Eine Rauchdecke, so gross wie Russland

Die Erderwärmung löst die verheerenden Buschbrände in Australien nicht aus, sie erhöht aber deren Risiko. 

Apokalyptisch: Riesige Rauchfahnen türmen sich hinter dem Conjola-See an der Ostküste Australiens auf. Sie enthalten einen Cocktail von Luftschadstoffen. Foto: AP, Keystone

Apokalyptisch: Riesige Rauchfahnen türmen sich hinter dem Conjola-See an der Ostküste Australiens auf. Sie enthalten einen Cocktail von Luftschadstoffen. Foto: AP, Keystone

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Die Buschbrände im Südosten von Australien wüten seit September des vergangenen Jahres. Nun sind die Folgen der Katastrophe auch Tausende Kilometer entfernt, jenseits des Südpazifiks, messbar. Rauch hat sich bis nach Argentinien und Chile ausgebreitet, wie die Weltorganisation für Meteorologie WMO meldet. Gletscher in Neuseeland sind braun gefärbt. Klimaforscher befürchten, dass das Eis stärker schmilzt, weil die Sonnenstrahlen weniger reflektiert werden.

Manche grossen Städte im Bundesstaat New South Wales leiden unter einer bedenklichen Luftqualität. Sogar in Neuseeland würden sich viele Menschen nicht mehr im Freien aufhalten, heisst es in einer Mitteilung von Copernicus, dem europäischen Beobachtungsprogramm für die Atmosphäre. Die Forscher werten dabei Daten von Satelliten und Computermodellen aus, um die tägliche Ausbreitung der Rauchwolken zu verfolgen. 20 Millionen Quadratkilometer weit hat sich der Rauch inzwischen ausgebreitet. Er könnte ganz Russland zudecken.

Atemnot bei Kindern

Die gigantischen Rauchfahnen enthalten einen Cocktail an Luftschadstoffen, die das Atmungssystem schwer belasten: Russpartikel, Stickoxide, Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe. Auskunft über deren Ausbreitung geben unter anderem Daten von Satelliten und Computermodelle, die Copernicus täglich auswertet.

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Wie gross die gesundheitliche Belastung für die Menschen ist, darüber gibt es bislang keine detaillierten Informationen. Sie muss aber beträchtlich sein, nimmt man eine neue Studie im Fachmagazin «Annals of American Thoracic Society» über einen Waldbrand in Kalifornien zum Massstab. Ein verhältnismässig kleiner Waldbrand 2017 in San Diego County – gut 40 Quadratkilometer – hatte Folgen vor ­allem für die Kinder in diesem Bezirk. Während der zehntägigen Feuerperiode Anfang Dezember verzeichnete die Notaufnahme des Rady Children’s Hospital in San Diego im langjährigen Vergleich täglich durchschnittlich 16 Fälle mehr mit Atmungsproblemen, Husten und Asthma. «Wir führten diese Studie durch, weil Waldbrände in Kalifornien allmählich nicht mehr aussergewöhnlich sind», sagt Mitautor Sydney Leibel. Die Forscher untersuchten zudem die Luftqualität während der Feuerphase. Sie analysierten die Feinpartikel in der Luft, die kleiner als 2,5Mikrometer sind, also ein Bruchteil eines Millimeters. Die Konzentration war fünfmal höher als der langjährige Durchschnitt.


Video: Buschbrände lösen Gewitterstürme aus

Die Rauchwolken der Buschbrände in Australien haben Chile und Argentinien über den Pazifischen Ozean hinweg erreicht. Im Video wird zudem erklärt, wie die Brände Gewitter auslösen. Video: AP, Storyful


Welche Auswirkungen die verheerenden Buschbrände in Australien auf die Bevölkerung haben werden, kann man sich vorstellen. Es sind enorme Mengen an giftigen Gasen, die frei werden. Sie erreichen gemäss dem australischen Wetterdienst Höhen von bis zu 16 Kilometer, wo sie dann mit den planetaren Höhenwinden weitergetragen werden. Copernicus beobachtete über dem sonst «sauberen» Südpazifik die weltweit höchsten Werte für Kohlenmonoxid.

Enormer CO2-Ausstoss

Rauch in grossen Höhen hat aber noch einen anderen Effekt: Die Rauchfahne kühlt sich mit der Höhe ab, und der Wasserdampf in der Luft kondensiert an den Russteilchen zu einer Gewitterwolke – vergleichbar mit den Wolkentürmen an heissen Sommertagen in unseren Breiten. Dieses Phänomen macht die Feuerbekämpfung in Australien noch schwieriger, weil Blitze aus den Gewitterwolken neue Buschbrände entfachen können und Abwinde das Feuer verbreiten.

Fachleute gehen davon aus, dass die Feuer noch Monate brennen werden. Sie haben bisher etwa 400 Millionen Tonnen CO2 in die Atmosphäre ausgestossen. Das ist zwölfmal so viel, wie die Schweiz jährlich durch die Verbrennung von Treib- und Brennstoffen produziert.

Erstellt: 08.01.2020, 19:32 Uhr

Hitze, Dürre, Buschbrände – so hängen sie zusammen

Die Erderwärmung löst die verheerenden Buschbrände nicht aus, erhöht aber deren Risiko.

Wie hängen Klimawandel und Buschbrände zusammen?
In den letzten 100 Jahren hat sich das Klima in Australien um rund ein Grad erwärmt. Seit 1990 ging der Niederschlag im Südosten Australiens, wo jetzt die Brände wüten, in den Monaten April bis Oktober um elf Prozent zurück. Direkt auslösen kann dieser Klimawandel oder eine davon verursachte Rekordhitze die Buschbrände natürlich nicht. Dafür braucht es immer einen Funken – etwa durch absichtlich oder unabsichtlich gelegte Feuer oder durch Blitzschläge. Dennoch erhöht sich in einem wärmeren Klima das Risiko für Buschbrände. Denn bei höheren Temperaturen steigt die Verdunstung. Folglich geht die Bodenfeuchtigkeit schneller verloren, die Vegetation trocknet rascher aus. Zudem verändert der Klimawandel die Verteilung der Niederschläge. In der Regel werden die ohnehin schon trockenen Regionen noch trockener. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass sich die Buschbrand-Saison in Australien daher verlängert und intensiviert hat, so auch der Bericht «State of the Climate 2018», den die australische Regierung herausgegeben hat. Besonders im Süden und Südosten von Australien steigt demnach das Risiko für Buschbrände.

Kommen die Buschbrände in Australien überraschend?
Die natürliche Klimavariabilität hat schon immer dafür gesorgt, dass es mal trockenere, mal feuchtere Jahre mit entsprechend höherer respektive geringerer Feueraktivität gab. Das Jahr 2019 war in grossen Teilen Australiens aussergewöhnlich warm und trocken, gemäss «Australian Seasonal Bushfire Outlook» die Grundlage für eine «lange und herausfordernde Feuersaison» 2019/2020. Eine Ursache für die aktuelle Trockenheit war eine starke Anomalie der Meeresoberflächentemperatur im Indischen Ozean, der «Indische-Ozean-Dipol». Die Folgen des Klimawandels addieren sich zu diesen natürlichen Schwankungen. Simulationen haben aber schon vor mehr als zehn Jahren gezeigt, dass insbesondere der Südosten Australiens durch die Erderwärmung noch trockener und damit anfälliger für Buschbrände wird.

Ist die Hitze der wichtigste Faktor für Buschbrände?
Nein. In der Regel ist die Windgeschwindigkeit der primäre meteorologische Faktor, der ein Feuer antreibt. Dennoch deuten Studien an, dass die Temperatur eine wichtige Variable ist: Sie bestimmt massgeblich die gesamte jährliche Brandaktivität. Je wärmer es ist, desto häufiger brennt der Busch. Wichtig ist auch das Waldmanagement. Durch das Ausräumen von Totholz und durch gezielt gelegte Brände ausserhalb der eigentlichen Brandsaison lässt sich Brandmaterial vorab entfernen und das Risiko für gefährliche Buschbrände reduzieren.

Was geschieht, wenn die Erdtemperatur weiter ansteigt?
Klimamodelle sagen für Australien einen weiteren Temperaturanstieg voraus. Das hat gemäss dem Bericht «State of the Climate 2018» mehr Starkregen zur Folge, allerdings sind diese auf kurze Zeitabschnitte konzentriert. Insbesondere in der kühleren Jahreszeit regnet es insgesamt weniger, Trockenperioden werden länger. Insgesamt führt das zu einer weiter erhöhten ­Anzahl Tage mit hoher Gefahr für Buschbrände und zu einer verlängerten Feuersaison im süd­lichen und östlichen Australien.

Wie wird das Brandrisiko gemessen?
Das «Feuerwetter» wird in Australien mit dem Forest Fire Danger Index (FFDI) angegeben. Dieser Index schätzt das Feuerrisiko für einen Tag auf Basis von Temperatur, Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und dem Zustand des Brandmaterials im Wald ab. Der Zustand des Brandmaterials wird mithilfe eines Trockenheitsfaktors bestimmt, der vom täglichen Niederschlag abhängt und von der Zeit seit dem letzten Regen. Aus dem FFDI wird das vereinfachte Fire Danger Rating (FDR) abgeleitet, das die Brandgefahr in fünf Kategorien zusammenfasst, ähnlich wie beim Lawinenbulletin. Die Anzahl Tage mit extremer Brandgefahr haben in den letzten Jahrzehnten gemäss dem Bericht «State of the Climate 2018» speziell im Süden und Osten Australiens zugenommen.

Joachim Laukenmann

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