat der Indian Oil Corporation. Seine frühere Tätigkeit in der Ölbranche färbte bis heute nicht auf den IPCC ab.

Streit um Temperaturkurve

Kritiker liessen keine Gelegenheit aus, den IPCC infrage zu stellen: 2005 zweifelten Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses die Seriosität an. Dies löste eine Debatte um den Temperaturverlauf der letzten 1000 Jahre auf der Nordhalbkugel im dritten IPCC-Zustandsbericht 2001 aus. Neue Studien zeigten, dass die Klimavariabilität grösser war als bisher angenommen, jedoch innerhalb des stets angegebenen Fehlerbereichs der früheren Kurve lag. Die Forscher zweifelten aber nie an der hauptsächlichen Schuld des Menschen am Klimawandel.

Kurz vor dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 wurden E-Mails von IPCC-Forschern des renommierten britischen Klimainstituts der East-Anglia-Universität gehackt. Leugner des Klimawandels sprachen von manipulierten Daten. Mehrere unabhängige Untersuchungen verneinten dies indes.

Im Januar 2010 musste der IPCC einen Fehler im Kapitel über die Gletscher im Himalaja im Bericht der Arbeitsgruppe II zugeben; die Gruppe befasst sich mit den Auswirkungen und der Verletzlichkeit der Ökosysteme durch den Klimawandel. Die Autoren notierten eine nicht plausible Abschmelzungsrate. Die anfängliche harsche Reaktion des IPCC-Vorstehers Pachauri gegenüber der Kritik machte die Sache nicht besser. Manche Forscher forderten seinen Rücktritt. Im Grunde sei es ein Schreibfehler gewesen, sagt Pauline Midgley. «Und dieser wurde korrigiert.» Der IPCC hat reagiert. Er liess sich durch ein externes Gremium überprüfen. Das Ergebnis mündete in neuen Richtlinien, die neben dem Fehlerprotokoll auch den Umgang mit sogenannt grauer Literatur, Berichte, die nicht von Experten geprüft wurden, definiert.

Die Stimmen der Skeptiker sind leiser geworden. Ihnen fehlen die Argumente. Für den 5. Klimabericht, dessen Resultate nächste Woche publik gemacht werden, standen so viele Modelldaten wie noch nie zur Verfügung – diese würden rund 750'000 Memorysticks à 4 Gigabyte füllen. Auch wenn der UNO-Klimarat noch keine Auskunft gibt, seine Botschaft wird sich nicht verändert haben: Allein der Mensch kann die Erderwärmung bremsen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.09.2013, 06:57 Uhr

Verhandlungen Klimabericht

Über 50'000 Kommentare
Der Weltklimarat IPCC und Delegierte von rund 195 Regierungen beginnen am ­kommenden Montag die Verhandlungen über die Kurzfassung zuhanden der politischen Entscheidungs­träger des rund 2000 Seiten starken fünften Klimaberichts. Zeile für Zeile der Aussagen der Klimaforscher wird dabei während vier Tagen geprüft. Am kommenden Freitag wird der Report dann der Öffentlichkeit präsentiert. Der Gesamtbericht selbst wurde mehrmals einem Beurteilungsprozess durch Experten unterzogen, die sich per Selbstdeklaration des fachlichen ­Hintergrundes akkreditieren konnten. Über 54'000 eingegangene Kommentare wurden durch die IPCC-Autoren gewürdigt und je nachdem entsprechend berücksichtigt. Für die Kurzfassung an die Politiker und ­Behörden gingen mehr als 1800 Kommentare von Regierungen ein. (ml)

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