EU entscheidet über Pestizidverbot

Umweltschützer verlangen ein Verbot bestimmter Pestizide. Diese stehen im Verdacht, das aktuelle Bienensterben zu verursachen. Gegen ein Verbot machen Chemiekonzerne mobil – darunter die Schweizer Syngenta.

Die Pestizide schaden möglicherweise ihrer Orientierung: Bienen im Anflug auf eine Sonnenblume.

Die Pestizide schaden möglicherweise ihrer Orientierung: Bienen im Anflug auf eine Sonnenblume. Bild: AP

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Die EU-Staaten stimmen heute in Brüssel über ein Teilverbot von bestimmten Pestiziden ab, die als gefährlich für Bienen gelten. Ein Vorschlag der EU-Kommission sieht vor, drei sogenannte Neonikotinoide für den Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps sowie Baumwolle für vorerst zwei Jahre zu verbieten.

Eine erste Abstimmung der EU-Staaten im März hatte keine klaren Mehrheiten ergeben, Deutschland enthielt sich. Kommt es in der nun im EU-Berufungsausschuss angesetzten Abstimmung erneut zu einem Patt, kann die EU-Kommission über ein Verbot entscheiden. Die drei Pestizide stehen im Verdacht, das Bienensterben zu verursachen.

In welcher Gefahr schweben die Bienen?

Wie gefährlich sind Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam für Bienen? Sehr, sagen Umweltschützer und verweisen auf das Bienensterben in Europa. Sie fordern von den EU-Staaten, sich in der kommenden Woche bei einer entscheidenden EU-Abstimmung für ein Teilverbot der umstrittenen Pflanzenschutzmittel auszusprechen.

Da sich die EU-Länder aber uneins sind, könnte die Entscheidung am Ende bei EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg liegen – der ist zum Schrecken der Agrarindustrie für das Verbot. «Diese Stoffe sind Nervengifte», warnt Walter Haefeker, Präsident des europäischen Berufsimkerverbandes (EPBA).

Führen diese zur Gruppe der hochwirksamen Neonikotinoide gehörenden Pestizide nicht zum Tod, seien die Folgen für Bienen dennoch katastrophal: Die Chemikalien können die Tiere Haefeker zufolge so schädigen, dass sie ihre Stöcke nicht mehr finden, ihren Artgenossen nicht mehr per «Bienentanz» den Weg zu Futterquellen weisen können oder sie unfähig werden, sich um Nachwuchs zu kümmern.

Oft wird direkt das Saatgut mit den Chemikalien gebeizt. In den Fokus gerieten die Insektenschutzmittel in Deutschland im Jahr 2008: «Die Pestizide lösten damals am Oberrhein ein Sterben von Bienenvölkern in einer vorher nicht gekannten Dimension aus», sagte der deutsche Bund für Umwelt und Naturschutz.

Saatgutbeizung untersagt

Die deutsche Regierung untersagte daraufhin bereits die Saatgutbeizung für Mais und Getreide mit diesen Insektiziden. Die Umweltschutzorganisation fordert jedoch ein vollständiges Verbot, da sich die Stoffe in Boden und Grundwasser ablagerten, auch andere Insekten als Bienen tödlich vergifteten und somit für den Hungertod vieler Vögel verantwortlich seien.

Zu Jahresbeginn bekamen Kritiker Rückenwind, als die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit vor «etlichen Risiken für Bienen» durch die vom deutschen Agrarriesen Bayer Crop Science und dem Schweizer Syngenta-Konzern hergestellten Stoffe Clothianidin, Imidacloprid und Thiamethoxam warnte.

EU-Gesundheitskommissar Borg reagierte mit dem Vorschlag, sie beim Anbau von Mais, Sonnenblumen, Raps sowie Baumwolle für vorerst zwei Jahre zu verbieten.

Bei Bayer Crop Science und Syngenta schrillten daraufhin die Alarmglocken: Gemeinsam gingen die Konzerne mit einem Bienen-«Aktionsplan» in die Offensive, der etwa Investitionen in die Bekämpfung von Krankheitserregern vorsieht. «Denn die schlechte Gesundheit von Bienen und der Verlust von Völkern haben eine Vielzahl von Faktoren: Das ist neben schlechten Umweltbedingungen ganz besonders die Varroa-Milbe», sagt ein Sprecher von Bayer Crop Science unter Verweis auf wissenschaftliche Studien.

Die Kritik der einflussreichen Agrarriesen an den Vorschlägen Borgs wurde von einem Teil der EU-Staaten offenbar geteilt: Im März ergab eine erste Abstimmung weder eine klare Mehrheit für noch gegen das Teilverbot, Deutschland enthielt sich. Der Kommissar macht nun einen neuen Versuch, es kommt zum entscheidenden Votum im Berufungsausschuss.

«Obwohl immer deutlicher wird, welche desaströsen Auswirkungen diese neonikotinoiden Pestizide auf die Honigbienen und andere Bestäuber haben, befürchten wir, dass die EU-Mitgliedstaaten unter dem Druck der Chemieindustrie den Vorschlag der Kommission scheitern lassen könnten», sagt Martin Häusling, EU-Abgeordneter der deutschen Grünen. Haefeker ist besonders besorgt, dass Deutschland einknickt und das Pestizidverbot ablehnt.

Aus EU-Kommissionskreisen in Brüssel heisst es: «Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass es wieder keine qualifizierte Mehrheit für eine Richtung gibt.» Für Bayer und Syngenta wäre das eine schlechte Nachricht. Denn bei einem erneuten Patt liegt die Entscheidung diesmal allein bei Verbotsbefürworter Borg. (mw/AFP)

Erstellt: 29.04.2013, 00:00 Uhr

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