«Es kann genauso gut sein, dass der Wolf gerade ein Reh gerissen hat»

In Graubünden lebt eine Wolfsfamilie – dies vermutet ein Jäger. Er hat im Mai ein Tier fotografiert, das wie ein Weibchen uriniert und einen auffällig dicken Bauch hat. Das wäre eine Sensation, sagt eine Expertin.

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Am Calanda leben seit bald zwei Jahren zwei Wölfe. Nun deutet ein Bild darauf hin, dass seit kurzem nicht mehr bloss zwei, sondern bis zu acht Wölfe im Kanton Graubünden herumstreunen. Ein Jäger aus Malans hat im Mai dieses Jahres eines der beiden Tiere vor die Linse bekommen und abgedrückt. Das Bild, das in der Zeitung «Südostschweiz» veröffentlicht wurde, zeigt eines der Raubtiere in weiblicher Pinkelposition und einem auffällig dicken Bauch.

Ginge der Jäger recht in seiner Annahme, wäre das laut Christine Steiner, Präsidentin vom Verein CHWolf «eine Sensation». Das Bild alleine sei jedoch kein Beweis, fügt sie an. «Es kann genauso gut sein, dass der Wolf auf dem Bild gerade erst ein Reh gerissen und zehn Kilogramm Fleisch im Magen hat.»

Trügerische Pinkelposition

Genauso ungeklärt wie die Frage, ob das Tier auf dem Bild trächtig ist, ist auch, ob es sich dabei um ein Männchen oder ein Weibchen handelt. Denn bei einem der Bündner Wölfe fehlt der definitive Nachweis des Geschlechts. «Man hat bei beiden Tieren DNA-Tests durchgeführt, und beide genetisch als Wölfe identifiziert», erklärt Steiner. Jedoch habe man nur bei einem Tier genügend Proben gesammelt, um auch das Geschlecht festzulegen.

Die Hocke-Position des Wolfs auf dem Bild lässt darauf schliessen, dass es sich um ein Weibchen handelt. Aber auch hier ist Vorsicht geboten: «Auch Wolf-Männchen urinieren manchmal auf diese Weise», erklärt sie.

Fortpflanzungsfrage gelöst

Ist auf dem Foto wirklich eine trächtige Wölfin zu sehen, wäre eine schon lange offene Frage unter Schweizer Forschern gelöst: Wieso haben sich die Wölfe in der Schweiz noch nicht vermehrt, während sie sich in anderen Ländern rasch fortgepflanzt haben?

Danielle Gugolz, Projektleiterin Grossraubtiere bei WWF, nannte Zufall einen der möglichen Gründe dafür: «Vielleicht sind Männchen und Weibchen bisher einfach nicht aufeinander getroffen», sagte sie in einem Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

63 bis 65 Tage

Genau diese Pechsträhne könnte nun zu Ende sein. Würde das Bild zeigen, was der Jäger vermutet, würden im Kanton Graubünden bereits junge Wölfe herumtollen. «Im Normalfall paaren sich Wölfe im Februar», erklärt Steiner. Ginge man von einer regulären Tragzeit von 63 bis 65 Tagen aus, wären die Jungtiere im Mai auf die Welt gekommen. Drei bis vier Wochen später hätten sie schliesslich das Erdloch verlassen.

Also: Wer in nächster Zeit am Calanda wandern geht, muss die Augen offen halten. Vielleicht spaziert dort auch eine Wolfsfamilie umher.

Erstellt: 08.08.2012, 21:15 Uhr

Bereits vor mehreren Wochen könnten die Jungtiere aus dem Erdloch am Calanda gekrochen sein: Ein junger Wolf im Zoo Zürich. (Bild: Keystone )

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