«Es ist purer Zufall, dass man sie entdeckt hat»

Forscher haben zum ersten Mal überhaupt hybride Haie entdeckt. Die neue Art hat einen grösseren Lebensraum als ihre Eltern. Macht sie das stärker im Kampf gegen die Klimaerwärmung?

Wirft Fragen auf: Ein hybrider Schwarzspitzenhai wird von den Forschern ins Boot gezogen.

Wirft Fragen auf: Ein hybrider Schwarzspitzenhai wird von den Forschern ins Boot gezogen. Bild: AFP PHOTO / Pascal Geraghty / NSWDPI

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich waren sie zu einer Routineuntersuchung aufgebrochen, um bei Haien eine populationsgenetische Analyse durchzuführen. Doch dann ging den Forschern von zwei australischen Universitäten etwas ins Netz, das sie nicht erwartet hatten: eine neue Art. Eine Kreuzung zwischen dem Australischen Schwarzspitzenhai (Carcharhinus tilstoni) und seinem weltweit verbreiteten Artgenossen, dem gewöhnlichen Schwarzspitzenhai (C. limbatus).

Die Habitate der beiden Arten überlappen sich entlang der australischen Nord- und Ostküste. An fünf Orten in einem 2000-Kilometer-Gebiet fanden die Forscher 57 Exemplare, die gemischtes Erbgut aufwiesen – in der Wissenschaft nennt man dies Hybridisierung. Das klassische Beispiel für einen Hybriden ist das Maultier, eine Mischung aus Pferd und Esel.

«Purer Zufall»

Der Fund ist für die Wissenschaft eine kleine Sensation – obwohl die Kreuzung zweier Arten ein ganz normaler Prozess in der Natur ist. «Das ist schon purer Zufall, dass man sie entdeckt hat», sagt Tony Wilson, Evolutionsbiologe am Institute of Evolutionary Biology and Environmental Studies der Universität Zürich. «Hybridisierung ist ziemlich häufig, aber bisher hat man noch nie Hybriden in freier Wildbahn bei einer populationsgenetischen Analyse gefunden.» Es war das erste Mal überhaupt, dass Hai-Hybriden entdeckt wurden.

Nach der Entdeckung zogen die Forscher ihre Schlüsse. Einer davon: Haie können sich offenbar durch neue Formen der Paarung an den Klimawandel anpassen.

Der Australische Schwarzspitzenhai ist kleiner als sein auch in anderen Weltgegenden vorkommender gleichnamiger Verwandter und nur in tropischen Gewässern überlebensfähig. Seine hybriden Nachkommen wurden dagegen 2000 Kilometer weiter südlich in wesentlich kälteren Gewässern angetroffen. Rasch verbreitete sich die Nachricht, die Kreuzung sei offenbar eine Methode, den natürlichen Lebensraum auszuweiten.

Ähnliches in Europa

Für den Australischen Schwarzspitzenhai treffe dies zu, sagt Tony Wilson. Teile seines Erbguts würden so in neue Gebiete getragen. Wilson präzisiert: «Der Klimawandel ist nicht die Ursache dafür, dass sich die Arten gepaart haben. Aber es kann gut sein, dass die neue Art durch ihren grösseren Lebensraum einen Vorteil hat, wenn sich die Temperaturen erhöhen.»

Der Vorgang lasse sich auch in Europa beobachten: «Über die letzten 20 Jahre hat mehr als die Hälfte der europäischen Fischbestände ihr Verbreitungsgebiet vergrössert – und zwar nach Norden in kühlere Gewässer.»

Flucht vor den Fischern?

Eine weitere Bedrohung für den Australischen Schwarzspitzenhai, der auf der roten Liste gefährdeter Arten steht, ist die Fischerei. Auch hier besteht die Möglichkeit, dass eine grössere Verbreitung einen Teil des Erbguts vor der Ausrottung schützt. Die australischen Forscher wollen diese These – so wie jene zum Klimawandel – in einer Anschlussstudie prüfen.

Die Paarung habe Auswirkungen auf die gesamte Welt der Haie, sagte Jess Morgan von der Universität Queensland der Agentur AFP. «Das ist Evolution in Aktion.» Ersten Ergebnissen der Studie zufolge sind die hybriden Haie relativ robust und in der Lage, sich zu reproduzieren, ergänzte Colin Simpfendorfer von der am Forschungsprojekt beteiligten James-Cook-Universität. Die Frage der Fortpflanzungsfähigkeit sei noch nicht geklärt, schränkt Wilson ein.

Sollten sich die Hybriden im Vergleich zu ihren Eltern als stärker erweisen, könnten sie sich laut Simpfendorfer nach und nach durchsetzen. Schon jetzt machten sie an einigen Stellen vor der australischen Küste bis zu ein Fünftel der Schwarzspitzenhai-Population aus, sagte Jess Morgan. (ami/AFP)

Erstellt: 06.01.2012, 12:02 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich mache Biologie zu einer Computer-Wissenschaft»

Interview Henry Markram will das menschliche Gehirn im Computer nachbauen. Ist das Projekt grössenwahnsinnig oder visionär? Mehr...

Das erste künstliche Leben

US-Forscher haben erstmals ein Bakterium mit einem komplett im Labor nachgebauten Erbgut hergestellt. In der Biologie ist eine neue Ära angebrochen. Mehr...

«Wichtiges Problem der Biologie gelöst»

Die Medizin-Nobelpreisträger Elizabeth Blackburn, Carol Greider und Jack Szostak haben herausgefunden, wie Zellen altern - und mit welchen Werkzeugen die Zelle diese Alterung steuert. Mehr...

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...