Ein Land vertrocknet

Der Klimawandel lässt Chinas Gletscher stark schmelzen. Wenn die Wasserspeicher im Hochgebirge Asiens verschwinden, zerstört das die Lebensgrundlage von Millionen Menschen.

Der Klimawandel beschleunigt das Abschmelzen der chinesischen Gletscher – auch im Tianshan-Gebirge in Nordwesten der Volksrepublik. Foto: Imaginechina/AFP

Der Klimawandel beschleunigt das Abschmelzen der chinesischen Gletscher – auch im Tianshan-Gebirge in Nordwesten der Volksrepublik. Foto: Imaginechina/AFP

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Die Masse aus Geröll und Schlamm hatte sich bis vor die Eingangstüren einiger Hütten geschoben. Der Fluss, durch die Steinlawine blockiert, trat über die Ufer und überschwemmte die Strassen des Dorfes. 6600 Menschen mussten im Oktober fliehen, als ein Gletscher im Autonomen Gebiet Tibet ­zusammengebrochen war und eine Lawine aus Eis und Schutt in den Oberlauf des Brahma­putra in Westchina gespült hatte. Zwei Monate zuvor war ein Gletschersee in der Nähe gebrochen. 35 Millionen Kubikmeter Wasser waren in das Strom­becken des Yarkant-Flusses in der westchinesischen Provinz Xinjiang geströmt, Menschen mussten evakuiert werden.

Wie viele Bergregionen weltweit kämpft auch China mit den steigenden Temperaturen und dem dadurch verursachten Abschmelzen der Gletscher in den Hochgebieten des Landes. Das schreitet nun aber sehr viel schneller voran als bisher ­befürchtet, wie Satellitenbilder zeigen, welche die Umweltorganisation Greenpeace veröffentlicht hat. Zwei von dreiGletschern könnten in den kommenden Jahrzehnten verschwinden. In keiner Region der Welt wären die Folgen des ­Klimawandels so drastisch – 1,8 Milliarden Menschen in Asien sind vom Wasser aus dem Hochgebirge abhängig.

China spürt heute schon den Wassermangel

Wegen der 48'000 Gletscher wird die Region in Westchina auch als «dritter Pol» bezeichnet. Es ist die grösste Konzentration von Süsswasser ausserhalb der Polarregionen. Es speist die mächtigsten Flüsse Asiens, die bis nach Afghanistan, Vietnam und Südindien fliessen. Dazu gehören der Gelbe Fluss, der Jangtse, der Mekong, der Saluen, der Satluj und der Brahmaputra. Abermillionen Menschen nutzen ihr Wasser für die Bewässerung ihrer Felder, zur ­Gewinnung von Trinkwasser und für die Industrie.

China mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern leidet schon heute unter Wassermangel. Vor allem im Norden kämpft die ­Regierung gegen Trockenheit und Wüstenbildung. Durch die Umleitung von Flüssen versucht Peking zwar, die Region mit ­Wasser zu versorgen. Das aber ist kompliziert und teuer. Schon vor zehn Jahren prognostizierte die Weltbank China als das Land in Ost- und Südostasien, das im 21. Jahrhundert am stärksten mit Wassermangel kämpfen werde. Der steigende Verbrauch durch die Industrie, aber auch der wachsende Pro-Kopf-Verbrauch der Menschen verschärft die ­Situation weiter. Die abschmelzenden Gletscher werden die Lage noch verschlimmern.

In einigen Teilen Westchinas sind die Durchschnittstemperaturen seit den 50er-Jahren um drei Grad oder mehr gestiegen. Forscher prognostizieren, dass die meisten Gletscher in China zwischen 2040 und 2070 ihr sogenanntes Hochwasser erreichen werden. Das heisst, dass durch das abschmelzende Wasser bis zu diesem Zeitpunkt ­jedes Jahr mehr Wasser in die Täler fliessen wird – und danach drastisch ­weniger.

Jährliche Abschmelzrate hat sich verdoppelt

Die Folgen sind zunächst Überschwemmungen und später Wassermangel und Dürren. Das Schmelzwasser hat sich in der Region im Vergleich zu den Vorjahren inzwischen mehr als verdoppelt. Zahlreiche Untersuchungen belegen, wie schnell die Gletscher schrumpfen. Ein Fünftel der Eismassen ist bereits abgeschmolzen, berichten Wissenschaftler vom chinesischen Cold and Arid Regions Environ­mental and Engineering Research Institute in Lanzhou.

Mehr als 80 Prozent der Gletscher sind betroffen. Greenpeace hat die Veränderungen der Gletscher nun mithilfe von Satellitenbildern dokumentiert. Der Laohugou Nummer 12, der grösste Gletscher des Qilian-Gebirges, schrumpft mehr als doppelt so schnell wie noch vor 50 Jahren. Zwischen 1959 und 1976 verringerte sich seine Fläche um 5,56 Meter pro Jahr. Aktuell ist es mit 13,1 Metern mehr als doppelt so viel. Ähnlich kritisch steht es um den Tianshan-Gletscher Nummer 1 in der westchinesischen Provinz Xinjiang. Dessen Gesamtfläche ist in den vergangenen 30 Jahren um fast ein Viertel geschrumpft.

Es gibt mehr und stärkere Überschwemmungen

Shen Yongping von der Chinese Academy of Science beobachtet die Entwicklungen seit den ­80er-Jahren. Er spricht von ­«dramatischen Veränderungen» in den Bergregionen, in die er ­regelmässig reist. «Die Gletscher schmelzen nicht nur schneller, auch die Häufigkeit und die ­Stärke der dadurch ausgelösten Überschwemmungen nehmen zu», sagt Shen. Er hält es für dringend notwendig, nicht nur die Gemeinden in den gefährdeten ­Regionen besser zu schützen, sondern auch die Überwachung der Gletscher zu verstärken.

Greenpeace befürchtet, dass bis zum Ende dieses Jahrhunderts zwei Drittel der Gletscher Chinas abgeschmolzen sein könnten. Die zahlreichen Evakuierungen in den vergangenen ­Monaten hätten gezeigt, welche dramatischen Folgen für die Landwirtschaft und die Städte entlang der Flüsse zu erwarten seien: «Das sollte ein Weckruf an China und die Weltgemeinschaft sein.»

Erstellt: 20.01.2019, 19:23 Uhr

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