Ein Forschungsfeld für Gentechpflanzen

Wissenschaftler der Universität Zürich planen einen neuen Freisetzungsversuch mit gentechnisch verändertem Weizen. Dies, obwohl die Forscher bis vor kurzem für ihre Arbeit keine Zukunft sahen – zumindest nicht in der Schweiz.

Der «Gentechfleck» der Schweiz: Auf diesem Feld im Norden von Zürich wurde bereits im Jahr 2008 Gentechweizen angepflanzt.

Der «Gentechfleck» der Schweiz: Auf diesem Feld im Norden von Zürich wurde bereits im Jahr 2008 Gentechweizen angepflanzt. Bild: Keystone

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Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Erst gerade hat der Bundesrat die Koexistenz-Verordnung in die Vernehmlassung geschickt, die das Anpflanzen von Gentechpflanzen in der Schweiz nach dem Ende des Anbaumoratoriums im Jahr 2017 ermöglichen soll. Und jetzt haben Forscher der Universität Zürich ein neues Gesuch für einen Freisetzungsversuch beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) eingereicht. Ab 2014 soll auf einem kleinen Feld im Norden der Stadt Zürich wieder Weizen wachsen, der gegen die Pilzkrankheit Mehltau resistent ist. Das ist möglich, weil Versuche zu Forschungszwecken trotz Anbaumoratorium erlaubt sind.

«Bei unseren Tests in den Gewächshäusern waren unsere Pflanzen resistent wie noch nie», erklärt die Zürcher Pflanzenwissenschaftlerin Susanne Brunner vom Institut für Pflanzenbiologie der Universität Zürich, die die Versuche betreut. «Das wollen wir jetzt so schnell wie möglich im Feld testen.»

Entmutigte Wissenschaftler

Es ist noch nicht allzu lange her, dass der Abgesang auf die grüne Gentechnologie in der Schweiz angestimmt wurde – auch von den Forschern selber. Die Verlängerung des Moratoriums für den Anbau gentechnologischer Pflanzen und die immensen Sicherheitsprobleme bei der Durchführung von ähnlichen Freisetzungsversuchen im Rahmen des Nationalfondsprogramms zu den Gentechpflanzen (NFP 59) entmutigten viele. «Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz noch Freisetzungsversuche geben wird», sagte etwa Dieter Imboden, der damalige Nationalfonds-Präsident, nach dem Ende der NFP-59-Versuche.

Andere Wissenschaftler drohten damit, die Forschung ins Ausland zu verlagern. Auch Beat Keller, Professor am Institut für Pflanzenbiologie und Leiter der nun eingegebenen Weizenversuche, zweifelte: «Wir haben uns schon überlegt, ob wir die Versuche im Ausland weiterführen.»

Forschen ohne Geldsorgen

Nun sieht alles anders aus. Der Grund ist die Einrichtung eines permanenten, gesicherten Forschungsfeldes an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz in Zürich. Bundesrat und Parlament haben 2012 der hochabgeschirmten Parzelle zugestimmt und finanzieren diese mit 750'000 Franken pro Jahr. Die Aufwendungen für den Schutz vor Vandalenakten sowie die agronomische Betreuung der Versuche übernimmt dabei die Forschungsanstalt, die Forscher können sich sowohl intellektuell wie finanziell voll auf ihre Projekte konzentrieren.

«Mit dem Versuchsfeld haben wir die Gelegenheit, unsere Forschung doch in der Schweiz zu machen», sagt Keller. «Das wollen wir ausnützen.» Zuerst aber muss das Bafu das neue Gesuch bewilligen. Nach der Prüfung auf Vollständigkeit der Unterlagen wird es im Bundesblatt publiziert und für Stellungnahmen und Rekurse aufgelegt. Wenn alles wie geplant läuft, können die Forscher im März 2014 die ersten Pflanzen aussäen.

Resistent gegen Mehltau

Bei dem Versuch werden fünf neue Weizenlinien getestet, die mittels Gentechnologie resistent gegen den Mehltau gemacht wurden. Vier dieser fünf Linien sind aus Kreuzungen von Gentechpflanzen entstanden, welche die Forscher in den NFP-59-Versuchen von 2008 bis 2010 getestet haben.

Der fünften Weizenlinie wurde ein neues Resistenzgen eingepflanzt. Vorversuche im Gewächshaus haben gezeigt, dass die Pflanzen aus dieser Linie besonders resistent waren. «Die Weizensorte, aus der die Linien stammen, ist eine Forschungssorte, die in der Schweiz nie angebaut wird», erklärt Susanne Brunner. «Die Versuche sind Grundlagenforschung. Wir wollen wissen, wie die Resistenz gegen Mehltau funktioniert und wie die Pflanzen auf das eingefügte Gen reagieren.» Finanziert wird der Versuch vorerst aus dem ordentlichen Forschungsbudget des Institutes.

Auch Kartoffelversuche geplant

Marianne Künzle, Gentechkampagnenleiterin bei Greenpeace Schweiz, will zum Gesuch nicht Stellung nehmen, bevor sie es geprüft hat. Doch mit dem mehltauresistenten Weizen werde ein Problem behandelt, das seine Ursachen nur in der industriellen Landwirtschaft habe. «Wir engagieren uns für eine ökologische Landwirtschaft und eine entsprechende Forschung, die ökologische Anbausysteme unterstützt und optimiert», sagt Künzle. «Und da haben Gentechpflanzen keinen Platz.»

Eines ist klar: Der neue Weizenversuch wird nicht das letzte Projekt auf dem «Gentechfleck» der Schweiz sein. «Mit dem Feld vor unserer Haustür öffnen sich Optionen», sagt Manfred Winzeler, Leiter des Forschungsbereiches Biodiversität und Umweltmanagement bei Agroscope. «Da wir vom Bund den Auftrag haben, Biosicherheitsforschung zu machen, wollen wir die Möglichkeit auch nützen.» Konkret planen die Bundesforscher einen Versuch mit Kartoffeln, die gegen die Kraut- und Knollenfäule resistent sind. Vorgängige Versuche in der Vegetationshalle waren laut Winzeler erfolgreich. Derzeit laufen die letzten Abklärungen vor der Gesuchseingabe. Ein Entscheid soll im nächsten halben Jahr fallen.

Die Koexistenz von zwei derart unterschiedlichen Gentechversuchen mit Weizen und Kartoffeln auf lediglich drei Hektaren Fläche sollte kein Problem sein. Beat Keller wird in seinem Versuch zu Beginn allenfalls eine halbe Hektare benötigen. «Zuerst sind nur Vermehrungen und Kleinversuche geplant», sagt Keller. «Da hat es auch noch für andere Versuche Platz.» Wenn die Versuche aber erfolgreich sind, könnte es auf drei Hektaren bald zu eng werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2013, 10:58 Uhr

Ein teurer Acker
Versuchsfeld in Zürich-Nord

Die neuen Feldversuche sollen im Norden der Stadt Zürich an der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz durchgeführt werden – sofern sie vom Bundesamt für Umwelt bewilligt werden. Ein drei Hektaren grosses gesichertes Versuchsfeld («protected site») ist geplant. Bundesrat und Parlament haben diese Anlage vorgesehen und für den Betrieb jährlich 750'000 Franken bewilligt.

Laut Agroscope-Forscher Michael Winzeler wird das Feld wahrscheinlich mit Doppelzaun, Kameraüberwachung, Bewegungsmelder und bemannter Dauerüberwachung geschützt sein. Ab März 2014 soll es betriebsbereit sein. Bereits ab 2008 fanden hier Gentechversuche statt. Gleich zu Beginn wurde das Feld von Gentechkritikern zerstört, worauf die Sicherheitsmassnahmen aufgebaut wurden. Gemäss einer Studie mussten dabei pro Franken, der in die Forschung ging, zusätzlich 1,26 Franken für die Sicherheit aufgewendet werden. (mma)

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