Giftig und gefrässig

Die Haare des Eichen-Prozessionsspinners und des Dunklen Goldafters lösen Ausschläge und Allergien aus. Was dagegen hilft.

Die Eichen-Prozessionsspinner wandern neben- oder hintereinander am Stamm entlang. Foto: Getty Images

Die Eichen-Prozessionsspinner wandern neben- oder hintereinander am Stamm entlang. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Immer wieder sorgen die Raupen der Eichen-Prozessionsspinner für Aufregung. Denn ihre Brennhaare, die sich auch mit dem Wind verbreiten, sind giftig. Bei Kontakt kommt es zu Haut- und Augenreizungen, Atemnot bis hin zu allergischem Schock. «Deshalb ist Vorsicht geboten», sagt Beat Forster von der Eid­genössischen Forschungsanstalt WSL. Vor allem bei Spielplätzen, Schulen, Schwimmbädern, Parkplätzen oder Grünanlagen müsse man die Tiere und ihre Nester entfernen oder das Gebiet absperren.

Die graubraunen Raupen sind nachtaktiv. Zur Nahrungsaufnahme wandern sie in Bändern dicht neben- und hintereinander vom Nest zum Fressplatz und zurück, ähnlich wie bei einer Prozession – daher auch ihr Name. Ab dem vierten Larvenstadium leben sie am Stamm oder an dicken Ästen in grösseren, selbst gesponnenen Nestern zusammen, die von weitem wie Zuckerwatte aussehen.

Bereits nach der dritten Häutung besitzen sie neben den langen, auf Warzen stehenden Büscheln auch eine zweite Behaarung. So wachsen ihnen an den Hinterleibsegmenten die nur 0,1 bis 0,2 Millimeter langen Gifthaare, die sich leicht ablösen und das toxische Protein Thaume­topoein enthalten. Wer die winzigen Brennhärchen berührt, kann über mehrere Tage bis Wochen unter anhaltenden Entzündungen leiden.

Lautes Schmatzen

Im Tessin, Wallis, Genferseegebiet, in der Region Basel und auch im Kanton Aargau kommen die gefrässigen Raupen vermehrt vor. Zum Teil fressen sie ganze Kronen eines Baums kahl. Weil sie zu Tausenden am Werk sind und alle auf einmal knabbern, kann man sie in der Nacht sogar schmatzen hören.

«Da es aufgrund des Klimawandels bei uns in den vergangenen Jahren immer wärmer wurde, können sie sich besser vermehren», sagt Forster. Doch so schlimm wie in Deutschland, wo ihr massenhaftes Auftreten immer wieder zur Plage wurde und sie in einigen Gegenden Süddeutschlands ganze Landstriche verwüsteten, ist es in der Schweiz bisher noch nicht.

«In Basel, Riehen und Bettingen traten letztes Jahr vereinzelte Fälle von Eichen-Prozessionsspinner-Befall auf», sagt Stephan Ramin vom kantonalen Pflanzenschutzdienst Basel-Stadt. Da es in diesem Frühling aber relativ kühl gewesen sei, rechne er damit, dass es jetzt irgendwann im Juli richtig losgehen werde.

Auch im Kanton Aargau geht man davon aus, dass sie bald wieder aktiv sind. «Letztes Jahr war ein Mitarbeiter, der gerade am Mähen bei einer Kantonsstrasse in Windisch war, so heftig betroffen, dass er über mehrere Tage am ganzen Körper juckende Hautausschläge hatte», sagt Dominik Studer, Leiter Strassenunterhalt. Danach habe man alle sofort informiert, dass sie in einer solchen Situation möglichst sofort duschen und zudem die Kleidung komplett wechseln sollten.

Häufiger als der Eichen-Prozessionsspinner ist hierzulande der Dunkle Goldafter. Die Raupe mit den orangen Punkten am hinteren Rücken galt früher als Obstbaumschädling, befällt aber auch Eichen. Sie hat ebenfalls gefährliche Brennhaare. Beide Schmetterlingsarten sind nicht invasiv, sondern hier heimisch. Einer der Unterschiede ist, dass die erste als Gelege mit 100 Eiern und die zweite in faustgrossen Gespinsten von zum Teil über 100 zusammengerollten Räupchen überwintert.

Sind die giftigen Insekten in der Nähe von öffentlichen Einrichtungen, an Fusswegen oder in privaten Gärten, sollten sie aus Sicherheitsgründen bekämpft werden. Egal, ob Prozessionsspinner oder Goldafter. Dazu rücken Spezialtrupps in Schutz­anzügen aus. Sie entfernen die Raupennester aus Büschen oder Bäumen unter anderem mit einem Industriestaubsauger.

Kuckuck als Feind

Aber auch ein Insektizid auf Basis des Bakteriums Bacillus thuringiensis wird versprüht, um die Raupen abzutöten. Allerdings vernichtet das Schädlingsbekämpfungsmittel auch andere Schmetterlingsarten, sodass es nicht immer die erste Wahl ist. «Sobald sich die Raupen jedoch verpuppen, ist das Problem für den Baum erst einmal erledigt», sagt Forster. Gesunde Gehölze können einen zweiten Blattaustrieb entwickeln.

Trotz der Gifthaare haben die zwei Raupenarten natürliche Feinde. So werden sie vom Kuckuck oder vom Pirol sowie einigen räuberischen Käferarten gefressen, insbesondere wenn sie sich stark vermehren. Auch Schlupfwespen können die Spinnerdichte stark reduzieren. Manchmal dauert es aber einige Jahre, bis sich eine Wirkung zeigt.

Abwehrstrategie: Die Haare des Eichen-Prozessionsspinners enthalten das toxische Protein Thaumetopoein, das Entzündungen auslöst. Foto: Getty Images

Kommt der Eichen-Prozessionsspinner mitten im Wald vor, lässt man ihn sein. Doch selbst dort kann es Probleme geben. «Wir hatten letztes Jahr im Winter Waldarbeiter, die rote Pusteln bekamen, nachdem sie Holz von einem Stapel geholt hatten», sagt Forster. Das Holz sei auch noch nach Monaten mit den giftigen Haaren der Raupen kontaminiert gewesen.

Erstellt: 10.07.2019, 13:48 Uhr

Artikel zum Thema

Zu heiss für Menschen

Die Hitzewelle in Indien zeigt, dass manche Regionen der Erde bald nicht mehr bewohnbar sein könnten – Forscher schlagen Alarm. Mehr...

Ist der Wald unsere Rettung?

Es gäbe viel Raum, um Wald aufzuforsten. Trotzdem scheint der Wald kein guter Partner im Klimaschutz zu sein. Mehr...

Der Südpol schmilzt

Seit 2014 ist die Fläche des Meereises rund um die Antarktis um etwa 1,8 Millionen Quadratkilometer geschrumpft. Der massive Schwund ist erstaunlich. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Schweizer Frauenzimmer

Beruf + Berufung «Ich bin mein Leben lang im Unruhestand»

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Bei Sonnenuntergang: Junge spielen Fussball am Ciliwung in Jakarta, Indonesien. (11. Juli 2019)
(Bild: Willy Kurniawan) Mehr...