Emissionsziele erreicht – allerdings nur dank ausländischer Hilfe

Die Schweiz habe die Auflagen des Kyoto-Protokolls erfüllt, brüstet sich der Bund. Kritiker indes sprechen von einer «geschönten Bilanz».

Sorgenkind Verkehr: Der C02-Ausstoss nahm in diesem Sektor um 13 Prozent zu.  Foto: Keystone

Sorgenkind Verkehr: Der C02-Ausstoss nahm in diesem Sektor um 13 Prozent zu. Foto: Keystone

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Alle Pfeile zeigen nach oben. Die Bevölkerung wächst, die Zahl der Fahrzeuge und das Bruttosozialprodukt ebenso. Gleichwohl ist es der Schweiz gelungen, ihren rein rechnerischen Ausstoss an Treibhausgasen zwischen 2008 und 2012 gegenüber 1990 um 9 Prozent zu senken. Sie hat damit das im Kyoto-Protokoll ­festgelegte Ziel von 8 Prozent übertroffen. Mit dieser Botschaft hat gestern das Bundesamt für Umwelt (Bafu) aufgewartet. Die Schweiz beweise, dass Wachstum und Klimaschutz miteinander vereinbar seien, sagte Direktor Bruno Oberle. Als Indikator dafür sieht das Bafu die Treibhausgasemissionen pro Einwohner: Diese sind seit 1990 von 7,8 auf 6,4 Tonnen gesunken. Zur Einordnung: In einer 2000-Watt-Gesellschaft, wie sie zum Beispiel die Stadt Zürich anstrebt, darf der Ausstoss nur 1 Tonne pro Kopf betragen.

Ein weniger positives Fazit ziehen die Umweltverbände. «Nur dank arg geschönter Bilanz erreicht die Schweiz die Kyoto-Klimaziele ganz knapp», sagt Patrick Hofstetter, Klimaexperte beim WWF. Statt deutlich zu sinken, seien die Treibhausgasemissionen von 2008 bis 2012 praktisch konstant geblieben. In der Tat haben sie seit 1990 von 52,8 Millionen Tonnen nur um 0,5 Millionen abgenommen. Dass der Schweiz die Reduktion von 9 Prozent rein rechnerisch gleichwohl gelungen ist, verdankt sie den ergänzenden Instrumenten des Kyoto-Protokolls, die sie nutzen darf. So konnte sie ihre Klimabilanz dank des Erwerbs von C02-Zertifikaten im Ausland und der C02-Senkenwirkung der Schweizer Wälder um 4,1 Millionen Tonnen aufbessern.

Das Bafu verhehlt diese Tatsache nicht. Das Amt verweist aber lieber auf die Wirkung der Reduktionsmassnahmen im Inland, zu denen etwa die C02-Abgabe, das Gebäudeprogramm und die C02-Emissionsvorschriften für Autos zählen. Ohne diese, argumentiert das Bafu, wären die Emissionen um 4,5 Millionen Tonnen auf fast 57 gestiegen.

Verkehr als ungelöstes Problem

Sorgenkind bleibt der Verkehr, dessen Ausstoss um 13 Prozent zunahm. Als Grund orten Experten den Umstand, dass der Bund keine C02-Abgabe auf Treibstoffe eingeführt hat – anders als bei den Brennstoffen, deren verursachte Emissionen prompt rückläufig sind.

In einem nächsten Schritt muss die Schweiz die Emissionen bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 absenken. So sieht es die zweite Verpflichtungs­periode unter dem Kyoto-Protokoll vor. Dieser Wert steht auch im C02-Gesetz und muss nach dem Willen des Parlaments durch inländische Reduktionsmassnahmen erreicht werden. Das Bafu spricht von einem ambitionierten Ziel und erwartet, dass sich die anderen Staaten «ebenfalls engagieren». Dies tun sie – teils gar deutlich mehr als die Schweiz, wie WWF-Experte Hofstetter betont. Schweden und Dänemark etwa streben bis 2020 eine 40-Prozent-Reduktion an.

Laut Hofstetter ist nur eine Verminderung in dieser Grössenklasse mit dem offiziellen Ziel von maximal 2 Grad globaler Erwärmung kompatibel. Die Schweiz, resümiert der Experte, befinde sich auf einem klimapolitischen Blindflug. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2014, 02:33 Uhr

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