Flattermann mit Förderband

In den tropischen Regenwäldern lösen Blumenfledermäuse in der Nacht die Kolibris ab und naschen Nektar von den Blüten. Im Laufe der Evolution haben sie ihre Zungen angepasst.

Die Videoaufnahmen zeigen ein Pulsieren der Zunge: Eine Fledermaus der Art Lonchphylla tut sich an einer Blüte gütlich. Foto: Gunter Ziesler (Getty Images)

Die Videoaufnahmen zeigen ein Pulsieren der Zunge: Eine Fledermaus der Art Lonchphylla tut sich an einer Blüte gütlich. Foto: Gunter Ziesler (Getty Images)

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Kaum sinkt die Sonne in Panama hinter den Horizont, schwirrt ein grauer Schatten vor der sich im Dunkeln öffnenden Blüte in der Luft und fischt mit einer ­langen Zunge nahrhaften Nektar aus ihr. «Diese Blumenfledermäuse übernehmen die Nachtschicht für die am Tage aktiven Kolibris», erklärt Marco Tschapka von der Universität Ulm. Viele dieser fliegenden Säugetiere schlecken den Nektar ähnlich aus den Blüten, wie Katzen Wasser aus einer Schale trinken.

Einige der Blumenfledermäuse aber scheinen das leckere Zuckerwasser wie mit einem Förderband in ihr Maul zu pumpen, beschreiben Marco Tschapka und seine Ulmer Kolleginnen Mirjam Knörnschild und Tania Gonzalez in der Zeitschrift «Science Advances» die Fressmethode.

Wie mit dem Wischmopp

«Das Ganze ist Teil eines uralten Tauschhandels, den die Evolution in vielen Millionen Jahren perfektioniert hat», fasst Marco Tschapka zusammen: Überall auf der Welt locken Pflanzen mit ihrem nahrhaften Zuckerwasser Tiere an, die dann die Pollen des Gewächses zu anderen Blüten tragen. Dieses Geschäft «Nektar gegen Unterstützung bei der Fortpflanzung» betreiben in Europa Insekten wie zum Beispiel Honigbienen und Hummeln. Ihren Job übernehmen in den Tropen unter anderem auch Vögel wie die Kolibris. Die sind aber meist nur tagsüber unterwegs, in der Nacht werden sie in der neuen Welt von Blumenfledermäusen abgelöst. Beim Fressen bleiben bei Insekten, Vögeln und Säugetieren gleichermassen Pollen aus den Blüten in den Borsten, Federn und Haaren hängen und reisen als blinde Passagiere über Entfernungen, die Pflanzen aus eigener Kraft nicht überwinden könnten.

Einige dieser Blumenfledermäuse hält Marco Tschapka auch in Ulm und beobachtet sie dort beim Fressen. Diese Glossophaga soricina genannte Art fliegt normalerweise direkt zu einer Blüte und steht ähnlich wie ein in der Tagschicht aktiver Kolibri mit schnellen Flügelschlägen vor ihr in der Luft. Allerdings schwirren die Vögel oft einige Sekunden vor der Blüte, während sich die Fledermäuse dort kaum länger als eine Sekunde aufhalten. Diese Zeit aber reicht, um ihre Zunge blitzschnell vier bis sechs Mal in den Nektar zu stecken und ebenso schnell wieder einzuziehen.

Um auch in tiefe Blütenkelche zu kommen, strecken die Tiere ihre Zunge manchmal fast so weit aus dem Maul heraus wie ihr Körper lang ist. Genau wie auf der Zunge eines Menschen wölben sich aus der Schleimhaut kleine Papillen, die bei Glossophaga soricina und anderen Blumenfledermäusen aber wie kleine Härchen geformt sind. «Wie ein Mopp im Haushalt halten diese Härchen das Zuckerwasser ein wenig fest und transportieren so bei jedem Zungenschlag Nektar ins Maul», sagt Marco Tschapka.

Überlange Zunge mit Rillen

Einer Gruppe der Blumenfledermäuse aber fehlt dieser «Nektar-Mopp» auf der Zunge. Stattdessen haben diese gerade einmal 15 Gramm leichten Säugetiere auf beiden Seiten je eine kleine Rille in ihrer überlangen Zunge, die über einen Millimeter tief ist. Wie aber können sich diese Nektarfresser ohne Mopp überhaupt ernähren?

Um diese Frage zu klären, fingen die Forscher in einer Höhle in Panama solche Blumenfledermäuse der Art Lonchophylla robusta. In einem vier mal vier Meter grossen und 2,5 Meter hohen Zelt durften die Tiere dann in der Station ­Bocas del Toro des Smithsonian Tropenforschungsinstituts aus einer Glasröhre Wasser trinken, das etwa 17 bis 18 Prozent Zucker enthält. Die Forscher beobachteten die Szenerie mit einer speziellen Videokamera, die pro Sekunde 500 bis 700 Bilder in einem infraroten Licht macht, das weder die Fledermäuse noch wir Menschen sehen.

Anders als beim schnellen Lecken mit der Nektar-Mopp-Zunge aber bleibt die Rillen-Zunge während des ebenfalls gerade einmal Ein-Sekunden-Schwirrflugs dauernd im Zuckerwasser. An den Rillen zeigen die Infrarot-Video-Aufnahmen ein Pulsieren, das offensichtlich Zuckerwasser in den Rillen nach oben ins Maul pumpt. «Es erinnert ein wenig an die Bewegungen in einem Darm, der sich verengt und dabei das enthaltene Material in eine Richtung weiterdrückt», erklärt Marco Tschapka. Allerdings sind die Rillen auf beiden Seiten der Zunge ja offen und das Zuckerwasser könnte beim Quetschen herausfliessen. «Vielleicht halten ja sogenannte Kapillarkräfte den Nektar in den Rinnen», vermutet Marco Tschapka. Ob diese Annahme zutrifft und wie das Nektar-Förderband auf den Seiten der Zunge genau funktioniert, wollen die Ulmer Forscher in weiteren Experimenten herausfinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2015, 01:49 Uhr

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