Geadelt und gestolpert

Rajendra Pachauri, Chef des UNO-Klimarates IPCC, warnte glaubwürdig vor dem Klimawandel. Mit dem Verdacht sexueller Belästigung endet seine Karriere ohne Ehre. Ein Portrait von Martin Läubli.

Eine Krise zu viel: Ökonom und Ingenieur Rajendra Pachauri. Foto: Gurinder Osan (AP)

Eine Krise zu viel: Ökonom und Ingenieur Rajendra Pachauri. Foto: Gurinder Osan (AP)

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So möchte niemand die Karriere beenden. Zwölf Jahre stand Rajendra Pa­chauri der wichtigsten Institution der ­Klimaforscher vor, dem UNO-Klimarat IPCC. Im Oktober wäre der vornehme Inder an der 42. Session des IPCC in ­Dubrovnik mit allen Ehren am Ende seiner letzten Amtsperiode verabschiedet worden.

Nun gab er überraschend seinen Rücktritt – unter Verdacht, eine junge Mitarbeiterin am renommierten indischen Institut für Energie und Ressourcen (Teri) sexuell belästigt zu haben. Pachauri war Generaldirektor des Teri. Diese Woche in Nairobi an der 41. IPCC-Session ist er nicht mehr dabei. Dafür wird sein Abschiedsbrief an UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon verlesen. Darin bekräftigt er, der IPCC sei das Engagement seines Lebens gewesen.

Der bald 75-jährige Pachauri war ein höflicher Mann, elegant gekleidet, stets mit Einstecktuch in der Brusttasche. Er war unkompliziert und wirkte stets entspannt. Selbst bei einem Interview im engen Doppelstockzug zwischen Zürich und Bern – in den Gliedern die lange Reise von Delhi. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen, auch das immer ­wieder klingelnde Handy nicht.

Pachauri war kein brillanter Redner, hatte nicht das Charisma des früheren IPCC-Chefs, des britischen Atmosphärenchemikers Robert Watson, der polterte und Anfang 2000 engagiert vor dem bevorstehenden Klimawandel warnte. Pachauri, Ökonom und Ingenieur, war dagegen umgänglich und ­bewegte sich schon deshalb gewandt auf dem vornehmen Parkett politischer Würdenträger. Der angesehene Wissenschaftler sammelte international Ehrenorden, die Liste seiner Mandate und Ehrenämter ist lang.

Umstritten und vorverurteilt

Dennoch lief in Pachauris IPCC-Karriere nicht alles nach Wunsch. Bereits bei seiner Wahl herrschte Krisenstimmung. Die internationale Klimapolitik wurde durch den Widerstand der US-Regierung geschwächt. Der damalige IPCC-Chef ­Robert Watson war der amerikanischen Erdölindustrie ein Dorn im Auge. Er war für die Öllobby ein Alarmist und unbequemer Zeitgenosse. Watson, inzwischen geadelt, wurde im April 2002 nicht wiedergewählt. Es kam Rajendra Pachauri. Er war nicht Klimaforscher wie Watson, zudem ehemaliger Verwaltungsrat der Indian Oil Corporation. «Pachauri hat das aber bei seiner Bewerbung transparent gemacht», erinnert sich José Romero, seit 1996 IPCC-Koordinator in der Abteilung Internationales beim Bundesamt für Umwelt.

Für viele Wissenschaftler und Politiker galt Pachauri als Marionette der US-Regierung unter George W. Bush. Der vermeintliche Einfluss der Erdöl­industrie auf die Wahl hinterliess Risse im Ansehen des Weltklimarates. Forscher, darunter auch ehemalige IPCC-Autoren, zweifelten an der politischen Unabhängigkeit, wie es sich für eine wissenschaftlich Institution gebührt.

Doch es kam anders: Pachauri entpuppte sich als guter Verkäufer der IPCC-Ergebnisse, seine Unaufgeregtheit machte ihn glaubwürdig. Und immer wieder versuchte er, den Vorwurf der politischen Instrumentalisierung zu klären. «Wir zeigen die Folgen bei verschiedenen Erwärmungstrends auf, geben aber keine Empfehlung ab.» Auf die Kritik, die Regierungen würden die ­Ergebnisse des Klimaberichts verwässern, konterte Pachauri diplomatisch: «Dafür haben wir nun einen exzellenten Report.» Anderseits hielt er sich nicht mit politischen Statements zurück, vor allem wenn es um die finanzielle Unterstützung der Entwicklungsländer durch die Industriestaaten ging.

Ehrung mit Friedensnobelpreis

Die Arbeit des IPCC erhielt die höchste Ehre, die sie bekommen konnte. 2007 wurde dem Weltklimarat der Friedensnobelpreis verliehen. Doch auf das Hoch folgte das nächste Tief. Kurz vor dem ­Klimagipfel in Kopenhagen 2009 wurden E-Mails von IPCC-Forschern des renommierten britischen Klimainstituts der East-Anglia-Universität gehackt. Es wurde behauptet, die Forscher hätten Daten manipuliert. Mehrere unabhängige Untersuchungen verneinten dies indes. Wenige Monate später der nächste Tiefschlag. Der IPCC musste unter anderem einen Fehler zur Schmelzrate der Gletscher im Himalaja eingestehen, der sich im Klimabericht 2007 eingeschlichen hatte. Der IPCC-Chef hatte Mühe, mit dem Druck umzugehen. Er verlor seine übliche Contenance. Den Fehler wollte er zuerst nicht zugeben. Er stellte sich einfach hinter die Ergebnisse der IPCC-Autoren und beschimpfte Kritiker vor laufender Kamera als Voodoo-­Wissenschaftler. Manche Wissenschaftler waren vor den Kopf gestossen. Seine Reaktion erwies der Wissenschaft einen Bärendienst. «Als Wissenschaftler muss ich erst alle meine Aussagen überprüfen, bevor ich urteile und Stellung nehme», sagt der Schweizer IPCC-Autor und ETH-Forscher Andreas Fischlin.

Der Fall hatte auch sein Gutes. Der IPCC liess das Management von einer unabhängigen Instanz überprüfen – und Pachauri bot Hand dazu. So wurde etwa das Begutachtungsverfahren für die IPCC-Berichte strenger, und das Fehlerprotokoll ist von Anfang an öffentlich.

Die IPCC-Karriere von Rajendra Pa­chauri endet fast schicksalshaft mit einer weiteren Krise. Diesmal einer persönlichen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2015, 20:34 Uhr

Wahl des IPCC-Chefs

Die Chancen von Thomas Stocker

Das Kandidatenkarussell für die Wahl zum Nachfolger des Vorsitzenden des Weltklimarates (IPCC) Rajendra Pachauri dreht sich bereits. Der Bundesrat nominierte vor einer Woche den Berner Klimaforscher Thomas Stocker von der Universität Bern. «Falls er als IPCC-Vorsitzender gewählt würde, wäre das ein grosser Prestige­gewinn und beste Werbung für den Forschungsstandort Schweiz», sagt Franz Perrez, Chef der Abteilung Internationales im Bundesamt für Umwelt (Bafu).

Thomas Stocker hat bereits eine lange Karriere beim IPCC hinter sich. Für den 5. Klimabericht leitete er zusammen mit dem chinesischen Kollegen Dahe Qin die Arbeitsgruppe I, die sich mit dem physikalischen Zustand unserer Erde beschäftigt. Seine wissenschaftlichen Qualitäten sind unbestritten.

Trotzdem hat er harte Konkurrenz bei der Ausmarchung für den IPCC-Vorsitz. Die USA haben Chris Field nominiert. Der Umweltforscher vom Carnegie-Institut für Globale Ökologie war Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II, die sich mit den Auswirkungen einer Erderwärmung beschäftigt. Deutschland setzt sich für Ottmar Edenhofer ein. Der Chefökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung stand der IPCC-Arbeitsgruppe III vor, die sich mit ökonomischen und sozialen Aspekten des internationalen Klimaschutzes beschäftigt. Auch der aktuelle Vizevorsitzende des IPCC, der Belgier Jean-Pascal Ypersele, kandidiert und ist der Einzige, der schon erheblich in die Wahlkam­pagne investiert hat. Hinzu kommt der Südkoreaner Yonseong Lee. Beide sollen nicht über die wissenschaftlichen Meriten der drei Co-Chairs verfügen.

Thomas Stocker hat sich bereits als IPCC-Reformer ins Spiel gebracht. Unter anderem sollen die Klimaberichte nicht mehr alle sechs, sondern alle acht bis zehn Jahre erscheinen. Für die Klimapolitik wäre eine Verlängerung des Erscheinungsdatums aber nicht hilfreich. «Ein Ergebnis könnte an der bevorstehenden Klimakonferenz in Paris sein, dass alle fünf Jahre neue Emis­sionsziele für die Staaten formuliert werden», sagt Franz Perrez vom Bafu. Dann wäre es ideal, wenn der IPCC den gleichen Rhythmus für die Veröffentlichung der Klimaberichte hätte. (ml )

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