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«Feuchtfröhliche Bazillen-Lieder»

Martina King erforscht, wie die Entdeckung der ersten Bakterien die Gesellschaft in Aufruhr versetzte.

Bakterien unter dem Elektronenmikroskop: Enterokokken haben einen grossen Anteil an der aeroben Darmflora.

Bakterien unter dem Elektronenmikroskop: Enterokokken haben einen grossen Anteil an der aeroben Darmflora.

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Ende des 19. Jahrhunderts führte die Entdeckung der ersten Bakterien zu einer wahren Massenhysterie. Sie haben in dem Zusammenhang den Begriff «Microbe Entertainment» geprägt. Was ist damit gemeint?
Das Thema Bakterien war damals in den deutschsprachigen Medien und der Öffentlichkeit in einer Art und Weise präsent, die man sich heute kaum vorstellen kann. Dass da etwas kleines Krankmachendes in der Luft ist, das man nicht sehen kann, sorgte für unglaubliches Aufsehen. Die Bakteriologie wurde zum Gegenstand der Massenunterhaltung, aber auch zum Stimulus der Avantgardekunst.

Wann setzt der Hype ein?
So richtig startet es mit der Cholera-Reise von Robert Koch. Dieser fährt 1884 nach Indien, um die Cholera zu bekämpfen, und entwirft dabei seine Reise wie einen Abenteuerroman. Alle erwarten, dass der Arzt in Indien den «Feind» findet, was er dann auch tatsächlich tut. Als Koch zurückkommt, explodiert die Berichterstattung zu seiner Reise, und die Bakteriologie wird zum kollektiven Mythos der Jahrhundertwende.

Wie zeigt sich diese Begeisterung für Bakterien konkret?
Das Thema ist einfach omnipräsent. Die Unterhaltungspresse macht aus Kochs Reise eine kolonialistische Heldengeschichte für die ganze Familie. In den Kulturmedien trägt das Thema ganz andere Züge. Die Intellektuellen reagieren mit Kritik und Satire auf die Tatsache, dass in der Wissenschaft etwas zum Thema Nummer eins wird, das niemand sehen kann und das man nur glauben kann. Es gibt auch jede Menge Bazillenwitze und absurde Sprachspiele.

Zum Beispiel?
An den grossen Jahrestagungen der Deutschen Ärzte und Naturforscher singen die Teilnehmer abends feuchtfröh­liche Bazillen-Lieder. Der Inhalt ist oft chauvinistisch und handelt zum Beispiel von Tripper-Bakterien in den weiblichen Geschlechtsorganen. Es gibt auch Umdichtungen von alten Balladen, in denen ein schlafender Bakteriologe nachts von seinen Mikroben überwältigt wird.

Gelten die Bakteriologen in der Bevölkerung als Helden?
Der euphorische Glaube an den Nationalhelden ist verbreitet, auch verbunden mit Kriegsmetaphorik. Bakterien sind dann gefährliche koloniale Subjekte, gegen die man Krieg führen muss. Daneben gibt es kritische Intellektuelle, welche die Bakteriologie und Robert Koch ins Lächerliche ziehen. August Strindberg oder Karl Kraus machen sich zum Beispiel darüber lustig, wie sich die ganze Bevölkerung begeistert dem Mikrobenjagen hingibt und mit Desinfektionsmitteln das Unsichtbare bekämpft.

Heute haben Ebola-, Grippe- und andere Viren die Bakterien abgelöst. Hat sich letztlich nichts geändert?
Es ist nicht so, dass Viren die Mikroben als Metapher einfach beerbt haben. Bakterien sind schon immer menschenartig entworfen worden, als lustige oder böse kleine Männlein. Die Viren werden hingegen von Anfang an in populärwissenschaftlichen Diskursen eher als reine Informationsträger konstruiert. Doch die lustvolle Massenparanoia vor Ansteckung, die medial und politisch ausgeschlachtet wird, funktioniert noch immer genau gleich.

Erstellt: 20.02.2015, 18:53 Uhr

Martina King

Die Germanistin und Kinderärztin lehrt an den Uni­versitäten Innsbruck und Bern und forscht zur Literatur und Kulturgeschichte der Mikrobiologie.

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