Hintergrund

Drei Krokodile für ein «Täschligate»

Für eine Tasche, wie Oprah Winfrey sie erstehen wollte, müssen mehrere Reptilien ihr Leben lassen. Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass die US-Moderatorin für ihre angebliche Tierliebe geehrt wurde.

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In den USA ist Oprah Gail Winfrey seit Jahren ein Star. Dass sie weder singen noch besonders gut schauspielern kann, spielt dabei keine Rolle. Sie beherrscht vor allem eins: die Selbstinszenierung. Ihren Reichtum – das «Forbes Magazine» geht von einem Vermögen von über zwei Milliarden Dollar aus – hat die Moderatorin dem medialen Kampf um Aufmerksamkeit zu verdanken.

Den hat sie diese Woche wieder einmal für sich entschieden. Die ganze Welt berichtet über den Vorfall in einer Zürcher Luxusboutique, in der sie angeblich aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert worden sein soll. Dank ihrem Auftritt beim US-Showmaster Larry King wird nun intensiv über wichtige Themen wie Rassendiskriminierung, arrogantes Verkaufspersonal oder «Selbstüberwertung des Schweizer-Seins» diskutiert.

Phoenix vs. Aniston

Was bei #täschligate bisher kaum zur Sprache kam, ist die Tasche selbst: Ein 35'000-fränkiges Objekt von Tom Ford. Für die Verarbeitung verwendet der US-Designer «exquisites Krokodilleder». Die Kollektion trägt den Namen der Schauspielerin Jennifer Aniston.

Es war ihr Berufskollege Joaquín Phoenix, der vor drei Jahren zum Verzicht von Produkten aus Reptilienhaut aufrief: «Alles, was ihr aus Tierhäuten besitzt, kann genauso ohne diese hergestellt werden.» In einem schockierenden Video erklärt er, was hinter den Kulissen der Industrie vorgeht, die Jahr für Jahr Millionen Reptilien schlachtet und zu Schuhen, Handtaschen und anderen Accessoires verarbeitet. Der Aufruf erfolgte im Namen der Organisation People for the Ethical Treatment of Animals (Peta).

Tierschutz-Präsident: «Winfrey ist keine echte Tierschützerin»

Winfrey müsste für die Appelle dieser Tierrechtsorganisation eigentlich ein offenes Ohr haben. 2008 wurde sie von Peta zur Person des Jahres gekürt. Sie wurde dafür gerühmt, dass sie ihre Bekanntheit dafür nutze, um ein breites Publikum auf die Misshandlung von Tieren aufmerksam zu machen. Tatsächlich berichtete die «Oprah Winfrey Show» mehrfach über schreckliche Vorfälle in Massenzuchtbetrieben und Schlachthöfen. Über ihren inzwischen verstorbenen Cockerspaniel sagte Winfrey einst: «Er war der Grund, weshalb ich ein besserer Mensch wurde.» 2008 unterzog sich Winfrey 21 Tage lang einer Veganer-Kur und zeigte sich danach geläutert, was ihren Fleischkonsum betrifft: «Ich achte nun genau darauf, was und wie bei mir etwas auf dem Teller landet.»

Beim Kauf von Mode scheinen ihre moralischen Vorsätze nicht zu greifen. Nach dem gescheiterten Krokodiltaschenkauf habe sie sich gar einen Moment lang überlegt, «den gesamten Laden leerzukaufen». So wäre sie in Besitz vieler weiterer Produkte gekommen, deren Herstellungsart umstritten ist. Für Heinz Lienhard, Präsident Schweizer Tierschutz (STS), ist das Verhalten von Winfrey nicht vertretbar: Es sei längst bekannt, wie Reptilleder hergestellt wird. «Entweder es ist ihr egal oder sie weiss tatsächlich nicht, was für eine Katastrophe dahintersteckt», sagt Lienhard. Letzteres könne er sich kaum vorstellen, da sie sich ja offenbar häufig mit solchen auseinandersetze: «Winfrey ist keine echte Tierschützerin.»

Modeunternehmen gründen eigene Zuchtfarmen

Die Moderatorin ist nicht die einzige, die den Reptilienmustern verfallen ist. Seit einigen Jahren finden die Taschen, Gurte und Schuhe aus dem teuren Material reissenden Absatz. Nicht zuletzt, weil Showgrössen in der Öffentlichkeit damit posieren. Jennifer Aniston gibt ihren Namen zu Marketingzwecken her. Vor zwei Jahren machte die Fussballergattin Victoria Beckham ihre Lieblingstasche «Birkin Bag» aus Krokoleder so populär, dass Hermès mit der Produktion nicht mehr nachkam. Um der gestiegenen Nachfrage zu begegnen, eröffnete der französische Luxuswarenhersteller eigene Krokodilfarmen.

«Das sind längst keine Wildfänge mehr», sagt Lienhard über die Produkte, die heute meistens industriell gefertigt würden – auf Zuchtfarmen in Indonesien, Südamerika oder den USA. «Die Haltungen sind alles andere als tierschutzkonform. Viele der Reptilien werden bei lebendigem Leibe gehäutet», sagt der Tierschützer.

Nur die feinsten Stellen werden verwendet

Dokumentationen von Peta bestätigen das brutale Vorgehen. Alligatoren in der Zucht werden in winzigen Anlagen, mit bis zu 600 Tieren in einem Gebäude, gehalten. Dabei würden die Reptilien oft mit einem Hammer zu Tode geschlagen. «Häufig dauert es bis zu zwei Stunden, bis sie schliesslich sterben», schreibt die amerikanische Tierrechtsorganisation, die auch einen Ableger in Deutschland hat. Auch die Tötung von Schlangen erscheint mehr als problematisch: Diese werden hauptsächlich bei lebendigem Leib gehäutet, da die Händler der Ansicht sind, dieses Vorgehen würde die Haut weicher machen.

Bis eine fertige Tasche im Regal steht, ist es ein langer Weg: «Für die Produktion jeder Tasche benötigen wir drei bis vier Krokodile», kommentierte Hermès-Chef Patrick Thomas das Vorgehen seines Unternehmens. Für jenes Kleid, das die amerikanische Sängerin Rihanna im letzten Jahr anlässlich einer Veranstaltung in New York trug, dürften noch einige Tiere mehr geopfert worden sein: eine knöchellange Robe von Tom Ford, komplett aus Krokodilleder gefertigt (siehe Bildstrecke). «Die Luxusmodehäuser sind sehr wählerisch – für die Produktion von Lederwaren verwerten sie nur einen kleinen Teil der Bauchhaut der Krokodile», sagte der australische Krokodilfarmer Mick Burns gegenüber der «Daily Mail».

Erfolgreiche Kampagne in der Schweiz

Die Tierschützer versuchen regelmässig mit Kampagnen, die Leute für die Problematik mit der Reptilienzucht zu sensibilisieren – offenbar mit mässigem Erfolg. Auch in der Schweiz ist es nach wie vor kein Problem, die umstrittenen Produkte zu importieren. Boutiquen wie Trois Pommes, in der Winfrey die Tasche kaufen wollte, müssen für die Einfuhr zwar die Bewilligung des Bundes einholen. Dazu genügt allerdingsdas Ausfüllen einer A4-Seite, auf der der Verkäufer versichert, dass es sich nicht um ein Tier handelt, das unmittelbar vom Aussterben bedroht ist.

Im April 2011 feierte der Schweizer Tierschutz (STS) einen kleinen Durchbruch. Er schrieb sämtliche Mitglieder des Verbands der Schweizer Uhrenindustrie an und forderte sie auf, auf die Verwendung von Exotenleder für Armbänder zu verzichten. Immerhin 27 Firmen unterzeichneten in der Folge freiwillig eine Verzichtserklärung. Den Millionen Reptilien, die weiter jährlich geschlachtet werden, ist damit allerdings noch wenig geholfen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2013, 17:39 Uhr

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