Die dümmsten und die gescheitesten Hunde – wenns denn stimmt

Border Collies gelten als Genies, andere Hunde als Dumpfbacken: Was taugen Hitlisten über die Intelligenz der Rassen?

Methodisch zweifelhafte Studien zur Intelligenz: Border-Collie-Mischung, Cockerspaniel, Afghanischer Windhund (v.l.n.r.). Fotos: Rich Legg (iStock)

Methodisch zweifelhafte Studien zur Intelligenz: Border-Collie-Mischung, Cockerspaniel, Afghanischer Windhund (v.l.n.r.). Fotos: Rich Legg (iStock)

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Der Border Collie braucht den Vergleich nicht zu scheuen. Schliesslich steht er ganz oben auf einer Rangliste, die – zumindest einer verbreiteten Lesart zufolge – die Intelligenz verschiedener Hunderassen bewertet. Unter den ersten fünf befinden sich ausser dem schlauen Hütehund: Pudel, Deutscher Schäferhund, Golden Retriever und Dobermann. Im Mittelfeld landen viele Terrier, Spaniel und Begleithunde. Das Schlusslicht bilden Barsoi (Russischer Windhund), Chow-Chow, Bulldogge, Basenji (ein afrikanischer Jagdhund) und schliesslich der Afghanische Windhund.

Die Frage nach den «klügsten und dümmsten Hunderassen» ist damit jedoch keineswegs beantwortet, auch wenn das zahlreiche Internetseiten suggerieren. So wohlgeordnet das Ranking wirkt, so wenig seriös ist es und nicht mit Fakten unterfüttert. Im Gegenteil, viele Wissenschaftler halten eine derartige Liste für sinnlos. «Es gibt kaum Belege für kognitive Unterschiede zwischen den Rassen», sagt Ludwig Huber. Er leitet an der Veterinärmedizinischen Universität Wien die Abteilung für Vergleichende Kognitionsforschung.

Rassenbedingte Unterschiede

Das viel zitierte Rasseranking hatte der inzwischen emeritierte Psychologe Stanley Coren von der University of ­British Columbia in Kanada erstellt, nachdem er Richter von sogenannten Obedience-Wettbewerben befragt hatte. In diesen Prüfungen soll der Hund in standardisierten Aufgaben seinen Gehorsam ­beweisen, etwa indem er auf einem ihm zugewiesenen Platz verharrt, ohne Leine «bei Fuss» läuft und auf ­Zuruf ­sofort herbeigelaufen kommt.

Wenn überhaupt, sagt die Liste daher allenfalls etwas darüber aus, wie leicht ein Hund sich bestimmte Kommandos beibringen lässt. Dass es dabei rassebedingte Unterschiede geben könnte, klingt zunächst einmal nachvollziehbar. Schliesslich wurde etwa der Border ­Collie gezüchtet, um auf einen winzigen Fingerzeig des Schäfers hin die Schafherde in eine andere Richtung zu lenken. Dagegen bestand die ursprüngliche Aufgabe von Herdenschutzhunden wie dem türkischen Kangal oder dem ungarischen Kuvasz darin, in einer entlegenen Bergregion eigenständig das Vieh vor Wölfen zu schützen, ohne dass ein Mensch jeden Schritt vorgeben konnte. Und die in Corens Liste weit abgeschlagenen Afghanen wurden zu extremen Spezialisten herangezüchtet, die auf Sicht und in hohem Tempo jagen sollten.

Der Verhaltensforscher Frans de Waal erklärt das schlechte Abschneiden der Afghanen in seinem Buch «Are We Smart Enough to Know how Smart Ani­mals Are?» damit, dass Afghanen eher Katzen ähnelten. Diese «erkennen problemlos die Stimmen ihrer Besitzer. Das eigentliche Problem ist, dass es sie nicht kümmert», schreibt de Waal. Wer von Hunden Bestleistungen auf einem Gebiet erwartet, das im Gegensatz zu ihrem Zuchtziel steht, der beschwert sich wahrscheinlich auch in einem vegetarischen Restaurant über das fehlende Schnitzel auf der Speisekarte.

Sinnloses Ranking

Vor allem aber stellt sich die Frage, was das überhaupt sein soll, ein «intelligenter» oder ein «dummer» Hund. Coren selbst schreibt lediglich von einem Vergleich der «Arbeitsintelligenz» verschiedener Hunderassen. Den grossen, allgemeinen Begriff der Intelligenz vermeidet er wohlweislich – weil in Bezug auf Hunde oder Tiere niemand genau weiss, was er bedeutet. Schon in Bezug auf den Menschen haben Forscher hart daran geknabbert, sich auf ein einheitliches Verständnis dieses Begriffs zu einigen. Inzwischen hat sich das Konzept der «generellen Intelligenz» durchgesetzt. Sie lässt sich in einem einzigen Wert benennen, schliesst aber verschiedene intellektuelle Fähigkeiten ein wie Problem­lösen, räumliches Denken und Sprachverständnis. Wie kürzlich eine heftig geführte Debatte in der Fachzeitschrift «Behavioral and Brain Sciences» ­gezeigt hat, halten es viele Kognitionsforscher jedoch für unredlich, auch in Bezug auf Tiere von einer solch generellen Intelligenz auszugehen. «Mit ­Hunden gibt es dazu nur sehr wenige ­Studien, und die wenigen sind methodisch zweifelhaft», sagt der Wiener Forscher Huber. Damit fehle eine einheitliche Definition von ­Intelligenz, weshalb ein entsprechendes Ranking der Rassen sinnlos sei.

Doch sogar wenn man den etwas ­bescheideneren Begriff der Trainierbarkeit wählt, stossen Rassenranglisten schnell an die Grenzen des Sinnvollen. «Die Leute ordnen Hunderassen nach ihrer Trainierbarkeit ungeachtet eines Mangels an Belegen für Unterschiede in diesem Verhalten», schreiben Lindsay Mehrkam und Clive Wynne von der University of Florida in Gainesville im Fachmagazin «Applied Animal Behaviour ­Science». In einer Übersichtsarbeit haben die beiden Forscher Erkenntnisse über Verhaltensunterschiede zwischen den Hunderassen zusammengetragen. Sie betonen, dass es zwar in Bezug auf einige Verhaltensweisen wie Aggressivität überzeugende Belege für Unterschiede zwischen den Rassen oder Gruppen wie Jagd-, Schutz- oder Hütehunden gebe – jedoch ebenso starke Hinweise auf eine grosse Variabilität innerhalb einer Rasse. Manch Deutscher Schäferhund tut sich schwer, das kleine Hunde-Einmaleins zu begreifen, während ein Mops – laut Corens Liste nicht eben ein Schnelllerner – vielleicht schon längst kapiert hat, dass er sich auf das Absenken der Hand hinsetzen soll. «Man bräuchte wahrscheinlich Hunderte Individuen pro Rasse, um Unterschiede zwischen ihnen – falls sie überhaupt vorhanden sind – statistisch festmachen zu können», sagt Huber.

Schwierig ist die Suche nach kognitiven Rassedifferenzen auch, weil die ­Ergebnisse von zahlreichen Faktoren abhängen, die überhaupt nichts oder ­allenfalls indirekt mit der Rasse zu tun haben. Ist ein Hund in engem Kontakt zu Menschen aufgewachsen oder in einem Zwinger, hat er grundsätzlich begriffen, wie Training und Belohnung funktionieren, sind Neugier, Spieltrieb und der Wunsch, dem Menschen zu gefallen, grösser als seine Angst vor Neuem, und schliesslich: Wie geschickt stellt sich der Mensch als Trainer an?

Kluge Hunde sind anstrengend

Zu den indirekten Rasseeinflüssen zählen körperliche Besonderheiten. Ein Mops mit seiner verkümmerten Nase wird sich schwerer tun, das Fährtenlesen zu lernen, als ein langschädeliger Dackel, der besser riechen kann. Eine Deutsche Dogge, die aufgrund ihrer überzogenen Grösse schon in jungen Jahren an Arthritis leidet, lernt womöglich nur mit Widerwillen, sich auf Kommando hinzulegen. Dabei muss das gar nicht an mangelndem Lernwillen oder an mangelnden Lernfähigkeiten liegen, sondern kann auch schlicht auf schmerzenden Gelenken beruhen.

Zum Schluss ein Trost für die Besitzer jener Hunde, die, wie immer man es auch dreht und wendet, beim besten Willen nicht zu den Genies zählen: Kaum ein Tier ist so anstrengend für seine Besitzer wie ein wirklich kluger Hund – weil der seine Menschen schneller durchschaut hat, als sie «Platz!» rufen können.

Erstellt: 19.04.2018, 08:30 Uhr

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