Die gescheiterten Angriffe auf die Klimaforscher

Expertisen sprechen britische Forscher vom Betrug frei, Medien entschuldigen sich für Fehlleistungen. Die Klimaforscher ziehen ihre Lehren daraus.

Das Amazonasgebiet ist durch den Klimawandel gefährdet – wie vom IPCC prognostiziert.

Das Amazonasgebiet ist durch den Klimawandel gefährdet – wie vom IPCC prognostiziert.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Liste vermeintlicher Fehlleistungen in der Klimaforschung ist in den letzten Monaten länger und länger geworden. Vorwürfe der Manipulation warfen einen dunklen Schatten auf das angesehene Klimainstitut der britischen University of East Anglia in Norwich. Böse Zungen sprachen in Anlehnung an den Watergate-Skandal von «Climategate». Gestern sprach ein unabhängiges Komitee die Forscher des Instituts zum dritten Mal von der Schuld frei, «unehrlich» gehandelt zu haben. Damit wird eine Episode in der Klimaforschung beendet, die ihresgleichen sucht.

«Gut organisierte Kampagne»

Die Episode begann Mitte November des letzten Jahres mit einem Diebstahl: Im Internet tauchen kurz vor der Klimakonferenz in Kopenhagen E-Mails auf, die von der Datenbank der University of East Anglia gestohlen worden waren. Den Klimaforschern wird unter anderem vorgeworfen, sie hätten Daten manipuliert und die Klimaerwärmung der letzten tausend Jahre übertrieben dargestellt. Inzwischen sind die Forscher des Klimainstituts rehabilitiert: vom britischen Unterhaus, von einem internationalen Expertengremium, das die Royal Society einberief, und seit gestern vom Komitee, welches die betroffene Universität gegründet hat.

Im Visier steht auch der amerikanische Wissenschaftler Michael Mann von der Pennsylvania State University, der einen besonders intensiven E-Mail-Verkehr mit dem Direktor des britischen Klimainstituts pflegte. Zum Verhängnis wird ihm unter anderem das Wort «Trick», mit dem er angeblich die Erwärmungskurve manipuliert haben soll. Ein amerikanisches Gremium kommt jedoch zum Ergebnis, dass der Forscher sauber gearbeitet hat. Der «Trick» bestand darin, rekonstruierte Temperaturen durch Baumringanalysen gemeinsam mit gemessenen Daten darzustellen und damit die aktuelle Erwärmung aufzuzeigen. Zu den Vorwürfen sagt Mann in einem Interview: «Das ist eine gut organisierte Kampagne von Leuten, die Massnahmen gegen die Erderwärmung verhindern wollen.» «Climategate» war der Anfang, und es folgten weitere Schlagzeilen: Am 20. Januar gibt der UNO-Weltklimarat IPCC zu, dass sich in einem Kapitel über die Gletscher im Himalaja ein peinlicher Fehler eingeschlichen hatte. Die Autoren verwendeten wissenschaftlich ungeprüfte Daten aus einem Beitrag des WWF. Die Umweltorganisation warnte davor, der grösste Teil der Gletscher würde bereits im Jahr 2035 abgeschmolzen sein, falls sich die Erde weiter wie bisher erwärmen würde. Der IPCC weist heute offen auf diesen Fehler hin.

Weiter steht in einem Kapitel des IPCC-Reports, dass die Niederlande ein Beispiel für ein Land seien, das besonders unter dem Anstieg des Meeresspiegels und unter Überschwemmungen leiden könnte. Denn 55 Prozent der Fläche des Landes befinden sich unter dem Meeresspiegel. Die niederländische Umweltbehörde – von ihr stammen die Daten – hat nun korrigiert: Nur 26 Prozent des Landes würden unter dem Meeresspiegel liegen, und das Risiko für eine Überschwemmung betrage 55 Prozent. Der Fehler habe nichts mit Klimaforschung direkt zu tun, sagen Experten – und zweifeln, ob das dem IPCC als Fehler angelastet werden dürfe.

«Unwahre» Berichterstattung

Ende Januar stellen weitere Meldungen in den Medien die Glaubwürdigkeit der Klimaforscher in der Öffentlichkeit infrage. Im Zentrum steht die britische «Sunday Times», die eigentlich als seriös gilt. Sie spielt mit den Begriffen «Amazonasgate» und «Africagate». Die Beiträge wurden weltweit in den Medien zitiert. So wurde die Aussage im IPCC angezweifelt, dass mehr als 40 Prozent des Amazonas-Regenwaldes durch die Erderwärmung zerstört werden könnten. Das sei eine unbegründete Behauptung von unerfahrenen Kampagnenführern des WWF. Dabei zitiert die Zeitung auch den angesehenen Amazonas-Experten Simon Lewis von der britischen Leeds University, der die These stützen soll. Lewis wendet sich nach der Veröffentlichung an die britische Medienaufsicht. Anhand des Mail-Verkehrs mit der «Sunday Times» belegt er, dass sie «nicht die Wahrheit» schrieb. Der Wissenschaftler hatte ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die IPCC-Aussage korrekt, aber schlecht referenziert worden sei. Im besagten Kapitel beziehen sich die IPCC-Autoren auf einen WWF-Bericht. In einem anderen Kapitel des Weltklimarates sei jedoch belegt, so Lewis, dass der Amazonas durchaus stark unter dem Klimawandel leiden könne. «Der Journalist hat den Leser irregeführt», klagt Lewis. Die Klage wirkt: Im Juni entschuldigt sich die «Sunday Times» für die Fehlleistung und distanziert sich vom Beitrag.

Im April zieht auch die «Frankfurter Rundschau» einen Artikel zurück, der sich ebenfalls auf die «Sunday Times» stützt. Sie kritisierte unter anderem, der IPCC verallgemeinere, dass in Afrika die Ernten bis zu 50 Prozent durch die Erderwärmung sinken könnten. Im IPCC-Report lässt sich jedoch diese Verallgemeinerung nicht finden. Es sei stets von «einigen Ländern» in Afrika die Rede, schreibt die «Frankfurter Rundschau» rückblickend.

Klimaforscher zu wenig offen

Auch wenn der grösste Teil der Vorwürfe inzwischen widerlegt wurde und die desavouierten Klimaforscher rehabilitiert sind – die Angriffe zeigen Folgen. Im Zusammenhang mit «Climategate» mahnen die Experten des gestern veröffentlichten Berichtes auch: Die britischen Forscher hätten die «angemessene Offenheit» vermissen lassen, damit auch Wissenschaftler ausserhalb des Instituts einen leichten Zugang zu den Rohdaten erhielten. Die Antworten auf begründete Anfragen zu Forschungsergebnissen seien zudem zurückhaltend gewesen. Damit seien die Forscher das Risiko eingegangen, das Ansehen der britischen Klimaforschung zu gefährden. Konsequenzen zieht auch der Weltklimarat IPCC: Eine unabhängige Instanz prüft unter anderem, nach welchen Kriterien der IPCC die Qualität von Studien einordnet. Geplant ist auch ein Leitfaden, der vorgibt, wie er mit sogenannter grauer Literatur umgehen soll, also Arbeiten, die nicht von Experten geprüft wurden. «In der Arbeitsgruppe I des IPCC, die sich mit der Physik des Klimas beschäftigt, ist geprüfte Literatur praktisch ausnahmslos Standard», sagt Urs Neu von Proclim, der Klimaplattform der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften. In der Arbeitsgruppe III hingegen, die sich zum Beispiel mit Energie-Szenarien und ökonomischen Entwicklungen beschäftigt, müsse man immer wieder auf graue Literatur zurückgreifen, etwa auf Daten von Energie- und Umweltagenturen.

In diesen Tagen diskutiert der IPCC zudem noch ein anderes Anliegen: Wie vermittle ich den politischen Entscheidungsträgern einleuchtend Unsicherheiten in der Klimaforschung?

Erstellt: 07.07.2010, 22:20 Uhr

Artikel zum Thema

Wende in der «Climategate»-Affäre

Eine Untersuchungskommission im Aufsehen erregenden Streit um angeblich gefälschte Klimadaten kommt zum Schluss: Der US-Wissenschaftler Michael E. Mann habe seine Forschungsdaten nicht manipuliert. Mehr...

Klimaskeptiker sind weniger kompetent

Wissenschaftler, die nicht daran glauben, dass der Mensch für den Klimawandel verantwortlich ist, publizieren weniger und werden seltener zitiert. Dies zeigt eine neue Studie. Mehr...

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Essen auf Rädern: Eine Frau kauft sich ihr Abendessen bei einem Strassenhändler in Bangkok. (19. August 2019)
(Bild: Mladen Antonov) Mehr...