«Es fehlt der Nachwuchs»

Thomas Kiebachers Leidenschaft sind Moose. Eben hat er eine neue Art entdeckt. Er beklagt, es gebe im Umweltschutz zu wenig junge Leute mit Artenkenntnissen.

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Thomas Kiebacher ist schwierig zu erreichen. Der Botaniker an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf ist irgendwo in den italienischen Dolomiten unterwegs – auf der Suche nach einem speziellen Moos. Der Südtiroler hört den Ausdruck zwar nicht gerne, doch die saloppe Bezeichnung «Moosjäger» passt zu ihm: Seit zehn Jahren widmet er sich der Erforschung dieser Pflanzen. Vor wenigen Wochen berichtete er zusammen mit seinem Kollegen Michael Lüth von einer neuen Moosart, die sie entdeckt haben. Sie nennen sie Orthotrichum dentatum, das Gezähnte Goldhaarmoos.

Sie sind ein Glückspilz. Nur wenige Botaniker können sich rühmen, eine neue Moosart entdeckt zu haben.
Ich habe es auch lange nicht geglaubt. Ich freute mich wie ein kleines Kind, als unser Bericht mit der neuen Art publiziert wurde.

Was verunsicherte Sie?
Es ist doch verwunderlich, dass die neue Art nie entdeckt wurde. Sie ist nämlich gar nicht so selten. Die Gattung der Goldhaarmoose war bis vor etwa 25 Jahren schlecht untersucht. Gesammelt wurde sie zwar immer wieder, aber oft wurde das Material falsch bestimmt.

Aber grundsätzlich gelten Moose im Alpenraum als gut erforscht.
Das stimmt. Von etwa 1750 bis 1950 hat man sehr viele Arten beschrieben. Die damalige Zeit war generell die Hochblüte der beschreibenden Naturwissenschaften. Geholfen hat auch der aufkommende Tourismus in den Alpen. Viele Leute begannen, sich mit Pflanzen zu beschäftigen.

Sie haben die neue Moosart in Südtirol gefunden ...
... an einem Walnussbaum. Und zwei Wochen später fand mein Kollege Michael Lüth ein weiteres Exemplar im Tessin.

Und Sie wussten sofort, dass es sich um eine neue Art handelt.
Nicht direkt, aber mir war sofort klar, dass es keine aus dem Gebiet bekannte Art ist. Erst die Abklärung aller weltweit vorkommenden Arten der Gattung brachte Gewissheit. Ich habe mich über Jahre mit dieser Artengruppe beschäftigt. Bis vor wenigen Jahren waren aus der Schweiz 24 Goldhaarmoos-Arten bekannt, jetzt kennen wir 28. Weltweit gibt es ungefähr 170 Arten.

Sie sind also eine Art Freak?
Wenn Sie so wollen. Ich habe Freude am Artenreichtum, und es ist mein Ziel, die oft sehr spezielle Ökologie der verschiedenen Moosarten besser zu verstehen. Ich schätze die enorme Formenvielfalt dieser Pflanzen, ihre Schönheit und speziellen Lebensräume.

Sind Forscher wie Sie nicht allmählich am Aussterben?
Das ist übertrieben. Zumal es nicht an Arbeit fehlt und Leute mit guter Artenkenntnis gesucht sind. Aber für taxonomische Grundlagenforschung auf Art­niveau stehen kaum Mittel zur Verfügung, und es gibt entsprechend wenig Nachwuchs.

Aber die Erforschung der Biodiversität ist doch hoch im Kurs.
Geld gibt es, um die Zusammenhänge in der Biodiversität zu erforschen und Ökosysteme zu schützen. Wer jedoch eine Artengruppe besser untersuchen will, wird praktisch nicht unterstützt. Das ist absurd. Man untersucht, welche Faktoren die Artenvielfalt beeinflussen, aber die Arten, die man als Messgrösse verwenden will, sind oft nur unzureichend beschrieben. Oft ist in Biodiversitätsstudien schon gar nicht mehr von Arten, sondern nur mehr von Formentypen die Rede. Das ist bedenklich, weil einerseits die Variabilität einer Art extrem hoch sein kann und andererseits verschiedene Arten oft sehr ähnlich aussehen.

Es werden also die Hausaufgaben nicht gemacht?
Ja. Man darf dann auch nicht klagen, wenn Studenten kein Interesse mehr an Botanik zeigen. Bei meinem Studium an der Universität Innsbruck studierten 6 von etwa 100 Biologie-Studierenden Botanik.

Diese Leute fehlen dann auch für Monitoring-Aufgaben im Umweltschutz?
Genau. Um den Erfolg von Massnahmen im Umweltschutz zu prüfen, braucht es entsprechende Fachleute mit guter Artenkenntnis.

Sie sind für die Universität Zürich, Ihren neuen Arbeitgeber, ein Glücksfall.
Meine Erfahrung kommt mir für meine Arbeit an der Erneuerung der Roten Liste der Moose am Datenzentrum Moose Schweiz zugute. Die letzte Rote Liste stammt aus dem Jahr 2004. Inzwischen hat sich die Datenlage deutlich verbessert, und der Gefährdungsgrad vieler Arten muss neu beurteilt werden. Das Bundesamt für Umwelt hat nun dem Datenzentrum das Geld für die Erneuerung der Roten Liste gesprochen.

Wie schätzen Sie die Situation heute ein?
Im Mittelland sind viele Moosarten bedroht, weil deren Lebensraum zerstört wurde, und für alpine Arten muss der Wissensstand verbessert werden. Dank Massnahmen der Lufthygiene kommen viele Arten auch wieder zurück.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2017, 18:13 Uhr

Thomas Kiebacher


Der Botaniker und Ökologe promovierte an der Forschungsanstalt WSL in Birmensdorf und arbeitet nun an der Universität Zürich an einer neuen Roten Liste für Moose.

Artenreiche Moose

Über 1000 in der Schweiz

Die neue Moosart Orthotrichum dentatum, Gezähntes Goldhaarmoos, fällt durch feine Härchen auf der Kapselhaube und gezähnte Blattspitzen auf. Diese beiden Merkmale spielen eine Rolle, um sie von anderen Arten der Gattung Orthotrichum zu unterscheiden. Die Neuentdeckung ist eine äusserst kleine Art, kaum grösser als wenige Millimeter. Sie wächst bevorzugt auf nährstoffreicher Rinde von Laubbäumen wie Linden und Walnuss und schätzt Orte in Bergregionen zwischen 500 und 1400 Meter. «Bisher ist die neue Art nur aus der Schweiz und Italien bekannt, möglicherweise kommt sie aber auch in anderen Alpenländern vor», sagt Botaniker Thomas Kiebacher.

In der Schweiz gibt es etwa 1100 Moosarten, weltweit werden 15'000 bis 20'000 Arten geschätzt. Moose haben global eine grosse klimatische Bedeutung als Speicher von Kohlendioxid (CO2) in Form von Kohlenstoff. Die Torfmoose bauen in Moorgebieten gigantische Torfschichten auf. Sie bedecken zwar nur 3 Prozent der Erdoberfläche, binden aber ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffs. Wo Moore zerstört werden, etwa durch Entwässerung, gehen diese Speicher verloren. Zudem dringt anstelle von Wasser Sauerstoff in die Poren. Das fördert mikrobiologische Prozesse, bei denen CO2 freigesetzt wird. (lae)

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