Geben Kühe länger Milch, hilft das dem Klima

Bauern sollen längerfristig neue Zuchtziele für Kühe setzen, empfehlen Forscher von Agroscope Reckenholz.

Wie reduziert man Emissionen in der Milchwirtschaft? Euter einer Kuh in Walperswil BE. Foto: Xavier Gehrig (Keystone)

Wie reduziert man Emissionen in der Milchwirtschaft? Euter einer Kuh in Walperswil BE. Foto: Xavier Gehrig (Keystone)

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Für den Bauern ist Klimaschutz mehr, als Strom mit Solarzellen zu produzieren, wie das in der Schweiz immer öfter der Fall ist. Er braucht zusätzliches Fachwissen – weil Treibhausgase nur wirksam reduziert werden können, wenn er detailliert Bescheid weiss über seinen Betrieb: vom Maschinenpark über klimaschonende Tierhaltung bis zum Grünlandmanagement.

Das zeigt ein neuer Bericht der Forschungsanstalt Agroscope in Reckenholz, die beim Bundesamt für Landwirtschaft angegliedert ist. Die Autoren haben dabei mithilfe eines Punktesystems im Auftrag der Vereinigung der integriert produzierenden Bauern und Bäuerinnen IP-Suisse eine Bewertung vorgenommen, wie gross die Wirkung verschiedener Klimaschutzmassnahmen ist. «Im Zentrum steht dabei nicht das Treibhausgas Kohlendioxid, sondern Methan und Lachgas», sagt Hauptautorin Martina Alig. Das Erwärmungspotenzial von Methan ist deutlich höher als bei CO2, das Gas bleibt aber weniger lang in der Atmosphäre.

Weniger Jungvieh halten

So überrascht grundsätzlich nicht, dass die Agroscope-Forscher in der Kuhhaltung ein grosses Potenzial sehen, weil Wiederkäuer eine ordentliche Menge Methan im Verlaufe ihres Lebens aus­atmen. Ihre Empfehlung ist für den Laien dennoch erstaunlich: Vorteilhaft für den Klimaschutz sei, die Kühe länger zu halten. «Wenn eine Kuh nur während dreier Jahre Milch gibt, wie das im Durchschnitt der Fall ist, dann ist sie fast die Hälfte ihres Lebens unproduktiv», sagt Agroscope-Forscherin Martina Alig. Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass ein Bauer weniger Jungvieh braucht, wenn eine Kuh ihre gesamte Milchleistung auf eine längere Lebenszeit verteilt. Das heisst laut Alig konkret: Es müssten langfristig neue Zuchtziele gesetzt werden, die nicht mehr auf Milchhochleistung ausgerichtet sind, sondern auf Langlebigkeit, Gesundheit und Fruchtbarkeit.

Die Autoren erwarten mit dieser Methode eine Reduktion der Emissionen in der Milchwirtschaft von bis zu knapp 4 Prozent. «Die Lebenszeit hat sich in den letzten 15 Jahren verlängert, aber nur wenig», sagt die Umweltnaturwissenschaftlerin. Wer sich auf eine längere Lebenszeit seiner Tiere einlässt, der wird laut Agroscope auch betriebsökonomisch profitieren.

Möglichst wenig umpflügen

Wirksamer Klimaschutz lässt sich gemäss Agroscope-Bericht auch durch ein optimales Grünlandmanagement erreichen, damit der Bauer möglichst wenig umpflügen und neu säen muss. Denn der Boden speichert CO2 und Stickstoff, der beim Pflügen in Form von Lachgas (N2O) – ebenfalls ein Treibhausgas – an die Atmosphäre abgegeben wird.

Erstaunlich ist, dass die Autoren die Direktsaat, also den Eintrag von Säm­lingen ohne Umpflug, nicht berücksichtigt haben. Bislang wurde die Methode als effektive Klimaschutzmassnahme ­gepriesen. «Neue Studien zeigen, dass die Wirkung noch unsicher und schwierig abschätzbar ist», sagt Agroscope-­Forscherin Martina Alig.

Die Empfehlungen sind das eine, die Umsetzung das andere. Die Massnahmen seien jedoch bereits im Gespräch, sagt Alig. Das zentrale Ziel ist dabei laut Bericht, dass die landwirtschaftliche Produktion durch die Klimamassnahmen nicht eingeschränkt wird. Die Klimastrategie des Bundes in der Landwirtschaft zielt darauf ab, bis 2050 mindestens ein Drittel der Emissionen gegenüber 1990 zu reduzieren. Der Anteil der Treibhausgasemissionen in der Schweiz beträgt rund 10 Prozent.

Podium «Essen wir die Erde auf?», Dienstag, 10. November, 19.30 Uhr im ETH-Zentrum, Audimax. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2015, 11:01 Uhr

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