Ein Winter der Rekorde

Die Wetterkapriolen von El Niño im Pazifik haben weltweit Elend und Leid gebracht. Die Temperaturrekorde lassen sich jedoch nicht allein mit diesem Phänomen erklären.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

El Niño, das Christkind. Liebevoll klingt der Name der Wetterkapriolen im Pazifik. Peruanische Fischer erdachten ihn, weil El Niño jeweils in der Weihnachtszeit besonders stark auftritt. Das Christkind bringt aber kein Heil – sondern Elend und Leid. In Äthiopien brauchen laut der Hilfsorganisation World Vision mehr als sechs Millionen Menschen Wasser und hygienische Hilfe. In Zimbabwe wurde im ganzen Land das Wasser rationiert; 15'000 Bohrlöcher sind ausgetrocknet. Sieben von neun Provinzen in Südafrika haben wegen der Dürre den Notstand ausgerufen. In Honduras gräbt die Bevölkerung eigenhändig Brunnen, Kinder leiden an Durchfall. Die Hauptstadt von Paraguay, Asunción, hingegen wurde überflutet wie schon lange nicht mehr. Die Weltgesundheitsorganisation WHO schätzt, dass gegen 60 Millionen Menschen einem verstärkten Risiko ausgesetzt sind, an Fehlernährung, Durchfall oder Malaria zu erkranken.

El Niño ist ein weltweites Wetterphänomen, das episodisch alle drei bis sieben Jahre auftritt. Dann flaut der Ost­passat praktisch ab, weil aus bis heute unerklärlichen Gründen die Luftdruck­unterschiede zwischen Südamerika und Südostasien abnehmen. Die Konsequenz: Die Passatwinde treiben nicht wie üblich die Äquatorialströme von Osten nach Westen an. Die Richtung der Wassermassen wird umgekehrt. So dringt warmes Wasser nach Südamerika vor. Damit nimmt die Luftfeuchtigkeit zu, die Luft steigt auf und bringt in sonst trockene Regionen heftige Niederschläge, in Südostasien oder Südafrika kann es zu Dürren kommen. Amerikanische Wissenschaftler der nationalen Ozean- und Wetterbehörde NOAA berichten zudem, dass die starke Erwärmung des Meerwassers durch El Niño einen verheerenden Ausbleichungsprozess zum Beispiel im Great-Barrier-Riff in Gang gesetzt habe.

Meteorologen hatten das Wetterphänomen bereits im letzten Sommer vorausgesagt. Im Gegensatz zum Winter 2014/15 war die Prognose diesmal ein Volltreffer. Die Wissenschaftler sagten die Ausprägung des Phänomens erstaunlich gut voraus: Das Ereignis ist fast so stark wie jenes von 1997/98. Das wirkt sich auf die globalen Temperaturen aus, die jeweils mit ein paar Monaten Verzögerung auf die veränderten Verhältnisse im Pazifik reagieren. Grundsätzlich ist bei einem El Niño mit einem sehr warmen Jahr zu rechnen.

Dennoch, das gegenwärtige Ereignis kann die globalen Temperaturrekorde nur teilweise erklären: von Dezember bis Februar – jeder Monat setzte für sich eine neue Rekordmarke, seit die Temperatur weltweit gemessen wird. Geradezu pulverisiert wurde der alte Monatsrekord für den Februar aus dem Jahre 1998. Er lag je nach Datensatz 0,3 bis fast 0,5 Grad Celsius über dem damaligen Spitzenwert.

Erheblicher Wärmeüberschuss

Vergleicht man den El-Niño-Winter vor 18 Jahren mit dem diesjährigen, so fällt auf: Die Temperaturwerte auf der Nordhemisphäre waren hoch, namentlich in Zentralasien und in der Arktis. Regionen in Alaska, Kanada, Osteuropa und Russland und ebenso Gebiete des Arktischen Ozeans waren für den Monat Februar mehr als 4 Grad Celsius wärmer als der langjährige Durchschnitt. Es überrascht also nicht, dass die Ausdehnung des arktischen Eises noch nie so gering war wie im letzten Monat. Die hohen Temperaturen in der Arktis entsprechen dem Trend der letzten Jahrzehnte durch den Ausstoss von Treibhausgasen. Im Gegensatz zu den mittleren Breiten mit einem negativen Nebeneffekt: Wird zum Beispiel die Meereisbedeckung durch die Erwärmung reduziert, so nimmt das freie Meerwasser im Gegensatz zum reflektierenden Eis Sonnenstrahlung und damit Wärme auf. Diese gibt das Wasser im Winter wieder ab und erhöht dabei die Lufttemperatur.

«Der Februar war schon sehr aussergewöhnlich», sagt Klimaphysiker Reto Knutti von der ETH Zürich. Trotzdem will er das Ereignis klimatisch nicht überbewerten. «Klimawandel zeigt sich in Veränderungen über viele Jahrzehnte, und ein einzelner Monat ist ein Wetter­ereignis», sagt der ETH-Professor. Schreite die beobachtete langfristige Erd­erwärmung jedoch weiter fort, so werde es immer wahrscheinlicher, dass sich warme Winter und Jahre wie 2014 und 2015 häufen werden. Das Besondere an diesen beiden Jahren, die ebenso neue Temperaturrekorde brachten: El Niño hatte 2014 gar keinen Einfluss und im letzten Jahr nur einen geringen, weil der Haupteffekt auf die globale Jahrestemperatur erst verzögert in diesem Jahr auftritt.

«Der starke Anstieg der Temperaturen kann nicht allein mit dem Wetterphänomen El Niño erklärt werden», sagt Urs Neu von der Plattform Pro Clim der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften. Für Neu ist die gegenwärtige Entwicklung wahrscheinlich einfach eine «Rückkehr» in den Bereich des erwarteten Trends, wie ihn die Klimamodelle voraussagen. In den letzten 15 Jahren verliefen die gemessenen durchschnittlichen Jahrestemperaturen unterhalb der erwarteten Werte der Klimamodelle. Die Klimaforscher warnten stets davor, falsche Schlüsse zu ziehen. Stag­nationsphasen gab es in den letzten 100 Jahren immer wieder, wie das der UNO-Weltklimarat IPCC aufzeigt. Stieg der Trend allerdings erneut an, so immer auf einem höheren Niveau. Es gab also jeweils eine Art Sprung in der Temperaturkurve. Das heisst: Natürliche Schwankungen kaschierten jeweils über eine gewisse Zeit den Erwärmungstrend. Diese Schwankungen können Klimamodelle nur schlecht in die Zukunft abbilden, weil die Ursache dafür verschieden sein kann: Zum Beispiel können Partikel aus vulkanischen Eruptionen die Atmosphäre vorübergehend abkühlen, oder die Sonneneinstrahlung kann sich ver­ändern. Auch zufällig veränderte Strömungsmuster in der Atmosphäre oder im Meer können kühlend wirken, weil sie den Wärmehaushalt der Ozeane beeinflussen. «Deren Wirkung ist jedoch längerfristig verhältnismässig gering im Vergleich zum Effekt der Treibhausgase», sagt Klimaexperte Urs Neu.

Bestätigung der Klimamodelle

Eine Studie zeigt, dass vor allem eine Abkühlung im Winter auf der Nordhemisphäre, namentlich über Eurasien die globale Temperaturstagnation der letzten Jahre mitverursacht hat – vermutlich durch eine veränderte atmosphärische Luftströmung. Dabei könnte mehr Wärme in den Ozean gelangt sein, oder der eurasische Kontinent wurde stärker abgekühlt als sonst. Ganz genau wissen das die Wissenschaftler jedoch nicht.

Wie auch immer: Werde 2016 noch wärmer als die zwei vergangenen Jahre, dann sei das globale Klimasystem mit grosser Wahrscheinlichkeit wieder in die «Normalität» zurückgekehrt, sagt Urs Neu. Das heisst: Die Erde erwärmt sich wie erwartet durch die CO2-Emissionen. «Diese Entwicklung spricht stark dafür, dass die Klimamodelle die Wirkung der menschlichen Emissionen recht gut einschätzen und nicht überschätzen, wie in den letzten Jahren zum Teil vermutet wurde», sagt Pro-Clim-Klimaexperte Neu.

Auch ETH-Klimaforscher Reto Knutti ist überzeugt: «Das Argument einer Klimapause ist angesichts der warmen Jahre 2014 und 2015 sowie dieses Winters nicht mehr gerechtfertigt.» El Niño wird sich laut den Klimaforschern erst Mitte Jahr allmählich abschwächen. Es ist also mit einem weiteren Temperaturrekord zu rechnen.

Kommentar: Im Verlaufe des Tages werden zwei bekannte Klimaforscher mitdiskutieren: Kasper Plattner vom Eidg. Forschungsinstitut WSL in Birmensdorf und Stefan Brönnimann von der Universität Bern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2016, 23:04 Uhr

Grafik zum Vergrössern anklicken.

Der Wasserpegel im La-Plata-Reservoir in Puerto Rico ist viel zu tief – das hat erhebliche Folgen für die Tierwelt. Foto: AP

Pollenflug und Zeckenstiche: Sonderbarer Winter in der Schweiz

«Der warme Winter in der Schweiz ist konsistent mit dem langfristigen Trend zu höheren Temperaturen aufgrund des Klimawandels, aber keine Folge von El Niño», sagt ETH-Klimaforscher Reto Knutti. Die Wintermonate wurden vor allem geprägt durch den abwechselnden Durchzug kalter und warmer Luftmassen. «Die Schweiz erlebte zwei recht unterschiedliche Wintergesichter», sagt Stephan Bader von Meteo Schweiz. Einen rekordmilden und niederschlagsarmen Dezember. Es war der mildeste Dezember seit Messbeginn 1864. Januar und ­Februar waren hingegen niederschlagsreich und sonnenarm. Der Wärmeüberschuss war ­ungewöhnlich hoch und lag 2,5 Grad ­Celsius über der langjährigen Norm von 1981 bis 2010. Der Wert ist umso erstaunlicher, weil in diesem langjährigen Durchschnitt bereits die starke Erwärmung der letzten zwanzig Jahre enthalten ist. Das führte dazu, dass laut der Zürcher Hochschule (ZHAW) Zecken selbst im milden Frühwinter stachen. Die ersten Haselsträucher blühten gemäss Meteo Schweiz schon im Dezember. Die Meteoro­logen registrierten zum Beispiel bereits im Dezember den Flug von Haselpollen. So früh wie noch nie, heisst es im Bulletin. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass zum Beispiel die Hasel im Durchschnitt 13 Tage früher als 1951 blüht. (lae)

Artikel zum Thema

El Niño wächst zu einer Stärke heran wie zuletzt vor 15 Jahren

Dank komfortabel gefüllten Vorratsspeichern halten sich die Preisausschläge bei Agrarprodukten bislang in Grenzen. Für das kommende Jahr zeichnen sich aber neue Unwägbarkeiten ab. Mehr...

Wasserhose fegt über den Strand

Zuerst gwundriges Staunen, dann Schreie: Ein Wetterphänomen sorgt in Brasilien für Aufsehen. Mehr...

El Niño ist zurück und könnte noch mehr Ernten ausfallen lassen

Das gefürchtete Wetterphänomen dürfte die Landwirtschaft in Südostasien und Australien schwer treffen. Dies weckt Befürchtungen – zumal die UNO sowieso schon vor einer Lebensmittelkrise warnt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Wettermacher Wie wird der Sommer?

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Glück gehabt: Am Flughafen von Kuala Lumpur wurden 32 kleine Boxen beschlagnahmt, in denen zwei Männer 5225 Rotwangen-Schmuckschildkröten schmuggeln wollten. (26. Juni 2019)
(Bild: Fazry Ismail) Mehr...