Eine Seilschlaufe hätte sie gerettet

Am Rottalsattel kamen vier Bergsteiger ums Leben. Nicht nur der Sulzschnee wurde ihnen zum Verhängnis.

Die Unglücke geschahen am Rottalsattel zwischen Rottalhorn (l.) und Jungfrau. (TA-Grafik mt)

Die Unglücke geschahen am Rottalsattel zwischen Rottalhorn (l.) und Jungfrau. (TA-Grafik mt)

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Kaum war der Helikopter gelandet, sprangen seine Rotoren gleich wieder an: Das Air-Glacier-Rettungsteam hatte am frühen Dienstagmorgen die Leichen dreier Bergsteiger geborgen. Sie waren am Montag auf dem Weg zurück zur Mönchsjochhütte, als beim Abstieg von der Jungfrau zum Rottalsattel das Unglück passierte: In Seilschaft stürzten sie mehrere Hundert Meter in ein Couloir. Nur ein paar Stunden nach der Bergung ging schon der nächste Notruf ein: Von der Rottalhütte kommend, verunglückte ein junger Mann, ebenfalls am Rottalsattel. Er stürzte über 200 Meter in den Tod.

Ungesichert, unerfahren

Bei dem jungen Mann handelt es sich um einen 19-jährigen Belgier, wie die Kantonspolizei Bern gestern bestätigte. Er war mit einem Freund unterwegs, welcher später die Rettungskräfte alarmierte. Beide Männer waren ungesichert. Gemäss zuverlässiger Quelle deutet die mitgeführte Ausrüstung darauf hin, dass keiner der beiden über ausreichende Bergerfahrung verfügte. Von der Dreierseilschaft kann dies hingegen nicht behauptet werden: Dem Vernehmen nach handelt es sich um einen Mann und zwei Frauen aus Frankreich; alle waren Mitglieder eines Alpenclubs und verfügten über geeignete Ausrüstung.

Die Absturzstellen befinden sich in der Nähe des Ortes, an dem 2007 sechs Gebirgsrekruten in den Tod stürzten: Die Normalroute gilt als mittelschwere Hochtour, die bei schlechten Verhältnissen heikel bis gefährlich werden kann. Schlüsselstelle ist die Traversierung des steilen Firnhanges beim Rottalsattel. Bei den Rekruten war damals vor dem Unfall viel Schnee gefallen. Das Wetter der letzten Tage war allerdings überaus freundlich.

Ein blosser Fehltritt

«Das Terrain ist kein Tennisplatz – es ist stotzig und exponiert», sagt René Feuz. Er war als Einsatzleiter der Rettungsstation Lauterbrunnen als Erster vor Ort. Sicher sei aber, so Feuz, dass ein blosser Fehltritt für einen Sturz nicht ausreiche. «Wer sich auf hochalpinem Gelände bewegt, der weiss normalerweise um dessen Tücken.» Und tückisch war in den vergangenen Tagen vor allem der Schnee: Die Nullgradgrenze lag auf gut 4600 Metern, darunter verwandelte die Sonne den Schnee in einen gefährlichen Untergrund. «Er wird sulzig und rutschig», sagt Urs Schäfer, Rettungschef in Lauterbrunnen. «Für Bergführer gilt gerade bei solchen Verhältnissen: frühmorgens los und am Mittag zurück.» Die Gefahr sei nicht gut sichtbar und werde oft unterschätzt. «Die meisten Unfälle ereignen sich bei ungeführten Privattouren, meist um die Mittagszeit.» Diesen Befund stützt auch die Bergnotfallstatistik des SAC: In den letzten Jahren machten Unfälle bei «Privaten Touren» oder im «Alleingang» weit über 80 Prozent aus.

Allerdings: Gerade für ungeübte Bergsteiger oder bei ungünstiger Witterung sind auf der besagten Route zahlreiche Sicherungsstangen im Fels verankert. «Eine Schlinge darum genügt, und der Fall beträgt statt mehrerer Hundert bloss wenige Meter», so Schäfer. Wer fällt, hängt an der Stange und kann sich idealerweise wieder in Position bringen.

Das fatale lange Seil

Keiner der Verunfallten hat allerdings die Stangen benutzt. Das ist nicht grundsätzlich gefährlich: «Bei gutem Wetter und festem Schnee lässt sich die Passage auch mit einem kurzen Seil bewältigen», sagt René Feuz. «Das gilt auch für sachverständige Laien.» Fest war der Untergrund an den beiden Unfalltagen jedoch nicht. Und bei der Sicherung ist wohl überhaupt viel schiefgegangen. Der Belgier führte erst gar kein Seil mit, die Dreierseilschaft beging dagegen womöglich einen fatalen Fehler: Sie ging am langen Seil. «Wer am langen Seil geht, hat grösseren Abstand zu seinen Kollegen», sagt Schäfer. «Wenn einer stürzt, bemerken das die anderen zunächst vielleicht nicht – und wenn, dann meist zu spät.» Das Seil, meist über zehn Meter lang, verwandle sich dann in ein tödliches Pendel, welches die ganze Seilschaft mitreissen könne. Dies geschah vermutlich auch bei der Dreiergruppe.

Erstellt: 09.07.2015, 11:05 Uhr

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