Porträt

Ein kometenhafter Aufstieg

Kevin Schawinski erforscht an der ETH die Geheimnisse von Galaxien und schwarzen Löchern. Der Sohn von Medienmann Roger Schawinski gewinnt mit seiner Begeisterung auch Laien für die Wissenschaft.

Profilierter Physiker: Kevin Schawinski.

Profilierter Physiker: Kevin Schawinski. Bild: NASA

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Als Kevin Schawinksi Mathematik und Physik studierte, habe er sich auch eine Karriere in Festkörperphysik vorstellen können, sagt er. Aber so richtig überzeugt tönt er nicht. Glaubhafter ist seine Begründung, wieso er sich der Erforschung des Universums zuwandte: «Die Astrophysik ist im Moment die aufregendste Disziplin. Allein in den vergangenen 15 Jahren ist eine Reihe von Entdeckungen gemacht worden, die das Lehrbuchwissen revolutioniert hat.» Das Alter des Universums ist jetzt bekannt, die dunkle Materie wurde endlich entdeckt, Schritt für Schritt füllen die Astronomen die letzten leeren Seiten in der Schöpfungsgeschichte des Universums.

Für einen begabten Physiker bietet das Fachgebiet die grosse Chance, die Wissenschaft an vorderster Front mitzugestalten. Kevin Schawinski (31), Sohn des berühmten Radiopioniers und Medienmannes Roger Schawinski, hat diese Gelegenheit beim Schopf gepackt. Seit vergangenem Sommer ist er Assistenzprofessor an der ETH Zürich. Das Wirtschaftsfachblatt «Bilanz» hat ihn bereits als einen der Schweizer Newcomer des vergangenen Jahres präsentiert.

Kleines Büro, grosser Horizont

Auf die Frage, ob die Rückkehr nach Zürich auch eine Art Heimkehr sei, zuckt Schawinski junior mit den Schultern. «Zürich ist eine wunderschöne Stadt. Und die ETH ist top», sagt er nur. Als er 9-jährig war, trennten sich seine Eltern und seine Mutter zog mit ihm und seiner zwei Jahre jüngeren Schwester nach Deutschland, wo er die Schulen besuchte. Später studierte er Physik und Mathematik an der Cornell University in den Vereinigten Staaten und doktorierte in Astrophysik an der britischen Oxford University. Sein Weg führte ihn an die amerikanische Eliteuniversität Yale, wo er Einstein-Fellow wurde und sich in die Galaxienforschung vertiefte. Und jetzt, mit erst 31 Jahren, erhielt er die Förderprofessur des Schweizerischen Nationalfonds, die ihm zwar noch keine fixe Stelle garantiert, jedoch die Möglichkeit bietet, sich weiter auf seinem Gebiet zu etablieren.

Derzeit sucht er per Twitter und Facebook seine ersten zwei Doktoranden, die ihn bei seiner Forschung über Galaxien und schwarze Löcher unterstützen sollen. Sein Büro im topmodernen HIT-Bau der ETH Hönggerberg ist klein und schlicht eingerichtet, gerade mal ein Pult, ein Stuhl und ein Büchergestell haben Platz. An der Wand hängt ein einziges Bild, eine fotografische Aufnahme einer Galaxie. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass sie aus den Namen unzähliger Laien-Astronomen gezeichnet ist, die Schawinski bei der Auswertung von wissenschaftlichen Bildern von Galaxien geholfen haben.

Im Hubble-Gesuch-Modus

Eine Galaxie ist ein System aus Hunderten von Milliarden Sternen wie zum Beispiel die Milchstrasse, die Heimatgalaxie unseres Planeten. «Es gibt wohl 100 Milliarden Galaxien im sichtbaren Universum», sagt Schawinski, der die Beziehung von Galaxien und ihren schwarzen Löchern erforscht. Erst seit kurzem weiss man, dass sich im Zentrum jeder Galaxie ein riesiges schwarzes Loch befindet. Es handelt sich nicht um die bekannten kleinen schwarzen Löcher, in denen ein Stern sein kosmisches Grab findet, wenn er an seinem Lebensende zur Supernova explodiert. Die galaktischen supermassiven schwarzen Löcher sind viel grösser und geheimnisvoller. Wie sich diese Himmelsphänomene gebildet haben und was sie bedeuten, ist heute eines der wichtigsten Rätsel der Astronomie. «Die Entstehung der Galaxien und die ihrer schwarzen Löcher nach dem Urknall sind untrennbar miteinander verbunden», sagt Schawinski. «Ich glaube, dass sie der Schlüssel zum Verständnis unseres Universums sind.»

Paradox: Die supermassiven schwarzen Löcher gehören zu den hellsten Objekten am Sternenhimmel. Sie absorbieren zwar jegliche Materie und Energie, doch kurz bevor diese endgültig hineinfällt, wird noch einmal eine grosse Menge Energie frei, die in Form von Licht-Jets wieder in den Weltraum hinausgestossen wird. Die schwarzen Löcher selber lassen sich nur indirekt nachweisen. «Die Physik dahinter ist sehr kompliziert», sagt Schawinski. «Im Prinzip messen wir, wie die schwarzen Löcher die Umlaufbahnen der Sterne in ihrer Umgebung beeinflussen.»

Aus diesem Grund sind Beobachtungszeiten an den Teleskopen so begehrt. «Derzeit bin ich gerade im Hubble-Gesuch-Modus», sagt Schawinski. Er beantragt Beobachtungszeit am Weltraumteleskop Hubble, «denn damit sehen wir tiefer ins Weltall als mit Teleskopen auf der Erde. Aber nur 10 Prozent der beantragten Beobachtungszeit werden üblicherweise bewilligt.»

Flair für Kommunikation

Seit einem halben Jahr arbeitet und lehrt Schawinski nun in Zürich. Aus Amerika bringt er die Begeisterung für die Wissenschaft und ein erfrischend unhierarchisches Denken mit. «Wissenschaft kann jeder machen», sagt Schawinski, «und es ist mein grösstes Anliegen, dass auch viel mehr Schweizer sich an der Forschung beteiligen.»

Das will er mit den unterschiedlichsten Mitteln erreichen: Neben seiner Begeisterungsfähigkeit und seiner Gabe für die Kommunikation ist es sein Projekt Galaxy Zoo. Dabei handelt es sich um eine von ihm entwickelte Wissensplattform, bei der alle mitmachen können und mittels eines einfachen Abfragemodus bei wissenschaftlichen Bildern von Galaxien helfen, deren Form zu erkennen und einzuordnen – als Sternenhaufen, die sich entweder elliptisch, kreisrund, nebelhaft, spiralförmig usw. darstellen. Diese Formen geben einen wichtigen Hinweis auf den Ursprung und die Dynamik der Galaxien. «Die Idee ist uns in einem Pub in Oxford gekommen, nachdem ich nächtelang die Form von Galaxien klassifizierte», erzählt Schawinski. «Aber wir waren nicht die Ersten. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts riefen amerikanische Vogelforscher alle Hobbyornithologen auf, ihre Beobachtungen mitzuteilen.»

Ob die ETH-Stelle für Schawinski nur eine weitere Stufe im kometenhaften Aufstieg des jungen Schweizer Astrophysikers ist, lässt sich noch nicht sagen. Laut Arnold Benz, emeritierter ETH-Professor und so etwas wie der Doyen der Schweizer Astrophysiker, ist sie auf jeden Fall eine Anerkennung der bisherigen Leistungen Kevin Schawinskis. Er sei Erstautor mehrerer hervorragender und viel zitierter Publikationen in wichtigen Fachblättern, darunter auch in «Science» und «Nature». «Die Bekanntheit seines Vaters hat hier mit Sicherheit keine Rolle gespielt», sagt Benz. «Aber er bringt ein Kommunikationstalent mit, das wichtig für das Institut ist.»

Kevin Schawinski scheut sich in der Tat nicht vor Auftritten in der Öffentlichkeit, bereits hat er auch in Zürich Vorträge und Talks gehalten. «Kommunikation ist unglaublich wichtig in der Wissenschaft», sagt er. Denn eine Entdeckung oder Erkenntnis, die man nicht erklären könne, existiere gar nicht. «In der Astronomie sind wir aber in der glücklichen Lage, dass wir immer wieder sehr schöne Bilder haben, welche die Menschen direkt ansprechen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2013, 12:11 Uhr

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