Interview

«Es wird möglich sein, Organe im Labor nachzubauen»

Erstmals in der Geschichte wurden menschliche Stammzellen erfolgreich geklont. Biologe Sebastian Jessberger über Ersatzorgane auf dem Labortisch, individuelle Medizin und ethische Bedenken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Jessberger, Wissenschaftlern gelang es erstmals, menschliche Stammzellen zu klonen. Wie ist diese Nachricht einzuordnen?
Hierbei handelt es sich durchaus um einen bedeutenden Durchbruch. Die Bedeutung liegt im technischen Fortschritt, den diese Methode ermöglicht. Nun können über eine neue Methode Stammzellen gewonnen werden, die über ein enormes Anwendungspotenzial verfügen.

Die Methode an sich war aber schon bekannt.
Genetisch identische Embryonen wurden bisher auch schon von Mäusen und anderen Tieren gewonnen. Auch die Technik, welche beim berühmten Klonschaf Dolly eingesetzt wurde, ist ähnlich. Noch nie gelang dieser Schritt aber bei menschlichen Zellen. Die Mitarbeiter der Forschergruppe aus Oregon hatten vielleicht ein wenig Glück, fanden aber vor allem kreative Lösungen, um die letzten bestehenden Probleme zu lösen.

Welche Vorteile ergeben sich aus der neuen Methode?
Es könnte in Zukunft einfacher werden, defekte Zellen zu ersetzen. Nehmen Sie zum Beispiel einen Menschen mit kaputter Leber: Ersatzorgane konnten für einen solchen Patienten bisher zwar transplantiert werden, jedoch bestand stets die Gefahr, dass sie vom Körper abgestossen werden. Wenn man die neue Leber nun mittels geklonter Stammzellen des Patienten, entweder durch die neu beschriebene Methode oder zum Beispiel mit induzierten pluripotenten Stammzellen (sogenannten iPS-Zellen, siehe Box) aufbauen kann, wird dieses Problem umgangen. Der Körper erkennt seine eigenen Zellen und stösst diese nicht mehr ab.

Welche Möglichkeiten ergeben sich für die Diagnose von Krankheiten?
Wer Mutationen trägt, die sich im Gehirn oder in einzelnen Organen manifestieren, kann in der Zukunft eventuell auf eine bessere Diagnostik hoffen. Es wird möglich sein, Organe im Labor nachzubauen, welche aus geklonten Stammzellen bestehen. Diese hätten das gleiche Erbgut wie der betroffene Krankheitsträger. Ausserhalb des Körpers, in einer Petrischale am Labortisch, wäre dann eine Diagnostik der Krankheit und vor allem auch ein besseres Verständnis der krankmachenden Prozesse möglich.

Was könnte man sonst noch an diesen geklonten Organen untersuchen?
Auch Medikamentenscreenings sind vorstellbar. So könnten an einem defekten «nachgebauten» Organ verschiedene Medikamente getestet werden. Wenn eines zur gewünschten Wirkung führt, könnte man es anschliessend auch dem Patienten verschreiben. All diese Möglichkeiten zeigen: Mit geklonten menschlichen Stammzellen wird die menschliche Medizin weitgehend personalisiert werden.

Ist dies auch für die regenerative Medizin von Bedeutung?
Ja. Man verfügt jetzt über eine perfekte zelluläre Quelle, um patientenspezifisch Zellen des Körpers, zum Beispiel Haut- oder bestimmte Hirnzellen, nachzubauen. Auch hier kann nun das Risiko vermieden werden, dass der Körper die neuen Zellen abstösst. Dies wird im Rahmen der regenerativen Medizin einiges erleichtern.

Mit welcher Methode arbeitete man bis anhin an diesen Problemen?
Die heutige Forschung im Rahmen von Hautverpflanzungen bedient sich der induzierten pluripotenten Stammzellen, also Körperzellen, welche wieder zu Stammzellen umprogrammiert wurden. Diese Stammzellen können dann zu beliebigen anderen Körperzellen weiterentwickelt werden. Spannend wird für die Forscher der Vergleich zwischen den iPS und den durch das neue Verfahren gewonnenen Stammzellen sein. Je nach Anwendung ist wohl die eine oder andere Form besser geeignet.

Was ist der bedeutendste Nachteil bei der Klonung menschlicher Stammzellen?
Das genetische Material kommt auch hier vom Patienten, doch für die Zellhülle braucht es bei dieser neuen Methode hochqualitative menschliche Eizellen. Dafür ist eine kleine Operation an den Eierstöcken nötig, die nicht ganz unproblematisch ist. Neben technischen Schwierigkeiten gibt es auch ethische Bedenken.

Inwiefern? Auch bei der iPS-Methode werden Stammzellen weiterverarbeitet.
Ja, doch es kommt auf den Ursprung dieser Zellen an. iPS gelten als ethisch unproblematisch, da sie ursprünglich aus Hautzellen gewonnen wurden. Bei der neuen Methode liegt der direkte Ursprung in den weiblichen Oozyten. Die Herkunft der Zellen ist ausschlaggebend für die ethische Diskussion. In der Schweiz lässt die aktuelle Gesetzgebung deshalb das Klonen menschlicher Stammzellen nicht zu.

Neben dem therapeutischen Klonen von Stammzellen wird auch das reproduktive Klonen diskutiert. Ist der Mensch durch die neue Technik, wie Medienberichte suggerieren, nun tatsächlich näher am Menschenklon?
Ich denke nicht. Was wir nun zur Verfügung gestellt bekommen, ist vor allem ein etwas erweiterter Werkzeugkasten. Die Probleme, die sich beim Klonen stellen, sind aber etwas anders gelagert. Und zurzeit hat, zumindest meines Wissens nach, niemand Erfahrung im Klonen von Menschen.

Warum gelingen bei Tierversuchen nur selten gesunde Klone?
Die Technik ist ganz einfach noch nicht genug ausgereift. Auch wenn wir es schaffen, ein zu 99,9 Prozent perfektes Tier zu klonen, reicht das noch nicht. Das Klonen scheint von der Evolution wohl einfach nicht vorhergesehen zu sein.

Erstellt: 16.05.2013, 19:01 Uhr

Geklonte Stammzellen

Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler daran, embryonale Stammzellen von Menschen durch Klonen zu erzeugen. Nun gelang einem internationalen Team der Oregon Health & Science University der Durchbruch. Kopf der Gruppe ist Masahito Tachibana. Der renommierte Biologe sorgte 2009 für Aufsehen, als er Rhesusaffen präsentierte, die das Erbgut zweier Mütter trugen.

Bei dem nun angewendeten Verfahren implantierten die Forscher das Erbgut einer Hautzelle in die leere Eizelle einer Spenderin. Die daraus entstandenen Embryonen sind genetische Kopien des Hautzellenspenders.

Bisherige Variante

Induzierte pluripotente Stammzellen (iPS) werden heute weltweit als Ersatz für natürliche Stammzellen verwendet. Ursprungsmaterial der iPS sind normale Körperzellen. Diese werden auf einen «Stammzellen-Modus» umprogrammiert und können anschliessend in beliebige Zelltypen umgewandelt werden.

Anwendung finden iPS heute vor allem im medizinischen Bereich. So nutzt man sie zur Erforschung von Krankheiten oder bei Hauttransplantationen. iPS haben den grossen Vorteil, dass sie im Einsatz als ethisch unbedenklich gelten.

Erforscht die Regulierung und Funktion von Stammzellen im Gehirn: Sebastian Jessberger, Professor an der Universität Zürich.

Artikel zum Thema

Forscher klonen erstmals menschliche Stammzellen

Hintergrund Amerikanischen Wissenschaftlern ist es erstmals gelungen, genetisch identische Embryonen herzustellen, die mehrere Tage überleben. Mehr...

Forscher klonen eine Maus fast 600 Mal

Im wohl grössten Klonprojekt mit einem Säugetier haben die Forscher um den Japaner Teruhiko Wakayama 598 Klone einer einzigen Maus gezüchtet. Das Team hofft, noch weiter gehen zu können. Mehr...

Eigene Haut aus dem Labor

«Tissue Engineering» heisst ein Zauberwort in der Medizin: Aus Zellen von Patienten werden Gewebe oder ganze Organe gezüchtet. Ein neues Labor macht dies jetzt auch in Zürich möglich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...