ETH hilft brasilianischer Erdölfirma

Brasilien beutet seine riesigen Erdölvorkommen vor der Küste in grossem Massstab aus. Die geowissenschaftlichen Grundlagen für diese ökologisch riskante Förderung stammen aus Zürich.

Bohrinsel vor der Küste Brasiliens. Gegenwärtig werden täglich 80 Millionen Liter Rohöl gefördert – 2020 sollen es viermal mehr sein. Foto: Florian Kopp (F1online)

Bohrinsel vor der Küste Brasiliens. Gegenwärtig werden täglich 80 Millionen Liter Rohöl gefördert – 2020 sollen es viermal mehr sein. Foto: Florian Kopp (F1online)

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Der Helikopter schraubt sich durch dichte Wolken. Die 19 Fluggäste an Bord werden kräftig durchgeschüttelt. Plötzlich sinkt die Maschine und landet am Arbeitsplatz eines Grossteils der Passagiere: auf der Explorationsplattform ­Alpha Star, 300 Kilometer vor der Küste von Rio de Janeiro. Hier führen Wissenschaftler eine Vielzahl von Untersuchungen durch, mit denen sich weitere Bohrungen optimal planen lassen.

Die 2006 entdeckten Ölfelder namens Pré-Sal befinden sich einige Hundert Kilometer vor der brasilianischen Küste. Mit einer Fläche von 150'000 Quadratkilometern sind sie fast viermal so gross wie die Schweiz. «Pré-Sal» heisst auf Portugiesisch «vor dem Salz». Das Öl liegt unter 2000 Meter Wasser und weiteren 5000 Meter Sedimenten und instabilen Salzschichten – in einer Rekordtiefe mit nie dagewesenen ökologischen Risiken.

Wie in einem Schwamm lagert das Öl im hoch porösen Fels, der aus mikrobiellem Karbonat besteht. Entstanden war das Sediment vor etwa 120 Millionen Jahren, indem Bakterien Kohlendioxid aufnahmen und anschliessend den Kohlenstoff wieder ausschieden. Dadurch verwandelte sich die anfänglich gel­artige Masse mit der Zeit in ein durchlässiges Gestein. Das Öl hatte sich vor Jahrmillionen durch das Plankton in den Sedimenten gebildet.

Riesiges Förderprojekt

Mittlerweile schreitet die Ausbeutung der Pré-Sal-Lagerstätten schneller voran als geplant. Gegenwärtig werden auf 20 Bohrinseln täglich insgesamt mehr als 500'000 Barrel Rohöl gefördert, das sind 80 Millionen Liter. Im Jahr 2020 ­sollen es viermal mehr sein. Fünf Plattformen dienen wie Alpha Star ausschliesslich zur Erforschung der Förderkapazität und zur Erkundung der Bohrschichten.

Der halbstaatliche Energiekonzern Petrobras, betraut mit der Ölgewinnung, ist weltweit führend in der Offshore-Fördertechnik. Bei den geologischen Eigenschaften des löchrigen Felsens gibt es jedoch noch viele offene Fragen. Einer der weltweit wenigen Experten für solche mikrobiellen Sedimente ist Crisogono Vasconcelos. Der brasilianische Mikrogeologe an der ETH Zürich beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit dieser speziellen Gesteinsart. Für seine ETH-Dissertation studierte er ähnliche Karbonate in den Lagunen entlang der Küste östlich von Rio de Janeiro. Welche ökologischen Auswirkungen jetzt seine Forschung hat, beschäftigt Crisogono Vasconcelos wenig: «Mein Fokus ist die Wissenschaft!» Sein reiches Wissen bewog Petrobras, mit Vasconcelos 2009 ein gemeinsames Projekt zu starten. Die Kooperation umfasst Grundlagenforschung, um die Eigenschaften der Pré-Sal-Sedimente zu studieren, etwa die Porosität oder Festigkeit. Das ETH-Wissen soll aber auch nach Brasilien fliessen. Bisher wurden an der ETH Zürich rund 500 Kurse durchgeführt und 600 Fachleute aus­gebildet, vorwiegend Geologen. Petrobras lässt sich die Forschung an der ETH über eine Laufzeit von 2009 bis 2015 insgesamt rund 7,6 Millionen Franken kosten.

Klimaethisch problematisch

Für die ETH Zürich ist allerdings die Reduktion des globalen CO2-Fussabdrucks ein wesentliches strategisches Handlungsfeld, eng verbunden mit einer Verringerung des fossilen Energieverbrauchs. Nimmt man diese Beteuerungen beim Wort, stellen sich angesichts des Wissenstransfers der Hochschule ins brasilianische Pré-Sal-Projekt auch Fragen der Klimaethik. Die Fachleute des jungen Forschungsgebiets verweisen auf die vielfältigen Aspekte der Nachhaltigkeit. «Auch wenn ein Widerspruch zur ökologischen Nachhaltigkeit besteht, wäre zu prüfen, inwiefern das Projekt im Rahmen ökonomischer oder sozialer Nachhaltigkeit gerechtfertigt werden könne», sagt Ivo Wallimann-Helmer, Studienleiter am Ethik-Zentrum der Universität Zürich. In der Tat will Brasilien künftig die Milliardeneinnahmen aus dem Ölgeschäft gezielt in Bildung und Gesundheit investieren.

Doch auch die Forschungsfreiheit ist ein unantastbares Ideal. Forschung aufgrund einer bestimmten Strategie zu verbieten, stünde in fundamentalem Widerspruch dazu, so Wallimann-Helmer. Strikte Forschungsverbote erscheinen ihm nicht legitim und würden die Glaubwürdigkeit der ETH infrage stellen. Hingegen müsste sich eine Spitzenhochschule dem klimaethischen Diskurs unbedingt stellen. Ethisch sei eine Forschung, die den Klimawandel verstärkt, nur schwer zu rechtfertigen. Doch solchen Überlegungen stünden auch Forderungen der globalen Armutsbekämpfung und Entwicklungshilfe gegenüber.

ETH verteidigt sich

Die ETH Zürich beruft sich zum einen darauf, erhebliche Mittel in Lehre und Forschung zu investieren, um dem globalen Ziel einer Reduktion der Treib­hausgase schneller näherzukommen. Davon würden unter anderem die mehr als 1200 Forschungsarbeiten zum Thema Klimawandel während der letzten zehn Jahre zeugen – im Vergleich zu den 20 wissenschaftlichen Arbeiten über die ­Ölförderung im gleichen Zeitraum. Anderseits gelte es, die Souveränität der Staaten anzuerkennen, die wie im Fall von Brasilien ihre Erdölvorkommen nutzbar machen wollen. Bei der Zusammenarbeit mit Petrobras gehe es um die Vermittlung geowissenschaftlicher Grundlagen, die auch Wissen über die Risiken einer solchen Ölgewinnung einschliessen.

Aufgrund seiner üppigen Vorkommen an fossilen Ressourcen positioniert sich Brasilien in der Spitzengruppe der Nationen mit den grössten Öl- und Gasreserven. Der finanzielle Aufwand zur Nutzung des Erdöls ist beträchtlich, gehören doch die Förderkosten von Pré-Sal infolge der Rekordtiefe von sieben Kilometern weltweit zu den höchsten. Allein die relative kleine Alpha Star kostete eine halbe Milliarde Franken, Betrieb und Unterhalt belaufen sich täglich auf 400'000 Franken. Auf der Plattform arbeiten 130 Fachleute in zwei Schichten rund um die Uhr.

Die wirtschaftlichen Sachzwänge sind so gross, dass die Vorräte vermutlich bis zum letzten Tropfen Öl ausgeplündert werden. Handkehrum verfügt Brasilien über ein erhebliches Potenzial an nachhaltigen Ressourcen. Eine Studie von namhaften Umweltexperten des Instituts Ekos Brasil zeigt auf, wie sich das grösste südamerikanische Land bis 2050 zu 100 Prozent durch erneuerbare Energien versorgen könnte – ohne dass Naturschutzreservate angetastet werden müssten. Der Energiekonsum könnte vorwiegend durch Biomasse aus landwirtschaftlichen Abfällen sowie durch Sonnenenergie gedeckt werden.

Ohne Sonne hingegen verläuft der Rückflug von Alpha Star. Die Reise gleicht dem Trip durch eine tropische Waschküche, verhüllt in schwarzen Wolken. Nach anderthalb Stunden sind die Passagiere heilfroh, wieder sicher in Rio absetzen zu können.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2014, 19:51 Uhr

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Keine Unterstützung mehr für Energieunternehmen

Universitäten ziehen Stiftungsgelder ab

Ein offener Brief renommierter Professoren und Wissenschaftler der britischen Eliteuniversität Oxford machte vor Monaten Schlagzeilen. Der Adressat war der Vizekanzler. Das Anliegen: Die Universität soll die Millionen an Stiftungsgeldern abziehen, die Energieunternehmen dabei unterstützen, Kohle, Erdöl und Gas zu fördern. Sie appel­lierten an die Verantwortung, Vorbild zu sein und im Kampf gegen den Klimawandel alles zu unternehmen, um die Produktion von Treibhausgasen zu verhindern.

Die Oxford-Akademiker erinnerten die Universitätsleitung daran, dass an der Universität Oxford wie auch an der ETH Zürich verschiedene Klimaforscher als Leadautoren beim UNO-Klimarat IPCC arbeiteten. Die IPCC-Forscher können heute mit grosser Sicherheit abschätzen, dass etwa 60 bis 80 Prozent der Reserven fossiler Energien im Boden bleiben müssen – sonst erwärmt sich die Erde um mehr als 2 Grad Celsius. Manche Ökosysteme wären bei dieser Entwicklung gefährdet. Trotzdem, so schreiben die Forscher im Brief, investierten die weltweiten Top-200-Energieunternehmen in den letzten 12 Monaten knapp 700 Milliarden Dollar, um neue fossile Energiereserven zu finden.

Die Oxford-Forscher unterstützen damit die global erfolgreiche «Fossil Free»-Kampagne. Die Verantwortlichen der Oxford-Universität haben auf den Brief noch nicht reagiert. Dafür die Universität Glasgow. Nach Studentenprotesten hat sich die Universität Anfang Oktober als erste Hochschule in Europa entschlossen, Investitionen von mindestens umgerechnet knapp 28 Millionen Franken aus dem Geschäft mit fossiler Energie abzuziehen.

Die Universität Glasgow ist nur eine von inzwischen vielen Institutionen, welche die Kampagne zum Umdenken bewegte: Universitäten, Städte, Kirchen, medizinische Institutionen und Pen­sionskassen weltweit haben sich nach eigener Aussage von «Fossil Free» verpflichtet, bisher Beteiligungen in der Grössenordnung von 50 Milliarden Dollar zugunsten nachhaltiger Projekte aufzulösen.

Darunter sind Namen wie die Familie Rockefeller, die British Medical Association und die renommierte Standford University. In der Schweiz ist die Kam­pagne noch nicht angekommen.

(Martin Läubli)

www.gofossilfree.org

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