Die grösste Massenvergiftung

Millionen Chinesen trinken vermutlich Wasser, das mit natürlichem Arsen verseucht ist. Das zeigt eine neue Risikokarte von Schweizer Forschern.

Tausende Chinesen haben Symptome einer Arsenvergiftung: Ein Mann trinkt Wasser vom Hahn. Foto: Aly Song (Reuters)

Tausende Chinesen haben Symptome einer Arsenvergiftung: Ein Mann trinkt Wasser vom Hahn. Foto: Aly Song (Reuters)

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Ihre Haut ist rissig und hart, sie haben schwarze Flecken am ganzen Körper, Hände und Beine sind gefühlsarm. An Arbeiten ist kaum zu denken. Etwa 10'000 Menschen mit solchen Symptomen einer Arsenvergiftung fand das chinesische Gesundheitsministerium bei einer Untersuchung.

Doch dürfte diese Zahl nur die Spitze einer unheimlichen Massenvergiftung sein. Das Untersuchungsprogramm der Regierung betraf nur 12 Prozent der Bezirke Chinas. Die Behörden prüften das Trinkwasser von 445'000 Brunnen in 20'517 Dörfern. Das war vor acht Jahren, seither wurde das nationale Programm weitergeführt. «Die Regierung hat mehrere Millionen Franken investiert», sagt Guifan Sun von der China Medical University. Bis die restlichen Gebiete geprüft sind, dürften Jahrzehnte vergehen, und sehr viel Geld müsste bereitgestellt werden.

Der Mediziner erhofft sich nun noch stärkere Anstrengungen seitens der Regierung. Der Grund ist eine Risikokarte, die Wissenschaftler des eidgenössischen Wasserforschungsinstituts Eawag in Dübendorf in Zusammenarbeit mit Sun und seinen Kollegen erstellten und welche sie heute in der renommierten amerikanischen Wissenschaftszeitschrift «Science» veröffentlichen.

Internationale Pressekonferenz

Die Redaktion der Fachzeitschrift hatte gestern eigens zu einer internationalen Medienkonferenz nach Dübendorf eingeladen, um das seit langem bekannte Problem in Erinnerung zu rufen. Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef spricht sogar von der grössten Massenvergiftung der Menschheit.

Die Risikokarte der Eawag-Forscher beruht auf einem statistischen Modell, das bekannte Gefährdungsgebiete zeigt, aber auch neue Regionen wie Provinzen in der nordchinesischen Ebene und in der Mitte der Provinz Sichuan erfasst. «Hier trifft es eine Region mit einer hohen Bevölkerungsdichte», sagt Luis Rodriguez-Lado von der Eawag. Die Forscher schätzen anhand der neuen Karte, dass weit mehr als 19 Millionen Chinesen in Regionen mit einem hohen Vergiftungsrisiko leben. Für sie bedeutet das, dass der Arsengehalt über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Wert von 10 Mikrogramm pro Liter liegt.

Gefahren besser erfassen

«Es gilt nun die identifizierten Hotspots mit lokalen Messungen zu bestätigen», sagt der chinesische Mediziner Guifan Sun. Die Risikokarte ersetzt keine lokalen Erhebungen, aber sie gibt Anhaltspunkte über die Wahrscheinlichkeit hoher Arsenkonzentration. Das ermöglicht den Forschern und Behörden, ihre Messkampagnen gezielter auszurichten. Denn das Modell reicht in seiner räumlichen Auflösung nicht aus, um exakte lokale Informationen über die Grundwasserqualität zu liefern. Die Verhältnisse im Untergrund können innerhalb von wenigen Metern stark variieren. Die Ursachen für dieses kleinskalige Phänomen seien bis heute noch nicht richtig verstanden, sagt der Hydrologe Michael Berg von der EAWAG, einer der Hauptautoren der Studie.

Unheilvolle Fracht des Ganges

Sicher ist hingegen: Das mit Arsen verseuchte Grundwasser ist eine globale Naturkatastrophe. China gehört weltweit zu den am stärksten betroffenen Ländern im asiatischen Raum nach Bangladesh und Indien. Hohe Arsenkonzentrationen sind in relativ jungen Flussablagerungen und in Schwemmebenen zu erwarten. Grosse Flüsse wie der Ganges zum Beispiel brachten über Jahrtausende mit dem Gestein aus dem Himalaja Arsen in die Schwemmebene Bangladeshs. Ähnliche Prozesse finden sich auch im Mekongdelta in Kambodscha und Vietnam. Das Gleiche gilt für die verseuchten Gebiete in China. «Nur sind hier die Ablagerungen seit Ende der letzten Eiszeit im Gegensatz etwa zu Bangladesh nicht in subtropischen, sondern vor allem in den trockenen nördlichen Gebieten», sagt Berg.

Die entscheidende Rolle spielt jedoch in allen Regionen der hohe Anteil an organischem Material von Pflanzenresten in den obersten Sediment- und Bodenschichten. Letztlich begünstigten Bakterien die Vergiftung des Grundwassers, indem sie die organische Substanz zersetzten und dabei viel Sauerstoff verbrauchten. In der nun sauerstoffarmen Umgebung kommt es schliesslich zur fatalen chemischen Reaktion: Schwer lösliches Eisen im Boden löst sich zusammen mit dem gebundenen Arsen im Grundwasser auf und reichert sich an.

Die Eawag-Forscher machten erste Erfahrungen mit Kartierungen vor bald fünf Jahren, als sie Risikokarten in südostasiatischen Ländern wie Bangladesh, Burma und Thailand erstellten. Damals wie heute verwendeten sie für das Computermodell ähnliche bereits vorhandene geologische und hydrologische Daten, die sich als gute Indikatoren für Arsenvorkommen eigneten. Diese verrechneten sie für die nun entwickelte Risikokarte für China mit über 2600 Arsenmessungen sowie mit Informationen zur Bevölkerungsdichte. Neu hinzu kamen diesmal auch Satellitendaten.

Erhöhtes Krebsrisiko

Die Risikoeinschätzungen orientieren sich am WHO-Wert von 10 Mikrogramm pro Liter, auch wenn dieser Grenzwert noch nicht von allen Regierungen akzeptiert wird, etwa in Bangladesh. Die WHO senkte den Grenzwert 1993 von anfänglich 50 Mikrogramm Arsen pro Liter auf 10 Mikrogramm. Wer ein Leben lang einer solchen Dosis ausgesetzt ist, hat ein erhöhtes Krebsrisiko.

Die Unicef rechnet in ihrem jüngsten Bericht vom April dieses Jahres allein in Bangladesh mit mindestens 40 000 Menschen, welche heute die Symptome einer chronischen Vergiftung zeigen. Tausende sterben an der Vergiftung, weil sie an Haut-, Lungen- und Darmkrebs erkranken. Doch das Problem ist längst nicht mehr nur ein asiatisches. Auch in Argentinien oder Chile beispielsweise sind Gebiete mit arsenverseuchtem Grundwasser entdeckt worden. Experten gehen davon aus, dass weltweit 140 Millionen Menschen täglich arsenverseuchtes Wasser trinken. Eawag-Geochemikerin Anette Johnson hofft deshalb, dass auf der Basis ihrer Erfahrungen in Zukunft eine globale Arsenrisikokarte erstellt werden kann.

Kostengünstige Sandfilter

Die chinesische Regierung verwendet die Risikokarte bereits für ihr nationales Grundwasser-Überwachungsprogramm. «Sind die Hotspots einmal identifiziert, müssen wir schnell handeln», sagt Guifan Sun. Vorübergehend liessen sich einfache und relativ kostengünstige Sandfilter für einzelne Haushalte einsetzen. Vielversprechend ist ein von der Eawag getestetes System mit angereichertem Eisen einer Firma in Bangladesh, das Arsen komplett herausfiltert.

Die beste Massnahme wäre jedoch, neue Brunnen anzusetzen, die mit sauberen Grundwasservorkommen gespeist werden. Dabei wäre jedoch die Erschliessung von Millionen neuer Quellen nötig. Eine weitere Option ist, nach sauberen Wasserquellen tiefer im Untergrund zu suchen, also unterhalb der verseuchten Schichten. Diese zu finden, ist allerdings eine grössere Herausforderung. Denn dafür gibt es keine Karten.

Erstellt: 22.08.2013, 22:58 Uhr

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