Interview

«Es wäre einer der grössten Felsstürze seit Jahrzehnten»

Das Tessiner Dorf Preonzo wird akut von einem Bergsturz bedroht. Gemäss dem Physiker Lorenz Meier, der die Lage vor Ort beobachtet, handelt es sich um «ein ausserordentliches Ereignis».

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Das Tessiner Dorf Preonzo wird durch einen gigantischen Felssturz bedroht. Wie ernst ist die Lage?
In der letzten Nacht und heute bewegte sich der Fels bis zu vier Zentimeter pro Stunde, was relativ viel ist. Wir unterstützen den Kantonsgeologen, der hier federführend ist, mit unseren Messungen.

Müssen wir damit rechnen, dass der Fels demnächst herunterstürzt?
Das ist jeweils sehr schwer vorauszusagen. Der Kanton beobachtet die Entwicklung mit eigenen Messungen und mit unseren Daten laufend. Mit mathematisch-geologischen Methoden versuchen wir eine Voraussage zu machen. Es deutet zurzeit vieles darauf hin, dass es heute Nacht oder morgen zum Felssturz kommt. Diese Aussage ist jedoch mit grosser Unsicherheit behaftet. Eine Prognose in diesem Bereich ist immer auch ein bisschen wie Kaffeesatzlesen. Der Berg ist komplizierter als Modelle.

Welches Ausmass hätte ein Felssturz? Kommt es zur Katastrophe?
Wir rechnen mit 100'000 bis 200'000, maximal 600'000 Kubikmeter, die ins Tal stürzen.

Was bedeutet dies im Vergleich mit dem Bergsturz von Randa im Jahr 1991, als das Geröll über 30 Gebäude unter sich begrub?
Der Bergsturz von Randa hatte eine wesentlich grössere Dimension. Damals lösten sich über 30 Millionen Kubikmeter vom Berg. Ein solches Szenario ist für Preonzo nicht zu erwarten. Dennoch wäre es einer der grössten Felsstürze in den letzten Jahrzehnten. Es handelt sich um ein ausserordentliches Ereignis.

Wäre das gesamte Dorf Preonzo durch den Bergsturz bedroht?
Nur Teile des Dorfes. Konkret handelt es sich um ein Industriegebiet mit 60 bis 70 Beschäftigten, die inzwischen alle evakuiert wurden. Ebenfalls betroffen ist die Kantonsstrasse, die gesperrt ist.

Gibt es noch zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen?
Über dem Industriegebiet wurde ein Erddamm errichtet, der einen Teil des Gerölls abfangen sollte. Beim Maximalvolumen wäre er aber vermutlich zu klein.

Wodurch wurden die Felsbewegungen in Preonzo überhaupt ausgelöst?
Das Gebiet ist schon lange in Bewegung. Den grössten Einfluss hatte sicherlich das Wasser. Der verstärkte Niederschlag vor zwei Wochen fülle die Klüfte im Fels. Das Wasser, das sich darin sammelte, baute einen starken Druck auf. Dadurch wurde die Felsbewegung ständig beschleunigt. Inzwischen sind wir an einem Punkt angelangt, bei dem es auch ohne Wasser schnell weitergeht.

Könnte die Gefahr eines grossen Felssturzes durch Sprengungen minimiert werden?
Das ist in diesem Fall sehr schwierig, weil das Gelände zurzeit stark absturzgefährdet ist. Kleinere Sprengungen können so nicht verantwortet werden. Im Gegensatz zu Felsstürzen wie Anfang März über der Gotthardbahnlinie sind hier viel grössere Volumina in Bewegung, die nicht einfach so gesprengt werden können.

Weshalb wurde nicht vorher gesprengt?
Eine Sprengung dieses Ausmasses kann nur schwer kontrolliert werden. Es besteht das Risiko, das alles auf einmal herunterkommt. Bei einem natürlichen Absturz kommt es meist zu mehreren, kleineren Abstürzen.

Die Devise heisst nun also Abwarten und Hoffen?
Ja, wir hoffen, dass es zu einem Teilabbruch kommt. Der sollte genügend gross sein, damit das ganze Gebiet wieder ruhiger ist, aber nicht so gross, dass es das Industriegebiet trifft.

Wie ist es überhaupt möglich, einen solchen Felssturz vorauszusagen?
In Preonzo wurden bereits vor 20 Jahren erste Felsbewegungen festgestellt. Seither steht das Gebiet unter ständiger Beobachtung. Seit dem 1. Mai haben wir unsere Radaranlage installiert. Mit dieser neuen Technologie ist es möglich ist, die Veränderungen in der Felswand aus der Ferne milimetergenau zu beoabachten.

Wie funktioniert dieses Radar?
Das Radar misst auf mehrere Kilometer Distanz die Reflexion von Radarwellen am Fels. Damit ist eine sehr genaue Distanzbestimmung auf den Millimeter genau möglich. Zusätzlich ist eine flächige Messung möglich, so sieht man Bewegungen in der ganzen Felswand und nicht nur in einzelnen Punkten. Es wird erkennbar, welche Felsbereiche sich momentan am schnellsten bewegen. Man muss dazu auch keine Messgeräte in der Felswand montieren, was hier sowieso viel zu gefährlich wäre. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.05.2012, 18:02 Uhr

Der Physiker Lorenz Meier arbeitet bei der Geotest AG in Zollikofen (BE). Er ist Experte für die Überwachung von Naturgefahren.

Evakuierung und Strassensperrung

In der Tessiner Gemeinde Preonzo herrscht akute Steinschlaggefahr. Gemäss Roland David, Chef des Tessiner Forstamtes, wurde ein Industriegebiet evakuiert, das vom Niedergang betroffen sein könnte.

Die Kantonsstrasse bleibe auf dem Abschnitt bis auf weiteres gesperrt. Der Schulunterricht für die Primarschüler sei auf Beschluss der Gemeinde in die Nachbarorte verlegt worden. Zwar bestehen für den Dorfkern und die Schulen gemäss David keine Gefahr.

Doch die Gemeinde wolle auf diese Weise den Pendelverkehr im Ort reduzieren. Zwischen 0,5 und 2 Zentimeter pro Stunde würden sich die Geröllmassen am Berg aktuell bewegen, sagte David. Die Geschwindigkeit habe zugenommen. Sensoren überprüfen laufend die Situation am Hang. (mrs)

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